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Inhalt – Philosophisches

Mythos, Telos

Die bekannten Schriften der Offenbarungen sind bis heute weitgehend historisch dekonstruiert. Das allermeiste ist als imaginiert, intentional und konstruiert und mit real-diesseitigen Interessenlagen konnotiert entlarvt.
Da diese Imaginationen und die sich anschließende Historie aber unbestritten weltrelevante Wirkmacht entfaltet haben, liegt ihre eigentliche Bedeutung also dort – in der Wirkung eben – nicht im Wahrheitsgehalt selbst. Daher auch hier die Frage nach innerer Wahrheit und ihrer Relevanz zu Weltbezug und Weltverwirklichung zu stellen ist. Man weiß indes seit Platon: Wahrheit und (unsere) Welt korrelieren nur in höchst vermittelter Art (Welt selbst ist vielmehr Reduktion oder verstellte Sicht, im Buddhismus wird sie gar zum Trug). Die schärfste Reduktion, der eigentliche Trug wird dabei in der Verkümmerung und Verstellung der intelligiblen Entitäten vorgenommen
Die unbestrittene Wirkmacht der (religiösen) Imagination zeigt dabei wie zum Beweis ihre (einst) nötige Rolle, ihren Platz im teleologischen Weltaufzug. Der Sachverhalt ihrer Dekonstruktion stellt nun aber die Frage nach ihrem (welt-) unabhängigen Kern. Dieser – ohne weiteres gar nicht mehr nachvollziehbar – hat sich inhaltlich entleert und auf Mythos und Ritual verlagert und ist ab einem gewissen geschichtlichen/ erkenntnistheoretischen Punkt aus sich nicht mehr lebensfähig, kann nur künstlich am Leben erhalten werden – wird in diesem Kontext (um sein Vergehen fürchtend) unter Umständen zu einem repressiven Anachronismus. Dabei negiert man folgenden Sachverhalt: Glaubensbilder und Mythen haben ganz allgemein gar keinen zwingenden Ewigkeitscharakter, sondern sie sind viel eher vom Menschen und seinem Stand her zu entwickeln, werden dabei größer, varianter und abstrakter mit der eigenen (progressiven) Angleichung und Annäherung an den Telos. Sie bedeuten keine Apriorie, der Mythos ist nicht vor uns, sondern wir selbst haben ihn geboren, und es sind unsere ureigenen Kreationen, die uns einst so hoch über den Kopf gewachsen scheinen – Archonten, die wir selber nähren (was wiederum etwas über die Wirkmacht und die Apriorie des (eigentlichen, höheren) Menschen ausdrückt. Man kann hier auch sagen: Der Mythos ist apriorisch, jedoch nicht apriorisch zum apriorischen Menschen, und daher: in der (zukünftigen) Findung der eigenen Apriorie muß der Mythos eben progressiven Charakter annehmen. Die Gnosis trifft hierzu die passenden Aussagen vom hohen oder ersten Menschen, der eine den Kosmo-und Theogonien übergeordnete und vorgelagerte transzendente Entität ist.
Und doch ist hier anzufügen: Sind diese Archonten aber Repräsentanz der eigentlichen eidetischen Sphäre in der zeitlich gemäßen Abbildung, sichern sie sich aus sich selbst heraus ihren (ewigen) Bestand und zugleich ihre entsprechende Berechtigung in der Zeit, also auch in der Zukunft.
Arthur Schopenhauer sagt: “Alles Denken im weiteren Sinne des Worts, also alle innere Geistestätigkeit bedarf entweder der Worte oder der Phantasiebilder: ohne eines von beiden hat es keinen Anhalt.” Letztlich definiert diese Innerlichkeit ja gar den Archetypus, der in der Rezeption des Menschen erst Gestalt bekommt.
“Das Denken im engeren Sinne, also das abstrakte, mit Hilfe der Worte vollzogene ist nun entweder rein logisches Räsonnement, wo es dann gänzlich auf seinem Gebiete bleibt; oder es streift an die Grenze der anschaulichen Vorstellungen…”

Das heißt auch: Wird das Denken zum Bild, gerinnt es zur form(el)haften Erzählung, entfernt es sich entsprechend dem Geist-Kern, dann ist es allegorisch, später deutungsvariant und beliebig verschiedenen Intentionen anpassbar und schlicht dem Gang der echten Entwicklung hinderlich.
An der dynamisch gedachten Grenze der anschaulichen Vorstellungen wird es hingegen zur Repräsentanz der geistigen Verfaßtheit an ihrer (vorläufigen) Außengrenze und muß sich also mit dem der Erkenntnis eigenen progressiven Wesen mitführen und fortentwickeln können. Versperren sich die (vermeintlich) geistigen Dinge diesem Prozeß, sind sie Schöpfungen, die sich zuletzt nur zu Welt und Form neigen und so die Neuigkeit, das Explorative des Mythos verhindern und zuletzt die Eigentlichkeit der Grundlegung von Mythos selbst mißachten.

