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Inhalt – Philosophisches

Erinnern

Ein Proband einer Nahtoderfahrung: “Ich bekam alle Antworten, die ich wollte. Ich sah, daß es einen Plan gab und alle Dinge einen Grund haben und daß wir alle so geliebt werden, wie wir sind. Danach erreichte ich einen Punkt, an dem ich keine Fragen mehr hatte, weil ich irgendwie den gesamten Plan kannte. Es war wie ein Erinnern; meine Seele hatte diese Weisheit vergessen.”

Hier sei das Konzept der platonischen Anamnesis erwähnt:
-Anamnesis: Die Wiedererinnerung der Seele an vor der Geburt, d. h. vor ihrer Vereinigung mit dem Körper, geschaute Wahrheiten.
“Einen Hinweis darauf, dass Anamnesis stattfindet, bieten für Platon bereits die Erfahrungen, die sich bei der mühsamen Erkenntnissuche einstellen. Wenn man philosophisch Wahrheit zu ergründen versucht, entdeckt man zunächst die Fragwürdigkeit der Meinungsbildung aufgrund von unzuverlässigen Sinneswahrnehmungen, nicht hinterfragten Vorstellungen und naiven Folgerungen. So stößt man auf das eigene Nichtwissen und wird ratlos, man gerät in die Aporie. Schon dabei ist nach Platons Verständnis die Anamnesis latent am Werk, ohne als solche bewusst zu werden. Vorgänge wie das Begreifen des eigenen Nichtwissens und das Wahrnehmen der eigenen Ratlosigkeit sind nur möglich, weil ein unbewusster Bezug zum Bereich des Absoluten, wo diese Mängel nicht bestehen, von vornherein gegeben ist und eine konfuse Erinnerung daran vorhanden ist.” (Nach Ficino: “Nur im absolut Unendlichen kommt die intentional unendliche Bewegung des mens zur Ruhe.”[Beierwaltes])
Weiter über Platon: “Ohne eine solche Verbindung zur Ideenwelt gäbe es keinen Impuls zu philosophischer Suche. Im Verlauf der Erkenntnisbemühung, die von diesem Impuls ausgelöst wurde, gelangt der Philosoph dann zum Bewusstwerden der Anamnesis selbst. Indem er begreift, dass sein Erkennen ein Erinnern ist und dass die Inhalte der Erinnerung in seinem Geist vorhanden und dort prinzipiell zugänglich sind, schafft er die theoretische Grundlage für Wissenschaft im platonischen Sinn.” (wikipedia)

Freilich kommt in diesem Zitat nicht ausreichend die eigentliche Beheimatung von Seele und Wissen bei Platon zum Ausdruck. Im Nahtod-Erleben kommt man dieser Heimat (sprunghaft) näher, denn dort kommt es zur Erlangung bzw. Erfahrung des eigentlichen Seelenstatus des (höheren) Ich als geistige Entität transzendenter Herkunft.
Für den Neuplatonimsus Volkmann Schluck: “Das Denken des Nous ist ein Sich-selbst-vor-sich-selbst-bringen.”
Die Seele, wesenhaft ja teilhaftig am Nous, weiß daher in ihrer ‘verbesserten’, nachtodlichen Disposition stetig mehr von dessen Inhalten. Dies gelingt ihr explizit nach der Befreiung aus dem Körper, der die Seele an die Hiesigkeit bindet und sie sensorisch auf die Wahrnehmung der uns bekannten Raumzeitlichkeit bzw. Körperlichkeit reduziert. Das platonische Grundmotiv – das Überschreiten der Sinnesdinge durch die Seele zu ihrer eidetischen überpersonalen Qualität besagt: “Das Hinaussehen über das durch die Sinne Gegebene ist ein Zurückblicken auf den Nous, d.i. ein Hineinblicken in sich selbst.” (Volkmann Schluck)

Und damit: “Zum wahren Selbstbesitz gelangt dieSeele aber durch die im Lernen vollzogene Aneignung der Wissensgehalte, die ihr zunächst fremd gegenüberstehen, die sie sich aber im Lernvollzug zu eigen macht. Die Einung mit dem Wissensgehalt ist aber in Wahrheit die eigene Wesensaneignung – ‘er – innertes’ Wissen.” (Volkmann Schluck)

