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Inhalt – Philosophisches

Eigenes Sein

Walter Russell: “Die Ursache von Bewegung ist nicht Bewegung. Bewegung ist Wirkung einer Ursache, und nur Wirkungen sind wandelbar und unterteilbar. Wirkungen entspringen aus der Ursache in Paaren entgegengesetzter Wirkungen – wie männlich und weiblich, heiß und kalt, Kompression und Expansion oder positiv und negativ. Diese Wirkungen sind Wellenhebel sich wandelnder Bewegung, die um ihre unwandelbaren Angelpunkte schwingen.
Der universale Angelpunkt der Schöpfung kann nicht unterteilt werden, aber er kann zu Paaren von entgegengesetzten, unausgewogenen Wirkungen erweitert werden, die ihre Unausgewogenheiten ineinander aufheben. Der Angelpunkt der Ursache ist jedoch so unteilbar, wie er unwandelbar ist.”

C.G. Jung: “Das Erkennen des Geistes bedeutet Selbstbefreiung. Vom psychologischen Gesichtspunkt heißt dies: je mehr Gewicht wir den unbewußten Prozessen zumessen, umso mehr lösen wir uns von der Welt der Begehrlichkeit und der getrennten Gegensätze, und umso mehr nähern wir uns dem Zustand der Unbewußtheit, der durch Einheit, Unbestimmbarkeit und Zeitlosigkeit charakterisiert ist. Das ist wahrlich eine Befreiung des Selbst aus seiner Verstrickung in Leiden und Kämpfe. ‘Durch diese Methode wird der eigene Geist verstanden.'” (C.G. Jung, Kommentar zu: Das tibetische Totenbuch)

Der eigene Geist wird aber nicht unbewußt etwa in dem Sinne einer umgangssprachlichen oder negativen Konnotation, sondern vielmehr ist hier gemeint, daß das tiefste und konzentrierteste Wesen des Menschen schon jeher abseits seiner weltlichen dialektischen Entfaltung residiert. Dieser Zustand ist wahrlich wahrer und zugleich dynamischer als der einer Selbstdefinition und Explikation in Gegensätzen. Gelingt es, diese hohe Dynamik in sich zu mehren und zu halten, lebt der Mensch in seiner innersten unabänderlichen Kraft, die ihn zugleich weit über seine ansichtige Veräußerung (als Mensch) erhebt. Er wird hier ganz feinstoffliches Dasein, ganz Geist; insofern scheint er nicht länger individuiert als sein Ego, das eben auf ‘lebensvoller’ Dialektik (rajas) basierend erst sein ansichtiges – kleines – Leben erzeugt. Vielmehr ist er wesenhaft Präposition zu dieser Veräußerung und übernimmt hierin ein kollektivierendes Sein, das dann aller Entäußerung entbehrend Ursächlichkeit und eigentliches Sein meint – in tiefstem Bewußtsein seiner eigenen unendlichen Kraft und Macht.

Ein Überfließen

Walter Russell: “Wenn Gott zu erschaffen wünscht, warum entspannt Er diesen Wunsch dann wieder?
Antwort: Weil Gottes schöpferisches Prinzip auf Geben und Zurückgeben basiert. Wenn Er an seine Schöpfung gibt, muß ihm zurückgegeben werden, damit Er Sein Geben wiederholen kann. Schöpfung ist wie ein Licht, das in einen Spiegel fällt und reflektiert wird, um die Reflexion dann zu wiederholen. Der universale Herzschlag beruht auf diesem Prinzip von Aktion und Ausruhen von der Aktion zu dem Zweck, diese Aktion zu wiederholen. Das Atmen des Menschen oder des Universums bringt dies vollständig zum Ausdruck. Der elektrische Strom drückt es in jeder Welle aus. Ohne Aktion und Ruhe nach der Aktion gäbe es keine Abfolge, könnte es keine Zyklen von Leben und Tod geben, noch die männliche und weibliche Version alles Schöpferischen.”