Das Wesen des Seins

“So ist das Wesen des Seins Dynamis, schöpferisches Aus-Sich-Heraus-Setzen eines Denkendseienden in der immanenten Betätigung seiner selbst, Manifestation seiner Macht.” (Volkmann Schluck, Plotin als Interpret der Ontologie Platons)
Eine Analogie hierzu ist das Dasein des Künstlers. Er vollzieht ja den vergleichbaren Akt, er folgt dem prinzipiell naturgegebenen Drang zur Explikation. Dieser Impetus ist ihm, da er ja wesenhaft nicht außerhalb der explikativen Grunddisposition steht, wie zwangsläufig inhärent. Daher auch passend W. Solowjew: “Infolge ihrer Unmittelbarkeit wird die Tätigkeit vom Subjekt selbst als eine fremde Gewalt empfunden – die Begeisterung ist ein unfreier Zustand, ein unfreier Pathos.” Ist ein Mensch aber nicht tätig, nicht produktiv, sondern lediglich reaktiv und passiv, nimmt er nicht die Blickrichtung zu seiner Bestimmung, er negiert vielmehr seine innere Anlage zur Befähigung, analog des Höchsten zu handeln. Zuletzt ist aber auch die Kunst selbst nur eine Analogie zur Berufung zum Tätigsein des Menschen, die viel tiefer liegt und zuvorderst unausgesprochenen Charakters ist, die Kunst vermag den Schaffensprozeß lediglich am Anschaulichsten zu verstofflichen. Schaffung ist aber nicht unbedingt mit Verstofflichung gleichzusetzen, denn Schaffung wirkt zuvorderst im Feinstofflichen. (Und steht über der Kunst.)
Allein die Verstellung des Alltages, die Verstellung der ganzen Biographie gar durch die niederdrückende Seelendisposition, im indischen Vedanta auch als tamas benannt (tamas = Schwere, Starrheit, Dunkel, Niedergeschlagenheit, Furcht, Teilnahmlosigkeit, Unentschlossenheit, Unwissenheit, Trunkenheit, Trägheit, Nachlässigkeit, Bewußtlosigkeit, Schlaf, Ohnmacht, Unreinheit, Schlechtigkeit, Nihilismus…  ) führt zu einer Verdeckung und schließlich zu einem Versiegen der inneren Anlagen.

Fichte sagt: ” Und welches ist denn dieses außer der Vorstellung liegende, das ich mit meinem heißesten Sehnen umfasse? Welches die Gewalt, mit der es sich mir aufdringt? Welches ist der Mittelpunkt in meiner Seele, an welches es sich hängt und anheftet – nur zugleich mit ihr selbst vertilgbar?
Nicht bloßes Wissen, sondern nach deinem Wissen TUN ist deine Bestimmung: so ertönt es laut im Innersten meiner Seele, so bald ich nur einen Augenblick mich sammle und auf mich selbst merke. Nicht zum müßigen Beschauen und Betrachten deiner selbst, oder zum Brüten über andächtigen Empfindungen, – nein, zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen Wert.”

Im Geist Sein

Fichte: “Und so irret denn der arme Abkömmling der Ewigkeit, verstoßen aus seiner väterlichen Wohnung, immer umgeben von seinem himmlischen Erbteile, nach welchem seine schüchterne Hand zu greifen, bloß sich fürchtet, unstet und flüchtig in der Wüste umher, allenthalben bemüht sich anzubauen; zum Glück durch den baldigen Einsturz jeder seiner Hütten erinnert, daß er nirgends Ruhe finden wird, als in seines Vaters Hause. So ist das wahrhafte Leben notwendig die Seligkeit selber; und das Scheinleben notwendig unselig. Und von nun an überlegen Sie mir folgendes: Ich sage: das Element, der Äther, die substantielle Form, so jemand den letztern Ausdruck besser versteht – das Element, der Äther, die substantielle Form, des wahrhaftigen Lebens, ist der Gedanke. –
Zuvörderst dürfte wohl niemand geneigt sein, im Ernste, und in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, Leben und Seligkeit einem andern zuzuschreiben, außer demjenigen, das seiner selbst sich bewußt ist. Alles Leben setzt daher Selbstbewußtsein voraus, und das Selbstbewußtsein allein ist es, was das Leben zu ergreifen, und es zu einem Gegenstande des Genusses zu machen, vermag.
Sodann: das wahrhaftige Leben, und die Seligkeit desselben, besteht in der Vereinigung mit dem Unveränderlichen und Ewigen: das Ewige kann aber lediglich und allein durch den Gedanken ergriffen werden, und ist, als solches, auf keine andere Weise für uns zugänglich.”