Wahrnehmung der Seele, Plotin

“Beim Nah-Todeserlebnis machen Personen, die sich vom Körper entfernt wähnen, eine Vielzahl von Beobachtungen, für die eigentlich Sinnesorgane benötigt würden. Besonders deutlich ist dies bei außerkörperlichen Wahrnehmungen. Manche Experiencer sind in der Lage, ihre Umgebung vollständig und richtig zu beschreiben, Schriften zu lesen oder aber Zeitabläufe wiederzugeben…. In diesen Fällen, und erst recht bei kurzsichtigen oder blinden Personen, stellt sich die Frage, wie eine Wahrnehmung ohne die üblichen Sinnesorgane möglich sein soll. Das ohnehin schon bestehende Leib-Seele-Problem wird dadurch weiter erschwert.” (Stefan Högl)

Plotin: “Die so geartete Seele nun, die in eine entsprechende Materie eingegangen ist, weil sie genau DAS ist (wie wenn sie schon ohne Körper in dieser Verfassung wäre), ist der Mensch; und im Körper, wenn sie ihn nach sich selbst gestaltet und dadurch noch ein Bild des Menschen, soweit der Körper dafür aufnahmefähig war, erschafft (so wie der Maler wiederum einen Menschen schaffen könnte, der noch geringer als dieser ist), hat sie menschliche Gestalt und die dazugehörigen rationalen Strukturen bzw. Charakterzüge, Dispositionen und Fähigkeiten – alles in abgeschwächter Form, weil dieser Mensch nicht der erste ist. Und dementsprechend hat sie auch andere sinnliche Wahrnehmungen, die ganz klar zu sein scheinen, aber im Vergleich mit denjenigen, die vor ihnen da sind abgeschwächt und Abbilder sind. Und der Mensch oberhalb von diesem gehört dann bereits zu einer göttlicheren Seele, die einen besseren Menschen und klarere Sinneswahrnehmungen hat. “

Plotin: “Das Hiesige hängt von dem Dortigen ab und imitiert das Dortige, und der Mensch hier hat alle seine Fähigkeiten von dem dortigen und ist daher auf das Dortige bezogen; und die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände hier sind dem hiesigen Menschen zugeordnet, die dortigen aber dem dortigen… und die sinnliche Wahrnehmung hier ist abgeschwächt im Vergleich zu der dortigen Art des bewußten Erfassens, dem wir ebenfalls den Namen ‘sinnnliche Wahrnehmung’ gegeben haben, auch wenn es klarer ist. Und das ist auch der Grund, weshalb der hiesige Mensch sinnliches Wahrnehmungsvermögen besitzt: weil seine Art des bewussten Erfassens eine geringere ist und sich auf geringere Gegenstände bezieht, die nur Abbilder der dortigen sind. Kurz, es ergibt sich: Die hiesigen Sinneswahrnehmungen sind abgeschwächte geistige Erkenntnissse, und die dortigen geistigen Erkenntnisse sind klare Sinneswahrnehmungen.”

Diese Einlassung Plotins bietet ihrerseits gewichtige Verweise auf ein untrennbares Kontinuum von Geist und Materie sowie der materiellen Welt als prinzipiell defiziente Eigentlichkeit des Geistes und dessen grundlegenden Charakter für das Sein in umfassender (und zumeist unerkannter) Realität.

Welt als Symbol

“Wenn wir aufsteigen, ist alles immer noch da. Nur realer. Weniger dicht und gleichzeitig intensiver – mehr DA, Objekte und Landschaften und Menschen und Tiere platzen regelrecht vor Leben und Farbe. Die Welt dort oben ist auf einer Seite so gewaltig und vielfältig und bevölkert und verschieden wie diese Welt und zugleich unendlich viel mehr. …
Die Wasser dort sind wie irdisches Wasser. Und doch sind sie kein irdisches Wasser. Es ist -um es in einer Weise zu sagen, die zu kurz greift, wie ich weiß, aber dennoch genau ist – mehr als nur irdisches Wasser. Es ist Wasser, daß der Quelle näher ist. Dieses Wasser ist zutiefst vertraut. Wenn Sie es sehen, erkennen Sie, daß die wunderschönsten Wasserlandschaften, die Sie jemals auf der Erde gesehen haben, deshalb so wunderschön waren, weil sie Sie an dieses Wasser erinnert haben.” (Eben Alexander)


Volkmann Schluck: “Die Wesensbestimmung eines Seienden, das sich selbst in der Vollendung seiner Möglichkeit denkt, erlaubt nun auch eine genauere ontologische Charakteristik der Seele: Sie ist eine defiziente Form der vollen Gegenwärtigung seiner selbst.”
Zuletzt ist auch der bildnerische Vollzug, der ja der schaffenden Tätigkeit der Seele entstammt, nur Formhaftigkeit eines abgeschwächten Seins. Das Ergebnis dieses Vollzuges ist die uns vertraute Mannigfaltigkeit der Körper, und in der Befreiung der geminderten Perzeption werden diese erst wesenhaft und wirklicher sicht-und erfahrbar – dies als Signum der gesteigerten psychischen Selbst-und Weltverfasstheit. Und weiterhin: dem Ursprung näher kommend vollzieht sich eine fortwährende seinshafte Intensitätsteigerung in zunehmender Verbundenheit der Objekt-Vereinzelungen, um zuletzt im umfassendsten Subjekt, dem höchsten Einen zu kumulieren.