Indes über Plotins Ansicht K. Kremer:

“…da Plotin an sehr vielen Stellen in seinem Werk den Grund des Hervorgang des Nous aus dem Einen genannt und entfaltet hat. Dieser Grund ist die Güte bzw. Überfülle bzw. Kraft und Vollkommenheit des Einen.”
“Das Eine ist nun absolute Autarkie, im Vergleich zu der immer noch relativen Autarkie des Nus. Es ist nicht mehr irgendein Eines, sondern das Eine selbst, das von allem gänzlich Unterschiedene, das Vermögen zu allem, ist Licht, das nicht mehr in einem fremden, sondern in seinem eigenen Licht gesehen wird, d.h. zugleich ‘Objekt’ und Medium der Erfassung ist. Es ist stärker als Leben, weil es dieses zwar gewährt, aber Es braucht, ja darf Es das gar nicht sein, was Es darreicht.”

Das Eine gibt, wie die Sonne aus ihrer Überfülle Licht und Wärme gibt, aber dies nur im Bildhaften, denn rein physikalisch gibt die Sonne von ihrer Energie nach Außen ab, während das Gleichnis so gemeint ist, daß ihr Sonnenkörper unberührt und unverändert bleibt und ihr Licht nur minderungslose Abstrahlung ist, die an ihrer ganzen Substanz dabei gar nichts ändert. Diesem immerwährenden Zentrum allen Ausgehens muß nicht zurückgegeben werden, denn es gibt schlichts nichts ab, was es mindern kann. Es ist reines Sein im Übermaß und Überfluß. Dies Überfließen ist sein Selbst in anderem Aggregatzustand, und das sind die Emanationen lebensreicher Verwirklichung. Egal aus welcher Position heraus betrachtet: Dies Licht füllt alles aus. Die energetischen Abstrahlungen -die prämateriellen Energieströme – sind, und sie sind wie ein Glanz (oder Abglanz) des intentionalen Zentrums, somit aber sind sie noch immer in der Wesensart ihres Ur-Wesens. Und wenn auch dieses in einer gewissen Entfernung zu seinem eigensten Selbst sich ansichtig wird, so ist dies dennoch (freilich unter Beimischung einer ‘materiellen’ Minderung) Sein vom eigenen und einzigen Dasein.

Angelus Silesius sagt:
“Wenn du in Wahrheit kannst aus Gott geboren sein
Und wieder Gott gebärn, so gehst du aus und ein.”

Dies ist das Prinzip der monistischen Immanenz: Alles ist in sich selbst (zum) Alles. Und der veräußerte Mensch ist im tiefen Innern selbst dieses Prinzip der immanenten Verkörperung dieser einzigen Gott-Substanz, außerhalb der gar nichts existent sein kann.

Oszillation, Welt ist wahr und unwahr

Walter Russell: “Unsere Sinne haben keine Möglichkeit, die Illusionen der Bewegung zu erkennen. Sie zeichnen diese Illusion nur auf wie ein fotografisches Negativ. Die Sinne haben kein Gewahrsein der natürlichen Tatsache, daß alle Dinge, die geschehen, gleichzeitig ‘ungeschehen’, als ob alle sich bewegenden Dinge in einen Spiegel gehen, in dem ihr Spiegelbild durch sie hindurch und in die andere Richtung geht.
Solche Tatsachen des unsichtbaren Universums können nicht mit Sinnen wahrgenommen werden; sie können nur vom Geist gewußt werden.
Unsere Sinne können überhaupt nichts wissen. Sie sind nur elektrische Wellen aus gegenläufigem Licht und können nur fühlen. Aber der Geist kann alles wissen, was außerhalb des Wahrnehmungsbereiches liegt. Unser Wissen vervollständigt den Teilbereich zum vollständigen Kreislauf, von dem uns unsere Sinne nur so wenig aufzeichnen können.”

Dieser Gedanke sagt, daß Weltwerdung Ansichtigkeit ist, die prinzipiell auf einer energetisch-physikalischen Oszillation beruht, die eben nur einseitig erkannt wird, die aber erst daher physische stabile Welt in den Sinnen und für die Sinne generiert. Die Gegenbewegung, die Negation, der Ausgleich bleibt indessen den Sinnen ganz verborgen, und somit auch das tiefere Wesen der Welt als gegenläufige Bewegtheit, dies rein physikalisch wie auch metaphorisch betrachtet, dies als Prinzip des Kontingenten oder Immateriellen. Könnten wir sehen im tieferen Sinne, dann würden wir jene eigentliche Grundstruktur des Daseins erkennen und ihrer ansichtig werden in ihrer ‘fluiden’, leuchtenden – und hier ist Russell zuzustimmen – Form als elektrisches Phänomen zur weltansichtigen Reduktion. (Phänomen ist definiert als eine mit den Sinnen wahrnehmbare, abgrenzbare Einheit des Erlebens)