Aus den Unpanishaden:
“Der Einzelne und das All
Dies ist seine Größe (des Brahman); größer ist der Puruscha (das universale, urtümliche Wesen); ein Viertel von ihm umfasst alle Wesen; aus seinen weiteren drei Vierteln besteht der Himmel und die Unsterblichkeit; was sich Brahman nennt, ist der Raum, außerhalb des Menschen, aber dieser Raum, der außerhalb des Menschen liegt, ist der gleiche, der innerhalb des Menschen ist, und dieser Raum innerhalb des Menschen ist der gleiche, der im Herzen ist. Er ist die Fülle (das Absolute), das Unveränderliche.
Volles, unveränderliches Gedeihen genießt, wer dies in dieser Weise erkennt.”
(Chandogya-Upanishad, III, XII, 6-9)

Fichte: “Im Geiste, in der, in sich selber, gegründeten Lebendigkeit des Gedankens, ruhet das Leben, denn es ist außer dem Geiste gar nichts wahrhaftig da. Wahrhaftig leben, heißt wahrhaftig denken, und die Wahrheit erkennen.”

Hier wird selbstredend ein Rekurs auf den platonischen noetischen Seinsbegriff mit seiner Betonung der eigentlichen Verortung der intelligiblen Seinsart genommen.
Aber wie der Satz aus dem Upanishad zeigt, die unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität (Brahman) ist nur insofern vom Menschen verschieden, als er um diese immanente Einsheit nicht weiß. Selbstbewußtsein, denkendes Tätigsein sind jedoch hier nur Wegmarke, um aber eben gerade auch hinter das diskursive Denkend-Sein zum vertieften oder eigentlichen Selbst-sein zu kommen, um den Zugang zur Totalität des Seins selber aufzuschließen. Sofern die Fesseln des Körpers (bzw. seiner reduktiven Perzeption) nicht gelöst sind, bleibt der Aspekt der diskursiv-geistigen Tätigkeit lebensbestimmend, das Weltsein des Geistigen aber verborgen und in Gedanken übersetzt nur Geahntes bzw. Gedachtes. Die gedankliche Tätigkeit aber schafft dabei zugleich ein nötiges Bewußtsein, eine Grundhaltung, um das Denken und Sein selber für eine Art Energetik des feinstofflicheren Lebens zu bereiten, wo die feinstoffliche Apriorie Zugang zum (Jung‘schen) Selbst dieser Art erwirkt, daß transzendentes Leben (schon) in der Hiesigkeit zum latenten Konstitutivum wird. Fichtes ‘wahrhaft denken’ ist vielmehr wahrhaftes – ‘feineres’ Sein in ontischer, übergreifender und überbegrifflicher Kontinuität.

Brechungen

Für den geistigen Menschen, Helmuth Plessner:
“Wer geistige Leistungen vollzieht, lebt auch in einem Strukturbruch, d.h. in einer Hiatusgesetztlichkeit.’ Personen sind aus der zentrischen Entsprechung von Organisation und Position herausgesetzt. Sie sind nur in einer exzentrischen Positionalitätsform möglich. Personen vollbringen insofern geistige Leistungen, als sie sich zu der zentrischen Korrelation mit ihrer Umwelt nochmals von außerhalb (ex-) des zentrischen Verhaltens, d.h. aus der Welt heraus, positionieren können. Von dort müssen sie aber als zentrische Lebewesen in eine zentrische Positionalität zurückkommen können.”
“Hieraus erwachsen drei Ambivalenzen: in natürlicher Künstlichkeit sich eine Außenwelt einrichten, sich zu unmittelbarem Verhalten vermittelt verhalten können,für die Verhaltensbildung in der Mitwelt einen utopischen Standort einnehmen, der zwischen Nichtigkeit und Transzendenz der Welt liegt.”

In seinem Buch der göttlichen Tröstung schreibt Meister Eckhart:
“Je vollkommener und reiner die Kräfte der Seele sind, umso vollkommener und umfassender nehmen sie das, was sie erfassen, auf und empfangen umso mehr und empfinden umso größere Wonne und werden umso mehr eins mit dem, was sie aufnehmen, und zwar in dem Maße, daß schließlich die oberste Kraft der Seele, die aller Dinge bloß ist und mit nichts etwas gemein hat, nicht weniger als Gott selbst in der Weite und Fülle seines Seins aufnimmt.”

