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Inhalt – Philosophisches

Voltaire, Moral

 Voltaire: “(Kaiser) Konstantin beharrte nicht bei seinem Entschlusse, beiden Parteien (Bischof Alexander und Priester Arius) Stillschweigen aufzuerlegen. Er hätte die Häupter des Egotismus können zu sich in den Palast kommen lassen. Er konnte fragen, wer ihnen das Recht gegeben habe, die Welt in Gärung zu bringen. ‘Habt ihr das Geschlechtsregister der göttlichen Familie? Was geht es euch an, ob der Logos geschaffen oder gezeugt ist? Genug, wenn man ihm treu ist, eine gute Moral predigt und sie nach Vermögen ausübt.” (Und in Hinsicht  auf Konstantins eigene Biographie:) “Hindert mich nicht, das einzig Gute zu tun, was ich kann, um meine vorigen Grausamkeiten in Vergessenheit zu bringen, und helft mir, meine Tage in Frieden zu beschließen.”
 Ist diese Einstellung Konstantins aber suffizient? Schließlich ist der Begriff der Moral  dem Logos geschuldet und wird wohl daher adäquat zu dessen vertieftem Verständnis auch eine zunehmend bessere Vorstellung über sich selber abgeben können. Was ist denn genauer diese Moral, von welchem Wert ist eine Ethik, wenn sie nicht befriedigend in der Wahrheit fußt? Wenn sie gar im Dienste falscher Götter oder Kulte stehen könnte?  Zuletzt konstituiert sich das Ethische aus der Wahrheit und nicht aber die Wahrheit aus dem Ethischen –  was heute wohl gerne vergessen ist – und offenbar findet ein Unwillen über diesen Verhalt schon bei Voltaire eine wirksame Richtungsweisung für die Neuzeit, die dann die Frage nach den höheren Wahrheiten per se kaum noch zulassen mag. Ein solches pragmatisches und nicht erkenntnisgeleitetes Plädoyer kommt dabei gerade dem theistisch-Dogmatischen, dem Kircheninstitutionellen entgegen, verbirgt hinter einem vermeintlich progressiven Proklamat (des Toleranzgedankens) tatsächlich eine Nähe zu konservativistischer Mediokrität (der hierzu erforderliche  interreligiöse common sense hat damals so wenig existiert, wie heute), die eine weitere Nachfrage als Affront, als  Vergehen gegen Gottes Unerreichbarkeitsdiktum auffasst – und so auch die aufklärerische Position, dem Menschen nämlich elementare Erkenntnisfähigkeit zuzusprechen, dem unspezifischen (theistischen) Tabu-Raum des Numinosen preisgibt, zugleich aber auch die ur-jesuanische Verbindlichkeit und  Aufforderung zur Positionierung in einer  gut und böse-polarisierten Welt, den auch anderen religiösen Systemen inhärenten Begriff von der Welt als Platz der Bewährung durch Entscheidung,  zu gunsten einer gemittelten Oberflächen-Moral des doch nie suffizienten kleinsten Nenners fallen läßt.
 Dies, obwohl Voltaires Präferenzen durchaus bei Solon, Pythagoras, Zaleukus, Sokrates, Plato oder Epiktet liegen,  bei Denkern also, denen das Fragen schlicht das wichtigste ist. Schließlich muß er um Platons Diktum von der Seele wissen, die alles innehatte und alles erinnert, wenn sie nur bereit ist zu fragen. (Und Wissen birgt im zweiten Schritt Entscheidung und daher Scheidung!)
Voltaire läßt Konstantin nun weiter sprechen: “Möchten doch alle Menschen sich erinnern, daß sie Brüder sind! Möchten sie doch alle Tyrannei über die Seele ebenso wie den Straßenraub verabscheuen, der ihnen die Früchte der Arbeit und ihres ruhigen Fleißes nimmt.”
Möchten aber die üblichen Religionen hierzu beitragen, indem sie vom Menschen zurücktreten (und der ökumenische Gedanke: nicht die Verständigung unter den Kulten, sondern die gemeinsame Überwindung!), denn was ist schließlich, wenn die Tyrannei über die Seele in Gottes Namen vonstatten geht –  dies best-herleitbar aus den Schriften, was, wenn gar der gemeinte Gott gar nicht Gott ist? Was, wenn Gott schon demiurgisch verstanden, eine Schmälerung oder gar Travestie des Göttlichen darstellt? Wenn eben dieser Gott, der Gott der Theisten, die eben außer ihrem System nie etwas anderes anzuerkennen imstande sind, gerade  eben selbst für die Tyrannei über die Seele zuständig ist, die Anhänger in Befangenheit und Defizienz haltend, verharrend im Dogma und erstorbenem Symbol (was nur dort  noch Kraft hat, wo es unreflektiert Trennendes hervorbringt) und tatsächlich nicht die Frage in Erwägung ziehend nach dem “göttlichen Register” (in uns) ? Wie schon angedeutet gleichen sich der aufklärerische Toleranzgedanke Voltaires und der theistische Dogmatismus insofern also an: Beide fragen nicht nach dem inhärenten Kern und der  verbesserten Definition von Religion. Sie wagen nicht, fragen nicht, gehen nicht an den Grund der Sache, sondern affirmieren zuletzt den Irrtum mit allen lebenspraktischen Inkonsistenzen und  affirmieren eben dieser Art auch alle  bekannte innere und äußere Verwerfung.
Und zuletzt noch ein Wort zum Satz über die Tyrannei, über Voltaires Verabscheuung des Straßenraubes, der den Menschen “die Früchte der Arbeit und ihres ruhigen Fleißes nimmt.”  Im historischen Kontext gibt dieser Raub schlicht ein passendes Bild für die äußeren Bedingungen der kirchlichen Institutionalisierung und der einhergehenden Bereicherungen und Plünderungen verschiedenster bekannter Art.