Don Juan Matus sagt bei Carlos Castaneda:
“Unsere Sinne sind zu allem fähig.”
“Ich glaube, unsere Sinne können alles aufnehmen, was uns umgibt.” “Die Seher sind der Meinung, daß wir erst einen winzigen Teil von uns selbst erschlossen haben.”
“Die erste Wahrheit über das Bewußtsein lautet, daß die Welt dort draußen nicht wirklich das ist, wofür wir sie halten. Wir halten sie für eine Welt der Gegenstände, und das ist sie nicht.”
“Energiefelder kann man nicht beobachten. Jedenfalls nicht als Durchschnittsmensch. Könntest du sie sehen, dann wärst du ein Seher, und in diesem Fall könntest du die Wahrheiten über das Bewußtsein erklären.”
“Die erste Wahrheit lautet, daß die Welt das ist, was sie zu sein scheint, und es doch nicht ist. Sie ist nicht so fest und so wirklich, wie unsere Wahrnehmung uns glauben macht. Aber sie ist auch keine Fata Morgana. Die Welt ist keine Illusion, wie man immer sagt. Sie ist einerseits real und andererseits irreal. Beachte dies gut, denn man muß es verstehen, nicht nur einfach akzeptieren. Wir nehmen wahr. Dies ist ein festes Faktum. Aber was wir wahrnehmen, ist kein solches Faktum, denn wir lernen, was wir wahrnehmen sollen.”
“Unsere Sinne nehmen wahr, wie sie es tun, weil die besondere Beschaffenheit unseres Bewußtseins sie zwingt, so wahrzunehmen.”
“Die Seher sagen, nur das Bewußtsein ist der Grund, warum wir annehmen, dort draußen sei eine Welt von Gegenständen. In Wirklichkeit sind dort draußen die Emanationen (des Adlers [ = des Einen]) – fließend, stets in Bewegung, doch unwandelbar, ewig.”

Man kann auch anfügen: Wahr ist die Welt, die wir sehen, weil sie ein Teil der Wahrheit, der wahren Welt ist. Und unwahr ist sie insofern, weil wir meinen, sie wäre die ganze Welt. Dabei ist ihr Allermeistes- und dies meint ihre ganze physikalische Art und Grundlegung, unseren Alltags-Sinnen zutiefst verborgen.

Durchwirkung aus dem Einen

Walter Russell: “Unser Universum besteht aus Gedankenwellen. Jeder Gedanke, jede Idee wird durch Bewegungswellen in Form ausgedrückt, die sich in das Universum hinein vervielfachen, indem sie jene Form wiederholen. Stellen Sie sich eine Wasserwelle vor. Wenn Sie einen Stein ins Wasser werfen, rufen Sie eine Wellenform hervor, die das exakte Maß der potenziellen Energie darstellt, die benutzt wurde, um die Ruhe des glatten Wassers zu unterteilen. Diese eine Welle gehört nicht nur Ihnen allein – sie ist universal – also wiederholt sich diese Welle durch den gesamten Körper des Wassers.
Die vielen Wellen sind Erweiterungen der einen. Jede Welle ist ein Hebel, der um einen Angelpunkt oszilliert. Überall in einem Wasserkörper ist ein stiller Angelpunkt, auf dem ein Wellenhebel schwingen kann. Jeder Angelpunkt der Ruhe entspricht der Seele, die Gott überallhin erweitert, um jede Wiederholung Seines Denkens zu zentrieren. Da es nur eine allgegenwärtige Seele gibt, hat jeder diesselbe All-Seele, aber jeder trägt ein anderes Verlangen in seiner ihn zentrierenden All-Seele.

In der Sinnenwelt drohte nun demgemäß Auslöschung der Konkretion durch Zentrierung. Ist aber die Sinnenwelt Ausdruck des Göttlichen, ist man Gott ja gerade besonders nah in seinem Werk. Und dies ist dann prinzipiell tantrisch gedacht.