Nun für den geistigen, charismatisch-spirituellen Menschen:

Für sein Umfeld, sein ‘Publikum’ der alltäglichen Lebenswelt scheint er nicht angepasst, vielmehr offensichtlich dissident, dabei aber auch im Positiven emergent, daher attraktiv, so daß er sich eine Maske zur Reduktion seiner Ausstrahlung (seiner Kraft) zu eigen zu machen hat. Er maskiert sich nicht um öffentlicher Funktionalität und Akzeptanz wegen, sondern um die Überbordung der Akzeptanz einzudämmen. Er reduziert sich, weil die Mitwelt in aller Regel nicht-geistigen (schon gar nicht seines-geistigen) Charakters ist. Monistisch heißt seine Verortung indes: Er ist im Geistigen sich selbst noch nicht genug bekannt, dies ja der Grund, daß er überhaupt in dieser Hiatuswelt mit ihren Brüchen von Geist und Sein, von Subjekt und Objekt inkarniert ist.
Und: Wird ihm nun nach dem Eckhardt‘schen Diktum dieses Außen zu eigen, muß er diesen Vorgang lebenspraktisch integrieren, somit das Außen bemessen, moderat und moderiert zu sich kommen lassen, denn dieses Außen nimmt lebensreell ja nicht einfach seinen Stand und seine Geistigkeit an, sondern fast alles kommt und drängt zu ihm noch in defizienter, deutlich unter ihm verorteter Art, und in der Aufnahme mehrheitlich des Niederen läge zwecks der Angleichung eine zu starke Minderung des erkennenden Aspektes. Dieser Gedanke allerdings birgt auch die Verantwortung zu Bekenntis und Scheidung, da gerade nur an der Marke der Scheidung Progression (und so numinose Einswerdung) möglich gemacht werden kann.
Über den Gedanken Plessners vom Hiatus des Einzelnen zum Außen hinausgehend wird es dem spirituellen Menschen dann zur Aufgabe, diesen Bruch von Geist und Profanität, aber auch von Eigensein als Ganzem und (nötiger) Distanz zum Äußeren im Zuge subtil zu heilen, nämlich (nun wieder monistisch gesprochen) durch gemäßes Zulassen des Vollzuges des Zu-Sich-Selber-Kommens. Die Außen-Aspekte sind vom geistigen Subjekt noch nicht in ihrer Defizienz durchdrungen und erfordern nun generell eine Aneignung in Offenheit und Achtsamkeit. Im Vedanta indes erfahren wir, daß für das Subjekt alles lediglich nur so lange Bestand hat, als dessen trügerischer Schein nicht ergründet ist. Der Hiatus des Spirituellen (im Subjekt) ist und ist zugleich nicht, wird daher derart erkannt und zugleich subtil aufgelöst, denn was zu sich selber kommt, bedarf zuletzt ja keiner Maske mehr. Der Hiatus heilt sich so im notwendigen (Selbst-)Vollzug selber, so ensteht ein ‘Hiatus im Hiatus’.
Und passend W.Solowjew in Bezugnahme auf Hegel: “Die in allem verborgene Kraft der absoluten Wahrheit sprengt die Begrenztheit der partiellen Bestimmungen, reißt sie aus ihrer Trägheit, zwingt sie, in ein Anderes überzugehen und in einer neuen, wahrhafteren und freieren Form zu sich zurückzukehren.”