Voltaire über die Tiere

 Voltaire:  “…kann man folgern, was das ganze Altertum bis auf unsere Zeit geglaubt hat und was alle vernünftigen Menschen noch glauben, daß die Tiere eigene Vorstellungen haben.
Gott … hat einen Bund mit den Tieren geschlossen und sie mit einer Empfindung begabt, die oft richtiger ist als die unsrige, und mit einigen Ideen, die sich an diese Empfindung knüpfen.
….die Erbarmung, die wir den Tieren schuldig sind. Es ist auch wahre Barbarei, sie zu quälen.
Bloß die Gewohnheit kann den Schmerz in uns mindern, den wir sonst notwendig empfinden müßten, wenn wir ein Tier umbringen, das wir selbst genährt haben. Es hat immer Völker gegeben, die sich einen großen Skrupel daraus gemacht haben, und noch gegenwärtig dauert derselbe in Indien fort. Die ganze Sekte der Pythagoräer in Griechenland und Italien enthielt sich standhaft allen Fleischessens. Porphyr wirft in seinem Buche von der Enthaltsamkeit seinem Schüler vor, daß er von der Sekte abgesprungen sei, um seinen barbarischen Appetit zu befriedigen.
Man muß, glaub’ ich, allem Menschenverstande entsagen, um zu behaupten, daß die Tiere bloße Maschinen sind. Ist es nicht ein wahrer Widerspruch, daß Gott den Tieren Empfindungswerkzeuge gegeben hat und daß sie doch keine Empfindung haben sollen? Man muß nie Tiere beobachtet haben, um nicht bei ihnen die verschiednen Stimmen des Bedürfnisses, des Schmerzes, der Freude, der Furcht, der Liebe, des Zorns und aller ihrer Leidenschaften zu unterscheiden. Seltsam wäre es, wenn sie Empfindungen ausdrückten, die sie nicht hätten.”

Fortschritt und letzte Dinge

Gregor Taxacher: “Die neuzeitliche Geschichtsphilosophie ist kein Kind säkularisierter Apokalyptik, sondern sie ist ein Versuch nachträglicher Erklärung der schwierigen Emanzipation des Menschen gegenüber seiner theologischen Bevormundung. Der in dieser Geschichtsphilosophie sich aussprechende unendliche Fortschrittsgedanke ist nicht Säkularisierung der christlichen Eschatologie, sondern umgekehrt: Die Ermöglichung dieser Konzeption, das In-Sicht-Kommen ihrer Vorrausetzungen, nahm der temporalen Transzendenz, der eschatologischen Zukunft, ihren Verheißungscharakter. Will sagen: Im Konzept des Forstschritts braucht es eben gerade keine letzten Dinge. “