Volkmann Schluck: “Was die Natur zu einer solchen macht, das sind die Logoi, die Gestaltungsformen der schaffenden Seele, welche die Naturgestalten in das Dasein treibt und als deren individuierte Eide die Natur ist. Ist nun die Seele von den als schaffende Naturkraft wirkenden Formkräften verschieden? Nein, sie ist auch Logos und der Inbegriff der Logoi; und sie sind ihre Wirksamkeit, die sie ihrem Wesen gemäß übt. Das Wesen der Seele ist selbst vom Charakter dieser Gestaltungsformen, die Äußerungen ihrer Selbstbetätigung sind. Sie ist die Potenz der Formkräfte, nicht als sich besonderndes Allgemeines, sondern als dynamische Einheit, welche die Möglichkeit einer Mannigfaltigkeit von Wirkungen und Tätigkeitsrichtungen in sich trägt.”

Eben Alexander: “Diese materielle Welt ist durch und durch symbolisch. Sie versucht ständig, mit uns zu sprechen und uns an das zu erinnern, was sich hinter und über ihr befindet. Wenn wir Bücher lesen oder uns Filme anschauen, erwarten wir symbolische Untertöne. Aber das Leben selbst ist voller Symbole. Sinn und Bedeutung ist nicht etwas, was wir dem Leben geben. Es ist bereits da.”
Diese Sicht schafft einen durchweg symbolistischen Blick auf die Welt. Dieser meint daher die Welt nicht als Trugbild (wie im Buddhismus proklamiert) sondern viel eher in platonischer Lesart als ein Abbild einer viel höheren Disposition und Wahrheitsebene. Auch wird ein Kontinuum von Erschaffendem und Geschaffenem ersichtlich, das so der Hiesigkeit, dem individuellen Leben eine Anbindung innerhalb dieses Kontinuums in Vergegenwärtigung der Symbolhaftigkeit (und Defizienz), aber eben auch in der Möglichkeit der umfassenden Ästhetisierung des Raumes zum Eigentlichen bieten kann..

Das neue Ich

“Mein neues Ich war nicht mehr das vertraute Ich, sondern gleichsam ein Sublimat davon, wenn es mir auch irgendwie bekannt vorkam wie etwas, was ich schon immer tief begraben gewusst hatte unter einem Überbau aus Ängsten, Hoffnungen, Wünschen und Begierden. Dieses Ich hatte nichts mehr mit unserem diesseitigen Ego zu tun. Es war reiner Geist, endgültig, unveränderlich, unteilbar, unzerstörbar. Wenngleich absolut einmalig, individuell geprägt wie ein Fingerabdruck, war es gleichzeitig Teil eines unendlichen, wohlgeordneten Ganzen. Ich war vorher schon dort gewesen.
Der Zustand, in dem ‘ich’ mich befand, war durch ein Gefühl unerhörter Ruhe gekennzeichznet, aber auch noch durch etwas anderes, nämlich die Vorahnung großer Ereignisse, einer weiteren Verwandlung. Doch gibt es außer meiner plötzlichen Rückkehr auf den Operationstisch nichts weiter zu berichten.” (J.C. Hampe: ‘Sterben ist doch ganz anders’)

C.G. Jung: “Das europäische Äquivalent zu buddhi, dem erleuchteten Geist das kollektive Unterbewußte: Man könnte sagen, daß die unteren psychischen Schichten durch die geduldige Übung des Hatha-Yoga angepaßt und geformt werden, bis sie die Entwicklung des ‘höheren’ Bewußtseins nicht länger stören. Dieser eigenartige Prozeß scheint gefördert zu werden durch die Tatsache, daß das Ich und seine Wünsche eingedämmt werden durch die größere Wichtigkeit, welche der Osten gewöhnlich dem ‘subjektiven Faktor’ einräumt. Damit meine ich den ‘dunkeln Hintergrund’ des Bewußtseins, das Unbewußte.”
Und hier sprechen wir wiederum von der Anbindung an den Eidos:
“Die ewigen Ideen sind Urbilder, die an überhimmlischem Orte als transzendente ewige Formen aufbewahrt sind. Das Auge des Sehers erschaut sie als imagines et lares oder als Bilder des Traumes und der offenbarenden Vision.”