Sakrale Bildsprache

Der Theismus und die sich anschließende Bildersprache gereicht im Prinzip zum Anthropomorphismus, lenkt also die Blickrichtung nicht zum Transzendenten (da dessen Hypostasen völlig andere Ansichten bergen), sondern führt den Blick stets zurück auf unsere Erfahrungswelt und verhaftet uns in ihrer gewohnten Anschaulichkeit. Der Bezug zum übersteigenden Impetus, der auch Wille zu dessen Beschreibung im Sinne einer Konkretisierung birgt, wird gehemmt, der Imagination selbst ist hierzu die Kraft genommen. Die wichtigsten (christlichen) Ikonographien, die Mutter mit dem Kinde neigt sich ebenso unserer Lebenswelt zu wie Jesu Tod am Kreuz, denn der Tod (erst Recht natürlich die Geburt) ist ja noch ganz die Sache der Lebenden, die Auferstehung indes entzieht sich der Anschaulichkeit und findet kaum ihr Abbild, nicht einmal ihr suffizientes oder angemessenes Symbol.
Und trotzdem gereicht die sakrale Bildersprache (idealiter) zu einer symboli(sti)schen Disposition, die eine Rahmung unserer Welt in einen größeren und höheren Kontext gewährleistet (hat). Dem Profanen und Lebensreellen wird etwas an die Seite gestellt, was von viel höherem Interesse, viel tieferem Ernst zu sein scheint und uns in aller Hinsicht zu überformen in der Lage sein kann.
Die sakrale Darstellung zeigt insofern einen allem Intelligiblen natürlichen Transzendenzwunsch (und dieser existiert ja apriorisch zu jedem religiösen System) und entwirft dem Menschen einen Überbau, eine Ahnung und Gemahnung. So der Mensch sich in einem nächsten Schritt vom genauen Symbol zu lösen versteht und jenes mit der Option zur Verallgemeinerung liest, kann er auch vom sakral-Figürlichen aus von der profanen Hiesigkeit abstrahieren und sich anteilig eines viel größeren, wenn auch vornehmlich vagen numinosen Kontextes fühlen:
Fichte sagt: “Jene Stimme ist das – nur durch meine Umgebung versinnlichte, und durch mein Vernehmen in meine Sprache übersetzte Orakel aus der ewigen Welt, das mir verkündiget, wie ich an meinem Teile in die Ordnung der geistigen Welt oder in den unendlichen Willen, der ja selbst die Ordnung dieser geistigen Welt ist, mich zu fügen habe.”
Versinnlichte höhere Welt ist dabei genauer genommen Abbild im Gegenständlichen eines Blickes in höhere Hypostasen.
So gewährt die sakrale Darstellung einen ambivalenten Blick auf diese, denn einerseits leistet sie wegen ihrem Anthropomorphismus diese Abbildung eben gerade nicht, ist sie somit Verstetigung der hiesigen Anschauung und Dinglichkeit, andererseits -würde man ganz von ihr absehen – was wäre dies nun schlicht für eine Welt, die sich selbst auf ihr äußerstes, profanes Antlitz ohne irgendeinen Hinweis auf das Numinosum reduzierte ?
Und konkreter: Ist christliches Abbild ohne Bezug und Kenntnis der Offenbarungstexte nicht einmal als Transzendentes zu verstehen, so sind mitunter die Darstellungen anderer Kulturräume (etwa der mesoamerikanischen Hochkulturen) viel eher Indiz für gesehene (andere, möglicherweise schamanisch induzierte) Welten, während im christlichen Bildnis kaum mehr als die Darstellung des Heiligenscheins ein Indiz für ein reales ontisches Wissen des Feinstofflichen hergibt (als die Darstellung eines Energiekörpers oder einer Aura). Völlige Bildlosigkeit hingegen repräsentiert eine gewisse Hypostasenfeindlichkeit und tritt vor allem in strengen Monotheismen auf, andererseits ist aber auch Abstraktion Bildlichkeit und Übersetzung der geistigen Hypostase; da Abstraktion aber Übersteigung der Form impliziert, wird hier zumindest die ‘Möglichkeit’ des Anthropozentrismus ausgeschlossen.

Koinzidenter Monismus

Carlo Rovelli: “Nicht die Dinge treten in Beziehung zueinander, vielmehr geht aus den Beziehungen selbst die Vorstellung von Dingen hervor.”
Diese Aussage des Physikers hat gerade eine immense Implikation für das Wesen der Synchronizität. Der gesamte Aufzug unserer Realität ist ein dynamisches Zustandekommen, ein vom Monismus her gedachtes Mit-sich- selbst-Agieren des Ganzen, das in ständiger Bezugnahme auf sich selbst zu Setzungen kommt, die später erst als Koinzidentes verdinglicht und bezeichnet werden können. Die hierzu nötigen Sichtbarwerdungen der Bezugnahmen werden im Subjekt realisiert und in seiner Distanz bzw. Diskrepanz zum Ganzen als frappant empfunden. Dabei ist ein beobachtetes Zusammenkommen schon ein Zwangsläufiges, da nötiges Ergebnis der tieferen Bezugnahme, insofern greift hier das anthropische Prinzip: Es ist Koinzidenz erkennbar, weil die Grundbestimmung des Seins sich schlicht koinzident verhält – die Verdinglichung (und ihre Beobachtung im Subjekt) ist lediglich Ergebnis dieser Normalität der (tieferen) Beziehungshaftigkeit – sie wird eben so beschreibbar, weil sie nicht anderen Charakters ist. Tatsächlich ist das Erleben der Synchronizität also nur der rationale Nachvollzug weltschaffender, sich dauernd vollziehender Notwendigkeit des Einen mit sich selbst, die erst in der intellektuellen Distanz und Übersetzung in Weltgewordenes, daher als vereinzelt Wahrgenommenes, Isoliertes beschrieben -und in der Beschreibung erst als Welt kreiert wird. (Welt ist Wahrgenommenes!) Die Distanz schafft also Begriffe und gar Sinn im Sinne einer aposteriorischen Lesart eines tiefer verorteten allgemeineren mit-Sich-Bewußtseins und Vollziehens. So läßt sich auch nach C. Rovelli sagen: Ich erschaffe die Dinge. Und: Ich erkenne sie (mitunter) auch als verbunden und bin dabei doch (als Ich) angesichts der undurchdringbaren Komplexizität der Kausalketten eben verwundert über das Zustandekommen, weil ich – selber innerhalb der Verdinglichung – nach Grad meines Fragmentiertseins das Wesen der Innerhaftigkeit nicht ganzheitlich integriert habe.
Fichte: “Ich überschaue und durchschaue jene geistige Ordnung nicht, und ich bedarf dessen nicht; ich bin nur ein Glied in ihrer Kette, und kann über das Ganze eben so wenig urteilen, als ein einzelner Ton im Gesange über die Harmonie des Ganzen urteilen könnte.”