 Taxacher scheint hier außer Acht zu lassen, daß sich der Fortschrittsgedanke der Neuzeit  im Grunde bisher  gar nicht eschatologisch entkoppelt hatte, daß äußerer, technischer Fortschrittsvollzug eben immer auch als Begleiter eines inneren Fortschritts des Menschen und so des ganzheitlichen Seinsvollzuges selber gedacht war, dies gesehen als naturgeschichtliche Notwendigkeit wäre in sich schon Beweis zum Heilszweck genug , dazu aber kommen vor allem die dezidiert säkular-eschatologischen Proklamationen im Marxismus, (National-) Sozialismus und Kommunismus, die sehr wohl von einem Heil säkularer Art, einer großen Transformation in eine Endgültigkeit als Heil ausgehen  (oft chiliastisch benannt, als verständlichere Chiffre für eine Art der seligen Dauerhaftigkeit). Daher auch spricht z.B. Sigmund Freud über Marx’ Philosophie als nicht ,,materialistisch“, sondern bezeichnet sie als einen “Niederschlag der dunklen Hegelschen Philosophie”.
Die Säkularisierungsprozesse geben ja tatsächlich  nie den im Urgrund des Menschen angelegten Zweck und Impetus (dies ist neuplatonisch und hegelianisch) zur Überwindung auf, im Gegenteil machen sie ihn offensichtlicher, dringender und verschärfen sie ihn, weil sie den Zweck nun diesseits der Schwelle des Todes legen müssen und daher seine Einlösbarkeit für das Nahfeld (zeitlich und geographisch) proklamieren, sie setzen eine globale Erlösung (chiffriert als Befreiung) im Weltlichen an, die von kollektiver (vermasster) Ungeduld genährt die erhoffte (und endgültige, irreversible!) Besserung der Zukunft  hervorbringen mag, die dann als transitorische Effekte gar die bekannten Katastrophen und  ‘Häutungen’ allemal  als kollaterale Ereignisse ‘auf dem Weg’ in Kauf zu nehmen bereit ist. Die säkularen Bestrebungen, daher allesamt von einem  wie auch immer gearteten progressionistischen Charakter, sind Transzendenbestrebungen (im profanen Sinne) aber eben zugleich auch unbewußte, verkürzte  Transzendenzbestrebung zum nicht  gewußten oder negierten Numinosen, nun immanenzverdichtend in der (radikalen) Tat und daher von ganz anderer weltwirksamer (weil alleine weltzugewandter) Vehemenz als die Predigten und Proklamationen der religiösen Endzeitler.

Auch ein endzeitlich inspirierter Thomas Müntzer, der  zur immanenten Tat schreitet, sucht die letzten Dinge durchweg außerhalb der Welt.
Fortschritt selbst ist dem Telos ein ganz Inhärentes und alles entwickelt sich -bewußt oder nicht zur Ganzheit, die somit schon begrifflich ein Heil(-sein) innehat.  Eine Emanzipation des Politischen oder Gesellschaftlichen bedeutet daher nie die Emanzipation vom Telos selbst, und da dieser schließlich in allem virulent und wirksam ist und der Mensch als Wesen wie seine Geschichtlichkeit  eine Explikation dieses Prozesses  (zur Rück-Explikation) darstellt, wäre dies schlicht auch  gar nicht möglich.

Kosmogonische Handlung, Fichte

“Für die Veden ist die kosmogonische Handlung ein fortwährendes Opfer. Um alles, was da ist, zu erschaffen, opfert das höchste Wesen sich selbst; es teilt sich, um aus seiner Einheit herauszutreten. Dies Opfer wird also als der Ausgangspunkt aller Funktionen der Natur betrachtet. Diese zunächst erstaunliche und bei näherer Betrachtung sehr tiefe Idee enthält im Keim die ganze esoterische Lehre der Evolution Gottes in der Welt, der esoterischen Synthese des Polytheismus und des Monotheismus. Aus ihr heraus wird die dionysische Lehre von dem Fall der Erlösung der Seelen geboren, die sich in Hermes und Orpheus entfaltet. Ihr ist die Lehre des göttlichen Wortes entsprungen, von Krishna verkündet, von Jesus Christus erfüllt.”  (Edouard Schure)
Monistisch: Das eine macht sich mit sich selbst bekannt. Der Mensch – im Einen stehend und wahrnehmend gebrochen (zum Mensch)  muß nun  ebenfalls natura naturata sein, das heißt, er schöpft und emaniert, und gibt sich ab, opfert sich so dem anderen, das resoniert und ihm ähnlich und zu eigen wird. Durch Schöpfung und Abgabe wird ein Eigen-Werden von allem zu allem, zur Einheit.
Im Brihadaranjaka-Upanishad: “Die Welt wird von der Erkennntis geleitet; die Erkenntnis ist die Grundlage; das Erkennen ist das Brahman.”
Im Aitareja Upanishad: “Nur mit dem Denken wird’s erfaßt; und keine Vielheit gibt es hier. Wer außer ihm noch andres wähnt, der wandert nur von Tod zu Tod.”  