“Tantra ist eine vielschichtige spirituelle Tradition aus Indien, die den Körper und die Sinneswelt als Weg zur Erleuchtung sieht, anstatt sie zu verneinen; es nutzt Rituale, Mantras, Yantras und die Erweckung der Kundalini-Energie, um die Vereinigung mit dem Göttlichen (Shiva/Shakti) zu erreichen, und bildet die Grundlage für viele moderne Yoga-Praktiken wie das Hatha-Yoga, das sich auf Asanas und Pranayama konzentriert. (Yogawiki)

“Der Tantrismus ist eine Erkenntnislehre, die auf der Untrennbarkeit des Relativen und des Absoluten basiert. Der Tantrismus betont die Identität von absoluter und phänomenaler Welt. Das Ziel des Tantrismus ist die Einswerdung mit dem Absoluten und das Erkennen der höchsten Wirklichkeit. Da angenommen wird, dass diese Wirklichkeit energetischer Natur ist und Mikrokosmos und Makrokosmos verwoben sind, führt der Tantrismus äußere Handlungen als Spiegel innerpsychischer Zustände aus. Da Geist und Materie als nicht vollständig geschieden angesehen werden, ist der hinduistische Tantrismus diesseitsbejahend und benutzt psycho-experimentelle Techniken der Selbstverwirklichung und Erfahrung der Welt und des Lebens, deren Elemente als positive Dimensionen erfahren werden sollen, in denen sich das Absolute offenbart. Tantra stellt sich also hauptsächlich als spiritueller und mystischer Weg dar, der auf metaphysischen Annahmen beruht.” (wikipedia)

Die Bindung des Geistes an die Form, die Durchwirkung und Schaffung der Form durch Geist, die allumfassende Einheit der verschiedenen ontischen Stufen als emanierend aus einem Ganzen, dies trifft sich hier durchaus gut mit Russells Ansicht.

Körper im Gleichgewicht

Walter Russell: “Die Menschheit fügt ihrem Körper auf diese Weise beständig Verletzungen zu. Zahllose Krankheiten entstehen im menschlichen Körper, die der Mensch – und nur er – erschaffen hat, indem er das Gesetz des Gleichgewichtes in seinem Denken missachtet hat. Da die Materie, aus der sein Körper sich zusammensetzt, nur eine elektrische Aufzeichnung seines Denkens ist, und da die Elektrizität seine Dienerin ist, die seinem Willen gehorcht, um seinen Körper nach dem Bilde seines Denkens aufzubauen, wird sein Körper das verzerrte Abbild, das er – er selbst – durch sein verzerrtes Denken geformt hat.”

Hie zum System des indischen Ayurveda: “Da es sich um eine Ganzheitsmedizin handelt, werden Körper, Geist und Seele gleichermaßen in die Behandlung einbezogen. Ayurveda gibt ganz klare Anweisungen wie man ein gesundes Leben führen kann. Man muss sich der Natur gemäß verhalten und sich ihr anpassen. D.h. z. B. … die richtige typgerechte Nahrung zu sich nehmen, die Abwechslung von Aktivität und Passivität einhalten etc. Und vor allem auf sich selbst und seinen Körper hören, der eigentlich genau weiß, was gut für ihn ist. Eine Krankheit ist letztendlich immer auf falsche Ernährung in irgendeinem Lebensbereich zurückzuführen, sei es falsche Ernährung, zuviel Stress oder Fehlverhalten im emotionalen Bereich, wie z.B. zu lange Trauer, Aggression etc.” (Yogawiki)

Das Schema des mental-primären oder präphysikalischen Ungleichgewichtes wird im Körper zur Physiologie und gesundheitlichen Disposition des Menschen. Die Grundlegung dieses Ungleichgewichtes ist geistig und emotional durch Inkarnation angelegt. Die Übersetzung dieses Ungleichgewichtes, des geistigen Übermaßes oder Mangels, bildet sich entweder somatisierend auf der Körperebene ab oder aber wird über eine Fehlernährung, die durchaus emotionale oder geistige Unausgewogenheiten repräsentiert, dem Körper erst einverleibt. Unbewußtheit, Nichtwissen, Trägheit und Fremdleitung tun ihr übriges. Gute Gewichtung hingegen – Gleichgewicht – , gute Bewußtheit und Ethik bieten dem Körper den bestmöglichen Weg seiner Erhaltung und Reinigung. Der beste Körper ist dabei der leichte, der unbemerkte Körper, der durch solchen Geist geprägt diesen einerseits in der Welt repräsentiert und zum anderen ihm in seiner Potenz nicht im Wege zu stehen vermag.