Aufnahme und Einswerdung

In seinem Buch der göttlichen Tröstung schreibt Meister Eckhart:
“Je vollkommener und reiner die Kräfte der Seele sind, umso vollkommener und umfassender nehmen sie das, was sie erfassen, auf und empfangen umso mehr und empfinden umso größere Wonne und werden umso mehr eins mit dem, was sie aufnehmen, und zwar in dem Maße, daß schließlich die oberste Kraft der Seele, die aller Dinge bloß ist und mit nichts etwas gemein hat, nicht weniger als Gott selbst in der Weite und Fülle seines Seins aufnimmt.”

Diese Textstelle fügt sich bestens zu einer spezifischen Nahtoderfahrung eines Probanden, der aufgrund seines Erlebnisses schlicht nach dem Sinn des Lebens gefragt wird. Die Antwort fällt in gewisser Weise frappierend einfach aus: das Leben selbst biete eine Möglichkeit des Wachsens, um die Kraft / die Liebe der umfänglichen und unnennbaren, aber in der NTE als Lichterfahrung erlebbaren ‘Entität’ aufnehmen, fassen und halten zu können – um sie schlußendlich selber zu sein. Daß man einst diese Kraft gleichsam einem hierzu ausreichenden Gefäß in sich aufzunehmen geeignet ist, ist Ergebnis einer individuell – evolvierenden Öffnung zum Ganzen im Bewußtsein der Möglichkeit einer Wesensannäherung bis zur inneren Wesensgleichheit durch Erringung und Entfaltung der verborgenen eigenen Größe (bzw. Unendlichkeit).
Es ist offensichtlich, daß Eckhart hier eine Mystagogik entwirft, die zugleich auch eine lebenspraktische Glückslehre genannt werden kann, da sie geeignet ist, ein in der Tiefe erlebbares Kontinuum vom Hier zum (allzeit zur Wirkung drängenden) erhebenden Transzendenten herzustellen. Was aber genauer kann sein Attribut ‘rein’ in Hinsicht auf die Seele meinen? Wir finden dies Diktum von der Reinheit in vielerlei Einlassung aus idealistischer Sicht ausgesprochen, so zum Beispiel bei Ficino: Fliehe das Äußere, Viele, Materielle, Körperliche, richte dich nach innen und oben aus.
Und Eckhart mit Bezug auf Origines: “Gottes Bild, Gottes Sohn sei in der Seele Grund wie ein lebendiger Brunnen. Wenn aber jemand Erde, das ist irdisches Begehren, darauf wirft, so hindert und verdeckt es ihn, so daß man nichts von ihm erkennt oder gewahr wird.”
Aber Eckhart sagt auch -und dies ist als Aufforderung zur Durchdringung zu verstehen (“Gottes Bild wird ihm aus allen Dingen sichtbar.”): “Dies kann der Mensch nicht durch Fliehen lernen, indem er vor den Dingen flüchtet. ”

Der wesenhafte Gott

“Dieses wahrhafte Haben Gottes liegt am Gemüt und an einem innigen, geistigen Sich-Hinwenden und Streben zu Gott, nicht dagegen an einem beständigen, gleichmäßigen Darandenken; denn das wäre der Natur unmöglich zu erstreben und sehr schwer und zudem nicht das Allerbeste. Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einen gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben, der weit erhaben ist über die Gedanken des Menschen und aller Kreatur. Der vergeht nicht, der Mensch wende sich denn mit Willen von ihm ab. Wer Gott so im Sein hat, der nimmt Gott göttlich, und dem leuchtet er in allen Dingen; denn alle Dinge schmecken ihm nach Gott, und Gottes Bild wird ihm aus allen Dingen sichtbar.”
“Traun, dazu gehört Eifer und Hingabe und ein genaues Achten auf des Menschen Inneres und ein waches, wahres, besonnenes, wirkliches Wissen darum, worauf das Gemüt gestellt ist mitten in den Dingen und unter den Leuten. Dies kann der Mensch nicht durch Fliehen lernen, indem er vor den Dingen flüchtet und sich äußerlich in die Einsamkeit kehrt; er muß vielmehr eine innere Einsamkeit lernen, die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen und den kraftvoll in einer wesenhaften Weise in sich hineinbilden zu können.” (Meister Eckhart, Rede der Unterweisung 69)