Fichte: “Wer bin ich? Subjekt und Objekt in Einem, das allgegenwärtig Bewusstseiende und Bewusste, Anschauende und Angeschaute, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich durch mich selbst sein, was ich bin, schlechthin durch mich selbst Begriffe entwerfen, schlechthin durch mich selbst einen außér dem Begriffe liegenden Zustand hervorbringen.  Nun aber ist mein Denken und Entwerfen eines Zweckbegriffs seiner Natur nach absolut frei – und etwas aus dem Nichts hervorbringend. An ein solches Denken müsste ich mein Handeln anknüpfen, wenn es also frei und schlechthin aus mir selbst hervorgehend soll betrachtet werden können. Auf folgende Weise denke ich meine Selbstständigkeit als Ich: Ich schreibe mir das Vermögen zu, schlechthin einen Begriff zu entwerfen, weil ich ihn entwerfe, aus absoluter Machtvollkommenheit meiner selbst als Intelligenz”  (totales Vermögen, siehe oben, Brahman !) “Ich schreibe mir ferner das Vermögen zu, diesen Begriff durch ein reelles Handeln außer dem Begriffe darzustellen; schreibe mir zu, eine reelle, wirksame, ein Sein hervorbringende Kraft, die ganz etwas anderes ist als das bloße Vermögen der Begriffe. Jene Begriffe, Zweckbegriffe genannt, sollen nicht wie die Erkenntnisbegriffe, Nachbilder eines Gegebenen, sondern vielmehr Vorbilder eines Hervorzubringenden sein; die reelle Kraft soll außer ihnen liegen und als solche für sich bestehen; sie soll von ihnen nur ihre Bestimmung erhalten, und die Erkenntnis soll ihr zusehen. Eine solche Selbstständigkeit mute ich mir, zufolge jenes Triebes, wirklich an.— Hier scheint es, liegt der Punkt, an welchem das Bewußtsein aller Realität sich anknüpft; die reelle Wirksamkeit meines Begriffs, und die reelle Tatkraft, die ich mir zufolge jener zuzuschreiben genötigt bin, ist dieser Punkt. Verhalte es sich indes mit der Realität einer Sinneswelt außer mir, wie es wolle: Realität habe ich und fasse ich: Sie liegt in mir und ist in mir selbst einheimisch.— Ich denke diese meine reele Tatkraft, aber ich erdenke sie nicht. Es liegt diesem Gedanken das unmittelbare Gefühl meines Triebes zur Selbsttätigkeit zugrunde; der Gedanke tut nichts als dieses Gefühl abbilden und es aufnehmen in seine eigne Form, die Form des Denkens.” (Die Bestimmung des Menschen)

Archetypus, Jung und Grof

C.G. Jung: “Das urtümliche Bild, das ich als ‘Archetypus’ bezeichnet habe, ist immer kollektiv, das heißt es ist mindestens ganzen Völkern oder Zeiten gemeinsam. Wahrscheinlich sind die hauptsächlichsten mythologischen Motive allen Rassen und Zeiten gemeinsam; so konnte ich eine Reihe von Motiven der griechischen Mythologie in den Träumen und Phantasien von geisteskranken reinrassigen Negern nachweisen.”

Stanislav Grof: “In einer der Sitzungen” (holotropes Atmens) “durchlebte er” (ein Proband namens Otto, ein Einwohner Prags) “äußerst heftig das Gefühl, seelisch-geistig zu sterben und danach wiedergeboren zu werden. Als das Ganze sich zuspitzte, hatte er die Vision einer unheimlichen Pforte zur Unterwelt, die von einer schrecklichen Schweinegöttin bewacht wurde. 

…er zeichnete eine ganze Serie komplexer, abstrakter Muster, zerriß und zerknüllte  diese labyrinthischen Zeichnungen immer wieder impulsiv und mit großer Verärgerung und Verzweiflung. …Er sagte, er verspüre einfach einen unwiderstehlichen Drang, diese geometrischen Muster zu zeichnen und war davon überzeugt, daß die richtige Zeichnung irgendwie die notwendige Vorbedingung für einen erfolgreichen Abschluß der Sitzung sei.”
Viele Jahre später begegnet Grof in den USA einem Mythologen. Als dieser von der Episode hörte, entgegnete er Grof: “Das war offenbar die Kosmische Mutternacht des Todes, die Verschlingende Muttergöttin der Molukker in Neuguinea.”
Grof: “Er erzählte mir dann von dem Glauben der Molukker, daß sie auf der Totenreise dieser Gottheit begegnen würden. Sie erschien ihnen als furchterregende weibliche Gestalt mit ausgeprägten Schweinezügen. Der molukkischen Überlieferung zufolge sitzt sie am Eingang zur Unterwelt und hütet ein verschlungenes heiliges Labyrinth. …  Die Molukker verbrachten einen sehr großen Teil ihrer Zeit damit, sich in der Kunst des Labyrinthzeichnens zu üben, da deren Beherrschung als wesentlich für eine glückliche Jenseitsfahrt galt.”