Die eingangs vom Proband erwartete “Vorahnung großer Ereignisse, einer weiteren Verwandlung ” ist indes als Indiz für eine (auch jenseitig wirksame) Teleologie zu werten, die selbst das Eidetische als Nachgeordnetes benennt und zur letzten, ungenannten Einheit heranführt.

Nahtod und Hypostasen

Aus Nahtoderfahrungen:
J. W. Lewis: “Da war überhaupt kein Gefühl persönlicher Kontinuität… Mein Eindruck ist, daß mein persönliches Bewußtsein dabei ‘ausgehaucht’ wurde (nach einigen Gelehrten ist das die Grundbedeutung des Wortes ‘Nirvana’) und dann wiedererschaffen wurde, durch eine Art Herunterstrahlen aus der unbegrenzten Ewigkeit dieses strahlenden, dunklen reinen Bewußtseins.”

Proband aus Belgien: “Ich war ich, alles und nichts und allgegenwärtig. Ich war verankert in dem, was IST. Es fehlt mir an Worten, um die Wirklichkeit auszudrücken, die ich durchlebt habe. …ich war reines Licht, weder weiß, noch gelb, noch schwarz. Es war, als ob ich als reine Wesensgestalt verblieben wäre, ohne Bezug auf Zeit, materielle Güter oder Energie. Es war ein Gefühl jenseits all dessen.”

In Nahtoderfahrungen kommt es mitunter zu Aussagen, die stark zu dem typischen Erleben paradiesischer Landschaften und der oft zugehörigen Begegnung mit Verstorbenen kontrastieren. Dabei werden jene in Relation zur Raumzeitlichkeit bereits viel wirklicher wahrgenommene (Jenseits-) Welten weiterhin ins Extrasensorische, in ein Medium allerhöchster, aber abstraktester Realitäts-Dichte transzendiert. Dieses Erleben ist noch weit schwerer in Worte zu fassen als die Beschreibung visuell erfahrener phantastischer Bilder(welten). Die Weltenbeschreibung wird so vielmehr in eine totale Subjektivität überführt, sie gerät zuletzt zur eigenen Zustandsbeschreibung, die gar kein Außen und Objekt mehr kennt. Tatsächlich tritt hier die höhere Seelenqualität aus der als Vielheit erfahrbaren Sphäre des Nous in die erste Hypostase über und diese ist, um es neuplatonisch auszudrücken “absolute Autarkie, das von allem gänzlich Unterschiedene, das Vermögen zu allem, ist Licht, das nicht mehr in einem fremden, sondern in seinem eigenen Licht gesehen wird, d.h. zugleich ‘Objekt’ und Medium der Erfassung ist.” (K. Kremer)

Einheit, Vielheit, ägyptische Symbolik

“Schon die alten Ägypter sehnten sich nach einer Welt des Friedens, in die sie nach dem Tod einzugehen hofften. Wenn im ägyptischen Totenbuch zudem von einem lichterfüllten Jenseits die Rede ist, so muß man dies zunächst mit der Person des Sonnengottes Ra in Verbindung bringen. Wie Himmelsleitern strecken sich die Pyramiden dem erleuchteten Firmament entgegen. Die Sonne ist es auch, die durch ihre wachstumsfördernden Strahlen sowie als Gegenstück zur finsteren Nacht als Symbol für das Leben gelten kann.
In diesem Zusammenhang könnten allerdings auch Jenseitserfahrungen eine Rolle gespielt haben. So etwa bei der Erwählung des Sonnengottes Ra zur obersten Gottheit. Noch bedeutender erscheint der Versuch von Amenophis IV (1364-1347 v. Chr.), die vorherrschende Göttervielheit durch einen Sonnenmonotheismus zu ersetzen. Seine religiöse Bekehrung bedeutete einen Bruch in der religiösen Tradition Ägyptens und hat bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Die Frage, was Echnaton zu seinem Schritt bewogen haben könnte, ist heute aktueller denn je.” (Stefan Högel)

An dieser Stelle möchte ich noch einen anderen, einen empedokleischen Aspekt einfügen, der einen Gedanken der Einheit und Vielheit behandelt, der wiederum eine mögliche Deutung der Symbolik der ägyptischen Pyramide veranschaulicht und hiermit ebenso auf ein höchstes Eines als Bestimmung einer Theologica Negativa verweist:

“Erstlich das eine Urwesen aller Dinge oder die Gottheit wird von Empedokles ganz ebenso angeschaut wie von Parmenides, in dem Bilde der Kugel, als Sphairos.” – “Eine gerundete Kugel, in Ruhe behaglich sich kreisend.”
“Das All ist Empedokles nur die Entwicklung der Gottheit oder des Sphairos aus der Einheit in die Vielheit.”
“Nach Empedokles sind in dem Urwesen, dem Sphairos oder der Gottheit, die vier Elemente, die Urwurzeln und Bestandteile aller Dinge, in völliger Unterschiedlosigkeit und Einheit beisammen kraft der in ihm waltenden Liebe.” (August Gladisch)
Ein Sinnbild hierfür ist die Pyramide mit schwarzer Spitze, in folgender Bedeutung:
“Es geschah ein Auseinandertreten der noch schwarzen Vereinigung.” (August Gladisch)
Gemeint ist hiermit ein Austreten der Vereinigung in die Quaternität der vier (angenommenen) Elemente.
Hierzu Joseph Passalacqua : “(So)…hat mich vollkommen überzeugt, daß die Grundidee der empedokleischen Schöpfungstheorie in der Tat genau auch die der alten Ägypter war, und daß die unwiderleglichen Zeugnisse jener Denkmäler die Bedeutung der Pyramide, wonach sie das Auseinandergehen des Urwesens aus der Einheit in die Vierheit der Elemente und das Zurückgehen aus der Vierheit der Elemente in die Einheit versinnlichen soll…vollkommen bestätigt.”

Welt und Relativierung

Wladimir Solowjew: “Dem normalen, das heißt weisen und gerechten Menschen ist das Leben selbst ein Übel, der Tod ein Gutes. Der wahre Philosoph soll für die Welt vor seinem physischen Tode sterben, auf alle praktischen Interessen verzichten und Einkehr in sich selbst üben, ohne an gemeinschaftlichen Dingen Anteil zu nehmen, und dennoch ist das natürliche Schicksal des Weisen und Gerechten innerhalb der menschlichen Gesellschaft – getötet zu werden. Diesem absoluten Dualismus von Gerechtigkeit und Wirklichkeit enspricht hier eine ebenso absolute Spaltung von Geist und Körper, venünftigem Denken und sinnlichem Wahrnehmen, von wahrhaft Seiendem und Erscheinung: Körper, Sinnlichkeit, Erscheinung sind durchaus etwas Schlechtes, Unnormales, Nichtsollendes; der Körper ist der Sarg der Seele, die Sinnlichkeit – eine Täuschung, die Erscheinung – ein Trugbild.”

Diese äußerste Relativierung des Raumzeitlichen gründet – wie an anderer Stelle bereits besprochen – zuletzt auf urreligiöser Empirie. Hier sei noch einmal Erwin Rohde zu den antiken Mysterienkulten herangezogen: “Das Gefühl ihrer Göttlichkeit, ihrer Ewigkeit, das in der Ekstasis sich blitzartig ihr selbst offenbart hatte, konnte der Seele sich zu der bleibenden Überzeugung fortbilden, daß sie göttlicher Natur sei, zu göttlichem Leben berufen, sobald der Leib sie freilasse, wie damals auf kurze Zeit, so dereinst für immer. Welche VERNUNFTGRÜNDE könnten stärker einen solchen Spiritualismus befestigen als die eigenste Erfahrung, die schon hier einen Vorgeschmack gewährt hatte von dem, was einst für immer sein werde?” 
Und weiter: “Entwertung des alltäglichen Lebens, Abwendung von diesem Leben wird die Folge eines so gesteigerten Spiritualismus sein.”
Nun: Wegen solch urreligiöser (somit zuletzt schamanischer) Grundverortung wundert es nicht, daß diese Sicht der ‘platonischen Herabsetzung’ des Raumzeitlichen im Naturreligiösen wohlbekannt ist und durch praktischen Bezug besondere Integration ins alltägliche Denken, Bewußtsein und Erleben findet. Die spirituelle (oder spiritualistische) Praxis kennt Mittel und Wege, eben die erfahrene und erfahrbare Tiefenstruktur von Welt dauerhaft zugänglich zu machen, was mitunter auch ‘die Welt anhalten’ genannt wird – welches wiederum die Sicht auf die Raumzeit als einen veräußerten (reduktiven und artifiziellen), quantisierbaren Bildlauf (hierzu auch der Artikel “Monade”) impliziert.