Die falsche Haltung meint, Gott als Person, als Gegenüber, als väterlichen Beisteher aufzufassen. An Gott denken, zu Gott sprechen, alle Devotion – dies führt zur Erschaffung einer Trennung in Subjekt-Objekt-Relationen und unterminiert die eigene Bestimmung und Veranlagung, die ja Teil der monistischen Disposition und Ursächlichkeit ist, so daß also die eigene Seinslage in einen Dualismus, der zur Entfremdung leitet (im Jung’ schen Sinne einer Selbst-Entfremdung), überführt wird.
Vielmehr ist es nur zielführend, sich im Selbst-Sein nach dem Hohen zu richten (ganz entgegen der theistischen Paulus-Proklamation, das Hohe zu meiden), und in der Ausrichtung ein immanentes Werden zum Höheren (und Einen) zu bilden und zu leben, es also selbst (das einzige Es) zu sein und vielmehr noch es zu werden, um es (Es) schlußendlich wesenhaft ganz zu repräsentieren. Insofern – folgt man Jiddu Krishnamurtis Diktum, die Wahrheit sei ein ‘pfadloses Land’, läßt sich als kleinster oder notwendiger Konsens doch eben ein Weg beschreiben, der – anders als im gnadenabhängigen Theismus – von Entwicklung spricht, dem also überhaupt die Bedeutung des Wortes ‘Weg’ als Überbrücker von (zuletzt imaginierten) Distanzen zukommen mag.
Zu dieser Zweckausrichtung ganz passend (über) Fichte: “Kommt Gott das Sein selbst zu, so dem Bild ein bloßes reines Vermögen, und zwar das Vermögen zur Verwirklichung des Bildes oder anders zum lebendigen Vollzug des Bildens
Und Fichte: “Ein Dasein, das nicht durch sich selbst die Vernunft befriedigt, und all ihre Fragen löset, ist unmöglich das wahre Sein.”
Das wahre Sein aber ist das ganze Sein – die monistische Eigentlichkeit in ihrer Bestimmung und Vollendung.

Zeit und Zahlenreihe

Der Physiker Carlo Rovelli: “Die Gravitationsquanten entwickeln sich nicht in der Zeit, vielmehr ensteht die Zeit als Folge ihrer Wechselwirkungen. Das Vergehen der Zeit ist Teil der Welt, ensteht innerhalb der Welt, aus den Beziehungen zu den Quantenereignissen, die die Welt bilden und selbt ihre eigene Zeit generieren. Die Illusion, daß wir uns in einem Raum-Zeit-Kontinuum befinden, ist nur der unscharfe Blick auf dieses dichte Gewimmel aus elementaren Prozessen.”

Volkmann Schluck
über Plotin: “Die Erzeugung der Zahl, der Bestimmtheit als solcher, ist die Genesis der Sichtbarkeit selbst.”
Dies ist in einer Computeranalogie am ehesten zu vermitteln: Die Welt ist in ihrer (vor-) perzeptionellen Apriorie diskreter Natur und besitzt dadurch eine Potenz zur Unterscheidbarkeit, diese Potenz wird durch die Zahl repräsentiert bzw. macht diese die Grundkonstitution des Apriorischen verbalisierbar. Die Zahlenreihe (als Anordnung im Sinne einer Setzung) ist dabei Vorform und Bedingung zur perzeptionellen Übertragung, stellt schon ihre Grundbedingungen bereit, ist insofern schon eine Geschaffenheit – die Perzeption meint dann lediglich die Visualisierung dieser Anlage. Die reduzierende (und in der Reduktion konstuierende) Blickrichtung bezeichnet in unserem Verständnis ‘Welt’ (analog etwa Platons Schattenspiel an der Wand ist unsere Welt also Reduktion). Die höhere, eigentliche Entitität – die Idee – ist gleichsam also das Programm, das dezidierte Zahlenkonglomerat, das durch ebenso festgelegten Abgriff Welt erst generiert. Ganz in diesem Sinne ist auch die Zeit aus diskreten Einheiten als Bedingtes zu verstehen, welches nur beobachtungsabhängig expliziert ist – gerade passend auch zu Heisenbergs und Weizsäckers Diktum, daß Raum und Zeit nicht apriorischen Charakters sind.
Im Wissen dieses Sachverhaltes kann die aus dem Neuplatonischen formulierbare Aufgabe nun darin gesehen werden, innerhalb des Raum-Zeit Kontinuums eine Ahnung, ein Gefühl zu entwickeln, die Zeitlichkeit zur Überzeitlichkeit zu übersteigen, eine Ausrichtung auf Nicht-Zeitliches zu formen um so das linear empfundene Wesen der Hiesigkeit zu transzendieren. Zwar ist uns die Zeit durch Wandlung und Abfolge und Vergang absolut evident, jedoch ist sie uns – und hierin besteht ja eine Tröstung über die Vergänglichkeit hinweg – nur in der Kopplung an den Raum und die Körperlichkeit manifest.