Und so die sich mit C.G. Jungs Aussage deckungsgleich verhaltende Aussage  von Grof:
“Die Begegnungen mit den archetypischen Figuren…brachten oft neue und detaillierte Informationen, die von Rasse, Kultur und Bildungsstand der Versuchspersonen wie auch von ihren Vorkenntnissen über die betreffenden Mythologien unabhängig waren.”

Der introvertierte Denktypus nach C.G.Jung

“Es tendiert in ihm alles zum Verschwinden und zur Verborgenheit.”

“Wenn er auch seine Gedanken in die Welt setzt, so führt er sie nicht ein wie eine besorgte Mutter ihre Kinder, sondern er setzt sie aus und ärgert sich höchstens, wenn sie ihr Fortkommen nicht von selber finden. Sein enormer Mangel an praktischer Fähigkeit oder seine Abneigung gegen Reklame in jeder Hinsicht kommen ihm dabei helfend entgegen.”

“Mit Konkurrenten im eigenen Fach macht er meistens schlechte Erfahrungen, indem er niemals ihre Gunst zu erringen versteht; er gibt ihnen in der Regel sogar zu verstehen, wie überflüssig sie ihm sind. In der Verfolgung seiner Ideen ist er meist hartnäckig, eigensinnig und unbeeinflußbar.”

“Die Arbeit geht ihm schwer von der Hand. Entweder ist er schweigsam, oder er verfällt auf Leute, die ihn nicht verstehen; damit sammelt er sich Beweisstücke für die unergründliche Dummheit der Menschen.”

“Gerne wird er das Opfer ehrgeiziger Frauen, sie seine Kritiklosigkeit dem Objekt gegenüber auszunützen verstehen, oder er entwickelt sich zum misanthropischen Junggesellen mit einem kindlichen Herzen.”

“Das Denken des introvertierten Typus ist positiv und synthetisch in Hinsicht der Entwicklung von Ideen, die sich in steigendem Maße der ewigen Gültigkeit der Urbilder annähern.”

“Für den Fernstehenden scheint er borstig, unnahbar und hochmütig.”


Das Fühlen

“Es sucht stets nach einem in der Wirklichkeit nicht anzutreffenden Bild, das er gewissermaßen zuvor gesehen hat. Er gleitet anscheinend über die Objekte, die seinem Ziel niemals passen, achtlos hinweg. Er strebt nach einer inneren Intensität, zu der die Objekte höchstens einen Anreiz beitragen. Die Tiefe dieses Gefühls läßt sich nur ahnen, aber nicht klar erfassen. Es macht den Menschen still und schwer zugänglich, da es sich vor der Brutalität des Objektes mimosenhaft zurückzieht, um den tiefen Hintergrund des Subjektes zu erfüllen.”

Der Klassiker
“Der Klassiker hat eine langsame Produktionsweise und bringt zuweilen erst relativ spät die reifsten Früchte seines Geistes hervor. Ein nach Wilhelm Ostwald nie fehlendes Kennzeichen des klassischen Typus ist das unbedingte Bedürfnis, der Öffentlichkeit gegenüber frei von Irrtum dazustehen.”

“Auf die Frage nach dem Leser geht er gar nicht ein, da er nach Art des Klassikers für sich selbst schreibt, daß heißt so, daß die Darstellung ihm einwandfrei erscheint, und nicht für andere.”

“Der klassische Typus, dem es selten oder nie glückt, gleichgeartete Seelen an der seinen zu entzünden.”

“Der Introvertierte versteckt seine Persönlichkeit.”

“Er strebt danach, sein Resultat vom Persönlichen möglichst zu befreien und als von jeder persönlichen Beziehung klar unterschieden darzustellen. Seine Inhalte treten daher an die Außenwelt in möglichst abstrahierter und depersonalisierter Form als Resultate langer innerer Arbeit. Damit sind sie aber auch schwer verständlich geworden, weil dem Publikum jegliche Kenntnis der Vorstufe und der Art und Weise, wie der Forscher zu seinem Resultat gelangte, fehlt. Dem Publikum fehlt auch die persönliche Beziehung, weil der Introvertierte sich verschweigt und ihm dadurch seine Persönlichkeit verhüllt.”