Mitleiden

Walter Russell: “Frage: Aber erscheint es nicht als unmenschlich, angesichts des Leidens ohne Anteilnahme zu sein?
Antwort: Ganz im Gegenteil. Es ist gottgleich, jemanden von seiner Unwirklichkeit zu heilen, indem man ihm ein gottähnliches Gleichgewicht gibt. Indem wir Anteil nehmen, erkennen wir die Realität des Übels an. In dem Augenblick, in dem Sie das tun und die Realität eines Leidens anerkennen, können Sie dem Patienten nicht helfen.”

In diesem Kontext aber über Schopenhauer: “Schopenhauers Mitleidsethik sieht Mitleid (Mitempfinden) als einzige wahre Grundlage der Moral, die auf der Identifikation mit dem Leid anderer beruht und den Egoismus überwindet, im Gegensatz zu Kants Vernunftethik. Moralische Handlungen entspringen dem direkten Empfinden des Leids des Anderen als wäre es das eigene, wodurch dessen Wohl zum unmittelbaren Motiv wird, was auch Tiere einschließt, da sie leidensfähig sind. Das Kernprinzip lautet: „Verletze niemanden und hilf allen, so viel du kannst“. (KI)

“Im Willen weiß der Mensch sich mit jeder anderen Kreatur verbunden; er ist das einheitsstiftende Prin­zip der Welt. Die Willensmetaphysik erlaubt daher keine wesentliche Unter­scheidung zwischen Mensch und Tier. Die Welt des Bewusstseins und Erkennens ist aus Sicht der Wil­lensmetaphysik nicht das Primäre, sondern das Sekundäre und Abgeleitete.”
“Wenn ich das Wohl eines anderen unmittelbar will und bei seinem Wehe mitleide, als wäre es meines, setzt dies voraus, dass „ich auf irgendeine Weise mit ihm identificirt sei, d. h. das jener gänzliche Unter­schied zwischen mir und jedem andern (…) wenigstens in ei­nem gewissen Grade aufgehoben sei“ (Schopenhauer 1977, Bd. IV, 248). Warum im Mitleid das Wohl und Wehe des einen unmittelbar zum Motiv des anderen werden kann, ist für Schopenhauer das große Mysterium der Ethik.” (Netzwerk Ethik heute)

Bei Russell kommt es in dieser Frage meines Erachtens zur Vermischung zweier Ebenen. Denn in der Realität unserer Lebenswelt ist das Leiden absolut immanent und bedarf daher konkret der Zuwendung – zwar sollte sich alles einst lösen vom Weltsein selbst, jedoch erst nicht im Lebenspraktischen, vielmehr verlangt es hier nach unbedingter Tröstung und Hilfe. Das Leiden, so es uns aus dem Einzelnen anblickt, bindet uns dabei in unsere eigene Leidensart zurück, in ein nun selbst gefühltes Leid, das zutiefst nach Heilung drängt, weil es selbst dasjenige ist in der Zersplitterung, was nach Ganzheit und somit völliger Unversehrtheit strebt. Der Wille Schopenhauers meint indes den äußeren Ausdruck dieses Geistes, der sich zum Sein wendet und – als Weltseele – zur Gestalt, zur Kreatur wird. Dahinter also steht sein einziges und weltentferntes Prinzip, das noch vor aller Ausformung residiert. Mein eigenes Sein wird so in der Tiefe tatsächlich das Sein jedes Anderen, denn es ist nur ein Sein. Daher die Befähigung zur (Seelen-)Resonanz, und je näher ich der Ganzheit bin, desto stärker ist diese zu empfinden.
Die Welt in Gänze von ihrem Leid zu befreien – sie ‘von ihrer Unwirklichkeit zu heilen’ – spricht ‘eschatologisch’ von ihrer Überwindung als Welt als Trug – zum reinen Geistsein. Eine Welt ohne Leid hat dann ganz aufgehört, eine (Welt-) Verwirklichung zu sein. Dies aber impliziert einen globalen (mentalen) und geschichtlichen -man kann auch sagen: utopischen – Bewußtseinsprozeß. In seiner Erfüllung besteht nur die Identifikation mit dem Überweltlichen, in dem das Überweltliche zur täglichen Ansicht wird und alle kreatürliche Illusion in ihrer letztendlichen Nichtigkeit aufgehoben ist. Dieser endgeschichtliche Sprung kann also nicht das probate Mittel zur Kur des akut leidenden Einzelwesens in seiner schmerzensvollen weltlichen Gegenwart darstellen, so es uns konkret gegenübertritt. Leiden – und somit Welt – heben sich nicht auf, indem man ihnen ihr Sein abspricht, sondern indem man moralische Bedingungen und dem Endprinzip der Liebe verwandte Betätigungen schafft, die akut heilen und – hier stimme ich Russell zu – die darüber hinaus eine Perspektive auf (noch ferne) Verwirklichungen totaler Transzendenz andeuten.