So fragt Carlos Castaneda den Schamanen Don Juan: “Was verstehst du unter Welt anhalten?” Und Don Juan entgegnet: “Es ist eine Technik, die von denen, die nach Kraft jagen, praktiziert wird, eine Technik, durch die man die Welt, wie wir sie kennen, einstürzen lassen kann.” Und dies meint nichts viel anderes als den platonischen Tod, der in Wahrheit Transzendenz der Perzeption und somit ein Aufbruch zu eigentlicher Sicht und gesteigerter Wirklichkeit ist.

Monade

Wladimir Solowjew: “Nach den Anschauungen von Leibniz ist die Welt die Gesamtheit von psychischen Einheiten (Monaden), die auf verschiedenen Stufen ihrer inneren Enrwicklung stehen, wobei der Raum als die Seinsordnung alles dessen verstanden wird, was in der trüben sinnlichen Wahrnehmung der noch nicht ausgereiften Monaden gegeben ist oder erscheint. Da aber Leibniz eine reale Wechselwirkung zwischen den Monaden nicht gelten läßt, bleibt unerklärt, wieso alle Monaden unserer Welt, ganz unabhängig von der Stufe ihrer Entwicklung, unbestreitbar in ein und dem selben räumlichen Milieu vereint sind, und die von Leibniz der sichtbaren Welt gegebene Bezeichnung phaenomenon bene fundatum findet in seiner Philosophie keine hinreichende Rechtfertigung.”

Wikipedia: “Leibniz charakterisiert die Monaden als metaphysische, beseelte Punkte oder metaphysische Atome, die im Unterschied zu den von der Atomistik postulierten physischen Atomen keine Ausdehnung besitzen und somit keine Körper sind.”

“Monaden sind die Quellen von spontanem, d. h. mechanisch nicht erklärbarem Wirken in der Natur, und sie konstituieren die Einheit eines jeden Einzeldings oder Individuums.
Zwar sind alle Monaden lebendige Spiegel des Universums, denn alle besitzen Perzeption, d. h. eine – wenn auch noch so dunkle – Erfassung der Außenwelt, und ‘Appetition’, d. h. das Streben, von einer Perzeption zur nächsten zu gelangen. Doch unterscheiden sie sich nach dem Niveau der Klarheit und Deutlichkeit, mit dem sie die umgebende Welt perzipieren, d. h. gemäß der Struktur des zu ihnen gehörigen Körpers wahrnehmen, vorstellen oder gar denkend erfassen.”

“…versteht Leibniz unter der Erstmaterie eine sehr feine, flüssige und elastische Materie, die er schon 1671 in seiner ‘Hypothesis physica nova’ mit dem Äther oder der dynamischen Lichtmaterie identifiziert, die überall die Körper durchströmt. Strenggenommen besteht diese Licht- oder Erstmaterie ‘nicht in der Ausdehnung, sondern im Verlangen nach Ausdehnung’, denn ‘die Natur des Lichtes strebt danach, sich auszubreiten’ “.

Nach meiner Ansicht könnte man die Monade gleichsam als einen zuvorderst nicht primär-belebt zu betrachtenden Grundbaustein zu einer Matrix oder Projektionbasis sehen, die über eine bildzellenhafte Potentialität zur Darstellung unserer Raumzeitlichkeit (als illusionären Aufzug somit sogenannter Realität) verfügt. Da die Verursachung der Welt als Eidetisches oberhalb dieser Projektsfläche ihre causa hat, ‘strahlt’ diese ihr Wesen (im Impetus zur Explikation) potentiell auf alle Monaden gleich. (C.G.Jung in diesem Kontext über Kepler: Obschon die Monaden nicht gegenseitig aufeinander einwirken können, da sie keine Fenster haben, so sind sie doch so beschaffen, daß sie immer übereinstimmen, ohne voneinander Kunde zu haben.) Somit liegt der Impetus der Dartsellung selber also nicht innerhalb der Monade. Auch das Ergebnis der Projektion wird nur insofern durch die Monade bestimmt, als ihre Potenzialität durch einen in sich differenzierten perzeptiven Prozeß ‘entzündet’ werden muß, und in diesem so die Unterschiedlichkeit der monadischen Reaktion begründet wird. Dieser Prozeß wiederum ist an ein aktives – psychisches – Ens gekoppelt, sodaß die Monade in ihrer Tätigkeit und Reflektion überhaupt erst zum Perzipierbaren werden kann. Insofern sind die Monaden ganz passiv und bieten nur den Untergrund zur Projektion, sind dabei aber doch insofern ‘psychisch’, als sie aposteriorischen Charakters zuletzt im gesamtpsychischen Apparat bereitgestellt werden. Dies gemäß dem platonischen Diktum, alles lebe und webe durch die Weltseele. (Nach Apelt)
Und derart akkumulieren sie also die Objekte: Daß sie in ihrer Spiegel-Tätigkeit bewußtseinsabhängig zugehörig erkannte Projektionen ‘erschaffen’.