Nietzsches Zarahustra, Zitate

 Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra; was willst du nun bei den Schlafenden?

Wehe, es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichen Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Viele wegzulocken von der Herde – dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Herde.

Eine arme unwissende Müdigkeit, die nicht einmal mehr wissen will: die schuf alle Götter und Hinterwelten.

Wer auf den höchsten Berg steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.

Auflehnung – das ist die Vornehmheit von Sklaven.

Staat, wo der langsame Selbstmord aller – ‘das Leben’ heißt. Seht mir doch diese Überflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl – und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach.

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Überflüssigen!

Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.

Der Erkennende wandelt unter den Menschen als unter den Tieren.

Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muß man zu schlaffen und schlafenden Sinnen reden.

Wahrhaftig – so heiße ich Den, der in götterlose Wüsten geht und sein verehrendes Herz gebrochen hat.

Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rücken ihr berühmten Weisen! – euch treibt kein starker Wind und Wille.

Und mag doch alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen  kann! Manches Haus gibt es noch zu bauen!-

Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte: so klingt unsere Klage – hinweg über flache Sümpfe.

Es kehrt nun zurück, es kommt mir endlich heim – mein eigenes Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.

Wer sich stets viel geschont hat, der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung.

Mit Behagen aber verträgt sich nur die bescheidene Tugend.

Doch was rede ich, wo Niemand meine Ohren hat. Es ist hier noch eine Stunde zu früh für mich.

Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des anderen Einsamkeit ist die Flucht vor den Kranken.

Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr zum Abschiede: Wo man nicht lieben kann – da soll man vorübergehen!-

Alles aber kauen und verdauen, das ist eine rechte Schweine-Art! Immer I-A sagen – das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist! –

Denn meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da fehlt es am Besten.

Singen nämlich ist für Genesende. Der Gesunde mag reden.

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit.

Ich trachte lange nicht mehr nach Glücke, ich trachte nach meinem Werke.

Es gibt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn die Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird Alles falsch und schief und ungeheuer.

Ich liebe die großen Verachtenden: Der Mensch aber ist etwas, das überwunden werden muß.

Die großen Verachtenden nämlich sind die großen Verehrenden.

Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der Pöbel-Mischmasch: Das will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals -oh Ekel! Ekel! Ekel!

Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet noch nicht am Menschen.

Was der Pöbel einst glauben lernte, wer könnte ihm durch Gründe Das – umwerfen?

So verlernt mir doch Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit! Oh wie traurig dünken mich heute des Pöbels Hanswürste noch! Dies Heute aber ist des Pöbels.

Samkhya, Plotin, Seele

 “In Wahrheit gibt es also gar keine empirische Seele; und wenn in den Texten von  einer empirischen Seele die Rede ist und dieser Attribute zugeschrieben werden, die dem Wesen der an sich seienden Seele widerstreiten – wie z.B. Begrenztheit oder Gebundensein und Erlösung, Unterscheidung und Nichtunterscheidung – , so ist das nur ein Ausdruck, aber keine Realität, da diese im Denkorgan ruhen. Das bedeutet, daß unter der empirischen Seele einfach der von der Seele durchleuchtete Komplex von Uphadis (Trick, Täuschung, Körper, Psyche) zu verstehen ist, oder, – was auf das selbe hinauskommt – die Seele mit dem Spiegelbild des Innenorgans. Die Seele selbst aber ist immerdar unabhängig von ihren Uphadis und deren Affektionen; und das Eintreten aus dem Zustand des Gebundenseins in den der Erlösung ist nichts anderes als die Erreichung der Erkenntnis, daß die Seele in Wirklichkeit niemals gebunden war und gebunden sein kann. Dieser ganze Vorstellungskreis ist den entsprechenden Aussagen des Vedanta-Systems so nahe verwandt, daß man sich kaum der Annahme einer gegenseitigen Beeinflussung verschließen kann.”  (Richard Garbe)

“Der Seele wird die Tätigkeit aufgrund ihres Herrseins nur in uneigentlichem Sinne zugeschrieben, wie z.B. Sieg und Niederlage, die doch den Soldaten angehören, uneigentlich dem König zugeschrieben werden, weil dieser die Folgen, die Freude oder den Schmerz empfindet und Herr über jene Soldaten ist.” (Vijnanabhiksu)