Ein Geben und Vermehren

Walter Russell: “Die alte Philosophie lehrte, Selbsterhaltung durch die Kraft des Stärkeren sei das erste Gesetz der Natur. Die neue Philosophie kehrt diese Schlußfolgerung um. Sie lehrt, daß Liebe manifestiert durch das Geben von allem Geschaffenen an das alles Geschaffene- die Grundlage der Schöpfung ist, und daß der Zweck aller schöpferischen Dinge die Selbsterhaltung für den Dienst an der Schöpfung ist. Das bedeutet, daß wir von uns selbst geben, um dem Ganzen zu dienen. Die ganze Natur gibt alles an ihren entgegengesetzten Pol, und der entgegengesetzte Pol gibt in gleicher Weise zurück. Der Mensch muß es genauso tun, und zwar so beständig, wie der Baum von seinen vielfältigen Früchten gibt und vom Himmel zurückerhält, um wiederum seine Früchte zu geben. Die Natur hortet nicht, wie der Mensch es tut – sie dehnt aus. Sie ist unbegrenzt in ihrer Ausdehnung. Je mehr sie sich ausdehnt, umso mehr wird ihr für neue Ausdehnung zurückgegeben. Der Mensch muß es genauso tun.
Wir erkennen nun, daß wirklich alle Dinge in der Natur untereinander verbunden sind und daß die gesamte Natur mit jeder Handlung der gesamten Natur dient. Der gesamte Naturprozess kann in der Idee vom ausgewogenen Dienst durch ausgewogenen gegenseitigen Austausch zusammengefaßt werden.

Für die Kunst:
Es geht auch hier um ein Ausdehnen, ein Dienen, ein Geben und Vermehren:
Kunst ist so Werk am Großen und sucht dabei nicht einfach (etwa ästhetische) Verstetigung, sondern gerade sucht sie den Zugang zum Ganzen durch ein Ungenanntes, Unsagbares, nicht aber im Psychischen und Physischen der Menschenwelt, sondern vielmehr im Momentum der Fremde – im figürlich-Unbekannten wie im unbenannten Gedanklichen – und neigt sich so zu der Art der Vielheit, die die Begrenzungen der Menschenwelt zu übersteigen gewillt ist. Dies durch Ingenium in Vollbringung der Nicht-Konvention und durch Vergessen. Vergessen meint hier ein In sich selber Hineinfinden bei Unterlassung von Konditionierung und Kausalität. Die Gabe für die Anderen besteht darin, hiervon zu enthüllen und zu zeugen zu deren eigenen Gebrauch. Geht der Künstler diesen Weg, kommt er in Fülle zum Resultat aus dem Geistigen, er hat ein ganzes unnennbares, unendliche Feld dorthin geöffnet und bewegt damit den Horizont der Profanität, der durch passive, adaptive und auf alle Hiesigkeit und Pragmatik fokussierte Seinsart definiert ist und öffnet diesen hin zum Geist(igen), zur Zukunft, zur Erkenntnis der höheren Welten, zum eigentlichen und einzigen Zweck und Ziel.