Magisches Sein

Das magische Denken befördert eine totale Bezugnahme aller Erscheinung und Impression in der Korrelation innerer und äußerer Prozesse. Geschehnis und Kausalität werden nicht einfach als beobachtbarer Aufzug erachtet, sondern der Mensch selbst ist ganz Akteur im Vollzug der Seins-Bildung, er ist mit den Objekten wesenhaft verknüpft und schaffend in der Interaktion mit ihnen, und wenn auch diese Sicht als subjektivistisch bezeichnet werden darf, da hier mitunter durchaus willkürlich anmutende Bezugnahmen proklamiert werden, so bringen diese durch die Schaffung neuer Signifikanz doch ihre eigene Sinnhaftigkeit hervor, indem auf diese Art wiederum neue Resonanz und Kausalität angeregt werden kann. Vor dem Hintergrund spiritueller oder bewußtseinstranszendierener Praktiken kommt es zudem zu einer tieferen Sicht auf eine Allverbundenheit, die – einmal visuell konkretisiert und erfahren – die Schwere der Materie als Veräußerung eines vielmehr feinstofflich-ätherischen Kontinuums wissen läßt. Es ist für das magische Sein in diesem Zusammenhang auch vermutbar, daß über solche tiefe Verbindung gar Makro-Prozesse (also Verbindungen zwischen vermeintlich bezuglosen Objekten und Begebenheiten) anregbar werden – dies wegen der Korrelation mit der Kraft des Seinsvollzuges als Tätigigkeit eines über-seienden Ichs.
Insofern ist ‘wahre’ Magie Anteilnahme an tieferer Allverbundenheit. Natur ist reine Produktivität ohne klare Subjekt-Objekt-Determination. Alles ist natura naturans, alles ist Enstehung in Interaktion. Das Ich als Ego beugt sich diesem Prozeß und hört dabei auf, (getrenntes) Ich zu sein. Seine Kraft zum Vollzug meint vielmehr Ich-Abgabe und somit Synchronisierung mit dem Seinsvollzug selber.
In diesem Kontext kann auch Ernst Mach herangezogen werden: “An einem heiteren Sommertage im Freien erschien mir mit einmal die Welt samt meinem Ich als eine zusammenhängende Masse von Empfindungen, nur im Ich stärker zusammenhängend.”
Und aus dem Bericht einer Nahtoderfahrung: “Alle menschlichen Emotionen sind präsent, aber sie sind tiefer, weiter. Sie sind nicht nur innen, sondern auch außen. Stellen Sie sich vor, daß sich jedes Mal, wenn sich hier auf der Erde Ihre Stimmung verändert, sofort auch das Wetter mit verändert. Daß Ihre Tränen einen sintflutartigen Regenguss auslösen und Ihre Freude auf der Stelle die Wolken zum Verschwinden bringt. Das gibt uns eine Vorstellung davon, wie viel riesiger und folgenschwerer als hier unten Stimmungsschwankungen dort oben sind, wie seltsam und wie kraftvoll, und daß das, was wir uns als ‘innen’ und ‘außen’ denken, überhaupt nicht wirklich existiert.” (Eben Alexander)
An dieser Stelle sei auch passend Logion 89 des apokryphen Thomasevangeliums angefügt: “Jesus sagte: Warum wascht ihr die Außenseite des Bechers? Erkennt ihr nicht, daß der, der die Innenseite schuf, auch der ist, der die Außenseite schuf?”

Und Wikipedia:
“Neue magische Konzepte gehen davon aus, dass alle Dinge und Ereignisse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Universum miteinander in Verbindung stehen.”

“Zu den ‘magischen Techniken’ (Arnold Gehlen) gehören veränderte Bewußtseinszustände. ‘Magische Arbeit’ wird meist in Trancezuständen oder in meditativen Zuständen, welche die persönliche Identifikation transzendieren, durchgeführt. Einige Techniken der Magie sind überwiegend psychologisch zu verstehen, dienen der Erforschung und Beherrschung des eigenen Inneren sowie der Bewusstwerdung unbewusster Strukturen, um das Selbst zu entwickeln. Dadurch soll die Realität nach dem eigenen Willen gestaltet werden.”