“Das in Wirklichkeit handelnde Prinzip ist das zweite der inneren Organe, der Ahamkara. Wie kommt es aber, daß uns, bevor wir nicht den wahren Sachverhalt begriffen haben, die Seele als handelnd erscheint? Weil infolge der Verbindung mit der Seele der ungeistige innere Körper scheinbar geistig, und ebenso die am Handeln unbeteiligte Seele scheinbar handelnd wird. Oder spezieller: Weil der ungeistige Ahamkara nur infolge des bleibenden Lichtes wirkt, das die Seele auf ihn wirft, und weil es eine Funktion des Ahamkara ist, den Wahn zu erzeugen, daß unser Ich, unsere Seele das handelnde und leidende Subjekt sei. ”  (Richard Garbe)

Für den Neuplatonismus:
Plotin: “Faß also das ins Auge, was noch göttlicher als dieses Göttliche (der Seele) ist: das der Seele nach oben hin Benachbarte, an das sich die Seele unmittelbar anschließt und von dem her sie stammt. Obgleich sie nämlich eine Angelegenheit von solcher Art ist, wie unsere Argumentation gezeigt hat, ist sie nur ein Abbild des Geistes.”
C. Tornau:” Zwei Phasen der Seele: 1. pure, unbestimmte Existenz, 2. bestimmte Aktivität als rational denkenden Wesen. Die Bestimmung erfolgt durch Rückbezug auf den Geist.”

Plotin: “Die Weltseele kann so sein,  wie zu sein der  Wille ihres Wesens ihr gebietet, frei von Begierde und aller äußeren Einwirkung, denn  die Welt scheidet nichts aus und nimmt nichts in sich auf. Daher es dann sogar von unsere Seele heißt, wenn sie zu jener der vollkommenen gelangt, werde sie mit ihr vollkommen, wandle mit ihr in der Höhe und durchwalte den ganzen Kosmos; wenn sie also Abstand nimmt, nicht drinnen in den Leibern ist, niemand zu eigen ist, dann werde sie wie die Allseele mit ihr das All durchwalten, mit leichter Mühe.” 
“…das Allgemeine waltet durch ein ruhiges Gebieten, ein königliches Regieren; im Einzelnen vollzieht sich dann die Fürsorge (für das Niedere) durch ein eigenhändiges Tun.”

Samkhya, Plotin, ewige Form

“Aus der Identität -oder wie wir sagen würden: Koexistenz – von Ursache und Produkt folgt, daß von der Entstehung (utpatti) eines Produktes nicht gesprochen werden darf, daß vielmehr die sogenannte Entstehung eine Manifestation, ein In-die-Erscheinung-treten (abhivyakti) ist. Und wie das Produkt nicht entsteht, weil es bereits in seiner materiellen Ursache existiert, bevor es in die Erscheinung tritt, so geht es auch nicht zugrunde, sondern tritt nur aus der Erscheinung, indem es in seiner Ursache wieder verschwindet oder aufgeht (laya, tirobavha). Die Manifestation ist also der gegenwärtige Zustand (vartamanavastha) des Produkts, das angebliche frühere Nichtsein der zukünftige (anagatavastha) und das angebliche spätere Nichtsein der vergangene Zustand (atitavastha). Die materielle Ursache ist vor der Manifestation des Produkts nichts anderes als dieses Produkt im Zustande der Zukunft, und das Produkt nach dem Ende der Manifestation nichts anderes als die materielle Ursache im Zustande der Vergangenheit. Jedes stoffliche Ding ist also, bevor es in die Erscheinung getreten ist, genau so real als während der zwischen diesen beiden Grenzen liegenden Zeit; nur seine Form oder sein Zustand ändert sich. Durch diesen Gedankengang ist die Samkhya-Philosophie zu der ‘Lehre von der ewigen Realität der Produkte’ gelangt.” (Richard Garbe)

Für den Neuplatonismus:
Volkmann – Schluck:
(“Das Hinaussehen über das durch die Sinne Gegebene ist ein Zurückblicken auf den Nous, d. i. ein Hineinblicken in sich selbst.” )

“Das Sein des Seienden ist zugleich ein Nichtsein”

“Der Sinn des Nichtseins ist nicht Nichtung des Seinsgehaltes, sondern es ist selbst eine Weise der Sichtbarkeit des Seienden, das sich immer als unterschiedene Vielheit zeigt ” (Mein Zusatz: Und zwar in der anschaulichen Art durch eine durch uns erlangte Perzeption in immanenter Linearität, die sich im Nacheinander der Zeitlichkeit ausdrückt bzw. entfaltet.)