Verbindendes

Walter Russell: “Die Zivilisation basiert auf fünf wesentlichen Elementen: Kunst, Religion, Staatswesen, Wissenschaft und Unternehmertum. Von diesen fünf ist nur die Kunst von Dauer, weil ihre Ausdrucksformen in Skulpturen, Architektur, Musik, Malerei und Literatur, ganz abgesehen von Tanz und Drama, auf den ausgewogenen Rhythmen der Natur basieren… Abgesehen von ihren Kunstformen vergehen ganze Zivilisationen und geraten in Vergessenheit. Kunst, das wichtigste und am meisten vernachlässigte Element, ist heute der einzige Maßstab der Weltkultur, denn in ihr allein liegt Gleichgewicht. ‘Alles andere vergeht, die Kunst allein bleibt.’ In dem Maße, wie Regierung, Unternehmenskultur, Religion und Wissenschaft Gleichgewicht finden, werden auch sie zu Maßstäben der Weltkultur werden. Unausgewogene und häßliche Kunst wird nicht überdauern. Sie ist selbstzerstörerisch.
Die Religionen der Welt sind gefährlich unausgewogen, weil die vielen Gründer ihrer zahlreichen Ausprägungen, Glaubensüberzeugungen, Doktrinen und Rituale auf der Suche nach dem All-Einen so viele unmögliche Götter erdacht haben, daß die menschliche Vernunft seit langem dagegen rebelliert. Die neue Hoffnung der Religion liegt in einem besseren Verständnis der Natur, welches die wissenschaftliche Forschung in zunehmenden Maße ermöglicht. Nur ein solches Verstehen wird die vielen Religionen vereinen, und die nun getrennten, konkurrierenden religiösen Gruppen werden ihre vielen abgrenzenden Mauern niederreißen und in einem größeren Verständnis der Natur Gottes ihre grundsätzliche Einheit entdecken.”

Während Kunst und Wissenschaft auf Verbindliches, Verbindendes, allen Lesbares verweisen, nutzt die Religion diese ihr eigentlich ebenso ursächliche Referenz zur Schaffung einer exkludierenden Proklamation und somit auch einer entsprechenden Zugehörigkeit oder Sozietät, denn die Sozietät bildet und richtet sich gerade nach einer Meta-Proklamation, einem Charisma, das ganz zu Beginn einer jeden menschlichen Organisation konstitutiv wirksam ist. So aber betreibt sie die Negation der ‘großen Zusammenhänge’. Die Exklusion – als ‘totale Mitgliedschaft’ (Sloterdijk) beruht dabei nicht etwa auf rechtfertigendem Grund und erkenntnisorientierter Exponiertheit, sondern sie fußt zuletzt auf Verblendungszusammenhängen und vielmehr unlauterer Absetzung. Sie verweist nicht (mehr) auf das Bestehende, das für alle gilt – dieses hat sie vielmehr verloren, sondern ist mit äußerer, spezifischer Erzählung befaßt, die keine – im Sinne des Wortes religiöse – Verbindung mehr zur Eigentlichkeit und der Allgemeinheit aufweist, viel eher aber einer weltlichen und hemmenden (Macht-)Pragmatik dienen kann. Ihr Symbol ist zum Gegenstand des negativen Kultus geworden, ihre (hypothetische) Grundintention ist gehindert, und so hindert sie den gemeinsamen Narrativ vom Fortschritt im Bewußtsein der Erfüllung des (Menschheits-) Telos zum höchsten Dasein. Während Russell einen prinzipiellen Weltethos aus den gegebenen Religionen heraus zu formulieren gewillt scheint, behaupte ich, die Auslassung der hinderlichen Spezifikation der Religionen würde (besser: werde) diese zugleich nachhaltig aufheben.

Zusammenkunft

Walter Russell: “Der Geist denkt. Denken ist die vorstellende Kraft, welche die Idee des wissenden Geistes in die Erscheinungswelt vieler Ideen abtrennt und ihnen Form gibt.
Denken ist elektrisch. Ein Körper ist elektrisch. Mein elektrischer Körper ist eine sich ständig bewegende Aufzeichnung Meines sich ständig wandelnden Denkens.
Das elektrische Denken gehorcht der schöpferischen Vorstellungskraft und unterteilt die im Licht des Einen Wesens vorgestellte Idee in die Erscheinungsform vieler vorgestellter Ideen und gibt ihnen vorgestellte Formen, als wären sie viele Wesen.”