“Das Selbst entwickeln” heißt aber genauer, in der Räson der teleologischen Wirk-lichkeit und Verwirklichung zu stehen. Dies transferiert den Impetus des Eigenwillens zur Vollzugsebene des Willens als solchen. Und dieses Selbst-Werden soll schließlich im C.G. Jung‘ schen Sinne verstanden sein:
“Das Selbst ist die ‘dem Ich übergeordnete Ganzheit’.Das Ich ist nach Jung der bewusste Teil des Selbst, und als Teil des größeren Ganzen kann dieses jenes nie begreifen. Wegen seiner prinzipiell nie vollständig bewussten Erkennbarkeit ist das Selbst ein ‘Grenzbegriff’ und eine ‘Grenzvorstellung’ für die ‘unbekannte Ganzheit des Menschen’.”

“…sei das Selbst aufgrund seiner zugleich persönlichen und überpersönlichen Eigenschaften ‘paradoxerweise Quintessenz des Individuums und doch zugleich ein Kollektivum’. Bezüglich dieser paradoxen Eigenschaft des Selbst zog Jung oft Parallelen mit dem indischen Konzept des Atman.” (Wikipedia)

Freier Wille

Wladimir Solowjew: “Die Augustinianer erklärten (die Willensfreiheit) so: Die wirkende Gnade Gottes gibt den Erwählten umsonst eine so hohe Freude am Guten, daß es auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt; so wird die Zustimmung der Erwählten zum Willen Gottes durch das Wirken der Gnade zu einer absoluten Notwendigkeit, was jedoch die Freiheit nicht aufhebt, da der vernünftige Wille dennoch erwägt und mit sich zu Rate geht, ob er sich zur Zustimmung oder zum Widerstand entschließen solle; da aber sein Entschluß durch die wirkende und ausreichende (sufficiens) Gnade bereits vorherbestimmt ist, so kann es hier keine Freiheit im eigentlichen Sinne, sondern nur eine deutliche Bewußtheit des Wollens und Handeln geben.”

Übertragen auf die gedankliche Disposition des Idealismus:
Aus dem Gesagten läßt sich somit auf eine Freiheit in der Unfreiheit schließen. Tatsächlich aber kann diese dann hier zugleich eine Unfreiheit in der Freiheit genannt werden:
Denn zwar ist die prädestinierte Handlung als eine Unfreiheit per definitionem zu betrachten, doch meint diese zugleich den dialektischen Verwirklichungsweg des Prinzips der Freiheit selbst, weil das höchste Ziel seiner Qualität nach Freiheit ist und sich zuletzt ja alles diesem Ziel unterwirft (da nichts außerhalb dieses Telos existieren kann). Die vermeintliche (meist unbewußte) Auflehnung gegen dieses Prinzip könnte als individuelle Freiheit (im Sinne einer sporadischen, subjektiven Befreiung, also einer negativen Freiheit) identifiziert werden, hat dabei aber nur äußerst nachgeordneten Rang, weil sie schließlich den Duktus der umfassenden Gerichtetheit und Bestimmung nie zu verlassen im Stande ist. Der Telos drängt mit allem, auch seinen inneren dialektischen Wendungen zum einzigen Ziel der völlig verwirklichten Freiheit als Endbestimmung. Bewußtheit des Wollens und Klarheit über diesen Vollzug meinen indes nun die eigentliche Freiheit, weil diese Bewegung von wachsender Aneignung und Angleichung an das freie Prinzip Zeugnis gibt. Dies also bezeichnet dann eine positive Freiheit (zum Ziel).

Diese ‘Unterwerfung’ kommt auch in Solowjews Wort über Spinoza deutlich zum Ausdruck: “Spinozas Weltanschauung ist der Typus des reinsten ‘geometrischen’ Determinismus. Die Erscheinungen physischer und psychischer Art sind mit unbedingter Notwendigkeit durch die Natur des ausgedehnten und des denkenen Wesens bestimmt. Da dieses Wesen aber in Wahrheit EINES ist, so besteht und geschieht in der Welt alles kraft EINER allgemeinen Notwendiglkeit, bei der jede Ausnahme einen logischen Widerspruch bedeuten würde. Alles Wollen und Handeln des Menschen geht notwendig aus seiner Natur hervor, die selbst nur ein bestimmter und notwendiger Modus der einen absoluten Substanz ist. Die Vorstellung von der Freiheit des Willens ist nur ein Trugbild der Phantasie in Ermangelung von wahrer Erkenntnis.”

Die Gewißheit zur Erkenntnis ist aber die Entwicklung der eigenen Freiheit zur höchsten Bestimmung – und zugleich ist die Avisierung dieses Zieles Unterwerfung – freilich eine Unterwerfung im anderen als im üblichen Sinne, nämlich in Opposition zur durchweg irrtümlichen Welt-Disposition.