Wirk-lichkeit

Hans-Peter Dürr sagt: “In der Physik ist die Wirklichkeit nicht Realität, sondern Potenzialität. Die ist nur die Möglichkeit, die sich energetisch und materiell irgendwo manifestieren kann, sozusagen als etwas noch nicht Entschiedenes, Schwebendes. Und diese Potenzialität ist räumlich nicht lokalisiert. Die Welt ist das Eine und Ganze. Das führt dazu, daß die ganze Welt überhaupt keine Ränder hat. Es gibt nur das Eine, und wir könnten sagen, es ist das Ganze. Das Ganze ist aber auch nicht das richtige Wort. Das Ganze ist ja etwas, dem kein Teil fehlt. Aber wenn es gar keine Teile gibt, dann können wir es auch nicht das Ganze nennen.”
J. M. Otto: “Es gibt also keine Teile. Das was wirklich zählt, ist die Verbindung zwischen den Teilchen, denn diese ist wirklich, sie wirkt. Es gibt also keine Existenz, sondern nur Wirklichkeit. Damit hat Dürr eine neue Verwendung für das Wort ‘Wirklichkeit’ gefunden, die eigentlich nicht neu ist, aber in ihrer wörtlichen Bedeutung eben so vorher nicht klar war.”
(“Er ist auch dafür, das Elementarteilchen nicht mehr Teilchen zu nennen, die sie ja nicht sind, sonder ‘Wirks’ oder ‘Passierchen’, weil sie etwas darstellen, das wirkt oder gerade passiert. Was wirkt denn nun gerade? Was bewirkt, daß mein Tisch eben nicht gerade verschwindet? Wenn man unzählige dieser Passierchen zusammennimmt und mischt, werden sich ihre Effekte mitteln, und es entsteht ein Durchschnitt.”)

Wirk-lichkeit
Dürr: “Die Materie kommt auf einer Ebene zustande, wo sich alles Wandelnde überlagert…” Dies in der Trägheit der Anschauung des Begriffes! Außerhalb dessen gibt es schlicht keine materielle Festigkeit. Materie ist Angeschautes im Mittel. Wirk-lichkeit ist vulgo jenes, was uns entsprechend der eigenen Aufnahmefähigkeiten erwirkt ist. Die höhere Wirkung hingegen, vor uns weitgehend sinnlich verborgen, ist bei ihrer Verschlossenheit erst zu eröffnen, zu durchdringen, auszuleuchten. Nicht also derjenige, der sich in diesen Prozeß stellt, ist erleuchtet, sondern er selbst erleuchtet die ‘Welt’ und sein eigenes, bzw. das ganze – eigentliche Sein. Diese anzustrebende Erfahrung von Wirklichkeit meint demnach keine Realitäts- oder Existenzminderung im Sinne einer Flucht vor der Alltagswelt, sondern im Gegenteil bezeichnet sie eine gesteigerte Durchdringung und Teilhabe zur Eigentlichkeit der Wirk-Faktoren, die viel tiefer fußen als im uns Ersichtlichen. Oder anders: Statt dem uns gebräuchlichen Verständnis von Wirklichkeit sollte man eher von einer Tatsächlichkeit sprechen. Tatsächlickeit ist uns ganz ein subjektiv wirksamer Ausschnitt der Wirklichkeit selbt. Sie ist dabei stets in ihrer Wirkung erkannte Dynamik des Höheren. Unsere Hiesigkeit meint ein Wirkendes durch unseren Filter der Perzeptionfähigkeit, insofern trifft auch der buddhistische Begriff der Illusion, des Truges kaum zu, vielmehr ist hier von einem ‘Filtrat’, von einem Abbild zu sprechen, denn auch einem Abbild kommt Wirklichkeit zu (siehe hierzu Platons Schatten im Höhlengleichnis), gemeint ist hier entsprechend geminderte Wirklichkeit. Je reiner oder freier die Perzeption oder Aufnahmefähigkeit für das Potentielle, desto geklärter der Blick in die Wirkkonzeptionen, die unserer Hiesigkeit kausal übergeordnet sind und weitaus realeres Wesen besitzen und Wirklichkeit viel größer und multidimensionaler definieren als die fassbare Tatsächlichkeit es uns zu vermitteln vermag.