So sind diese Formen und Individualitäten alle ein Wesen, das interagiert, und ihr Außen ist dabei als Welt wie ihr eigenes Ansichtig-Sein illusionär, vielmehr ist alles ein interaktives Bild des einen Gedankens. Die Synchronizität etwa – also die Koinzidenz zweier prinzipiell lebensweltlich akausaler Ereignisse – bietet Einblick in diese höhere Dimension, zerreißt gleichsam den Schleier dieser Illusion, da sie ihre Verortung aus einer metaphysischen Interaktionsebene besonders ansichtig werden läßt. Die Realität als Lebenswelt ist dabei offenbar von psychischer oder feinstofflicher Grund- oder Metastruktur, und so sind ihre uns konkreten Erscheinungen von unsichtbarer, innerer, überindividueller Kohärenz. Die Synchronizität besagt Gewahrwerdung hierüber zwar in einem Individuum – und eben nicht erklärbar aus dem Individuum heraus – , aber dies geschieht eben im Feld der Zusammenkunft seiner Verbundenheit einer Meta-Kausalität des ontisch Höherrangigen.
Individualität und Interdependenz sind in niederer Wahrnehmungsstufe, im Höheren bewirkt Eines die Zusammenhänge als Gleichzeitigkeit, die selbst im Weltlichen diesem Momentum gehorchen – und sei es in der Bindekraft der Seele eines Einzelnen angesichts (s)eines Außen. Freilich ist es noch weit, solcherlei tieferen Zusammenhänge evident und nachvollziehbar kartographieren zu können.

Werner Heisenberg sagt: “Wenn man aber auf die ganz großen Zusammenhänge stößt, die schließlich in der Axiomatik fixiert werden… erscheint vor unserem geistigen Auge auf einmal ein Zusammenhang, der auch ohne uns schon immer dagewesen und der ganz offensichtlich nicht von Menschen gemacht ist. Solche Zusammenhänge sind doch wohl der eigentliche Inhalt unserer Wissenschaft.”

Weg aus dem Instinkt

Walter Russell: “Siehe in Mir den ruhenden Angelpunkt Meines sich wandelnden Universums. In Mir ist weder Gut noch Böse, weder Angst noch Wut, Sympathie oder Trauer, Sünde oder Tugend. In mir ist nur die Ekstase der Liebe – Angelpunkt allen Denkens und aller Gefühle. Nichts sonst existiert.”

Man kann auch sagen: Im Hegel‘schen Sinne ist sie, die Welt, ein Aufzug aus dem Einen in Diversifikation, um von dort aus wiederum zu sich zu kommen.
H.J. Sandkühler: “Hegel gründet sein Geschichtsbild auf eine philosophische Theorie der Entwicklung. In der Geschichte verwirklicht sich der Geist, indem er den Widerstand von Formen seines eigenen Selbst überwindet: Die Geschichte ist voll von Konflikten, und das nicht nur, weil der ‘logische’ Prozess, die Selbstexplikation des Geistes durch Willkür und Kontingenz gestört wird, sondern weil die Geschichte ein Drama ist, in dem verschiedene Aspekte eines einzigen Prinzips miteinander in Widerspruch treten und immer komplexere Formen annehmen. Geschichte ist der Prozess des Geistes, der Selbst-Wissen erlangt und deshalb frei ist. Die Weltgeschichte ist die Auslegung des Geistes in der Zeit. … Geschichte besteht als Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit in der Verwirklichung der substanziellen Vernunft.”
Mit Bezug auf die Worte Russells soll aber damit nicht gemeint sein, daß etwa Böses qualitativ und lebensweltlich gar nicht existent ist – vielmehr meint es so eine Qualität, die einst überwunden wird: Da die höchste Entität keine Dualität hat, sind auch alle Negativismen nichts als ein Ferment der Findung und Überwindung. Es ist zudem die animalis, die sich nicht mehr genügt, da ihrem wilden Urprinzip der Disruption der verbindende Gedanke der Empathie gegenübersteht – evolutorisch gegenüber getreten ist – und sie vor allem nun nicht mehr anderes Leben rauben muß, um sich selbst im Sein zu halten. Anders als das Negative meint nun die Qualität der Gutheit wesenhaft die Endbestimmung des außerhalb einer Dialektik stehenden Absoluten (Plato). Das Gute ist außer-dialektisch ewig – somit über jeder Qualität , das Böse ist Ferment der Findung und ohne ewige und wahre Realität, aber lebensweltlich notwendig, ja durchaus auch konstitutiv. Damit wird in einem noch utopisch weiteren Schritt auch erkannt werden, daß die Notwendigkeit zu überleben nicht mehr in der Erhaltung des vorfindlichen Daseins besteht, sondern vielmehr in der Überwindung der Minderung der eigenen Seinsheit, die wir als bekanntes Leben und Dasein tituliert haben.
Der Weg zum Geist, zum Guten, ist der Weg aus dem Instinkt und animalischem Gesetz zur neuen Natur seines Selbst. Diese hohe Natur aber ist selbstredend die ursächlichste, die allererste.