“Die Wesenheit des Seienden zeigt sich als augefaltete Gliederung eines in sich selbst geeinten Ganzen: als ein im Anderen seiner selbst mit sich selbst geeintsein, als Einheit, die in der Differenz geeint bleibt. Die Vielheit des Seienden ist die Art und Weise, wie der geeinte Unterschied, die Selbigkeit mit sich im Andersein, seine verschiedenen Konkretionen erfährt.”

C.G. Jung, Prägung, Bekenntnis

C.G.Jung: “Man meint, man müsse nur eine Bekenntnisformel als unrichtig und ungültig erklären, um von allen Wirkungen christlicher und jüdischer Religion psychologisch befreit zu sein. Man glaubt an Aufklärung, wie wenn eine intellektuelle Schwenkung irgendwie einen tieferen Einfluß auf die Gemütsvorgänge oder gar auf das Unbewußte hätte. Man vergißt völlig, daß die Religion der vergangenen zweitausend Jahre eine psychologische Einstellung ist, eine bestimmte Art und Weise der Anpassung nach innen und außen, die eine bestimmte Kulturform erzeugt und damit eine Atmosphäre erschaffen hat, welche von einer intellektuellen Leugnung ganz unbeeinflußt bleibt. Die intellektuelle Schwenkung ist zwar symptomatisch wichtig als ein Hinweis auf kommende Möglichkeiten, aber die tieferen Schichten arbeiten noch lange in der früheren Einstellung weiter, gemäß der psychischen Inertie. Daher kommt es, daß das Unbewußte das Heidentum lebendig bewahrt hat. Die Leichtigkeit, mit der der antike Geist sich wieder erhebt, kann man an der Renaissance beobachten. Die Leichtigkeit, mit der sich der noch viel ältere primitive Geist wieder erhebt, kann man in unserer Zeit vielleicht noch besser beobachten als in irgend einer anderen historisch bekannten Epoche.”

Die angesprochene Intellektualität ist in ihrem Drang aber Signum tätigen Willens einer immanent- theophanischen Seinsanlage in der Tiefe aller Existenz und so innerhalb  des Individuums  und verweist somit auf den urschöpferischen  Natur-Telos – und daher auch  auf dessen notwendige Geschichtlichkeit. Innerhalb dieses Telos kommt es auch zu Verharrung und Verstetigung des Irrtümlichen,  dies zumeist wegen Interessenlagen, die außerhalb der geistigen Vorgabe liegend in weltlicher Einlassung  hartnäckige Verhaftung und so Anachronismen manifestieren. Die Kolportage, die Symbolisierung ist zwar prägend, aber dem genannten Wesen ein Aufgesetzes, Oktroyiertes, ein Künstliches, das nicht mehr auf den Kern verweisen kann, oder, in anderem Bild, ein prinzipiell erstorbenes Glied, das nicht mehr am Blutkreislauf verbunden ist und daher – hört man auf, es künstlich zu stützen, schneller Vergänglichkeit anheimfällt. Man sieht dies an der  heutigen prompten Variabilität und Wandlung von Prägungen, die man viel evidenter geglaubt hatte. Dies heißt also auch, daß diese Prägung in der Tiefe jemals weniger wirksam war als vermutet.  Mit dem inneren Gehalt ‘des antiken Denkens’  verhält es sich hingegen anders, da dieser – wie auch das ganz Ursächliche und transzendent-Empirische der Archaik – Archaik und antikes Denken sind eng verbunden – einen Wesenskern beschreibt, der dem Menschen ob seiner Seinsart unauslöschbar eigen ist. Dies meint genauer eine potentielle Verbunden- und Eingebundenheit des Menschen zum (ontisch) ganz Anderen und (von der Raumzeit aus betrachtet) Unvorstellbaren (aber potentiell Erlebbaren), welches noch vor allen erworbenen oder kulturellen Zusätzen liegt, und was sich, um in Jung’scher Diktion zu bleiben – im inneren des Menschen -später- als bildgewordener Eidos, sprich als Archetypus zeigen kann.  Alle Institution, Erklärung, Ausformung, Symbol ist Interpretation a posteriori (de facto ist der anschauliche Archetypus schon a posteriori) und steht oftmals nicht einmal mehr in Wechselwirkung zu jener gemeinten Ursächlichkeit.  Dessen Findung aber ist Impetus zur Progression und meint  zuletzt das eigentliche (gnostische) Eschaton, anders gesagt: die Findung meint den Übergang zum Selbst -und höher noch, zum Geist und Einen. In dieser Bewegung sind die eingangs von Jung genannten Prägungen  nicht viel mehr als vergängliche Abdrücke, die die Richtung zum Aufstieg einst verfehlten und im Niederen, im nötigen Weltenlauf zwingend erodieren müssen.