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Inhalt – Philosophisches

Unbleiben

Volkmann-Schluck: “Weil das Unbegrenzte nicht durch sich selbst erfaßt werden kann, ist seine Erfassung ein Produkt der Einbildungskraft.”

“Wo hat das Unbegrenzte den Ort seines Seins? … Das Unbegrenzte selbst, so erklärt Plotin, ist auf der Flucht vor der Idee der Grenze. Die Grenze ist nicht eine Idee unter anderen, sondern ein Grundzug der Idee selbst, die das Was-es-ist erscheinenlassende Sicht, während im grenzenlosen alle Sicht und alles Sehen vergeht. …Das Unbegrenzte findet sich nicht in Bewegung. Aber es steht auch nicht still, da es, bevor es nicht gestellt wird, keinen Ort gibt, an dem es stehen könnte. Bewegung kann man ihm nur in dem Sinne zusprechen, daß es das Unbleibende an sich selbst ist.
Wie aber soll man sich dieses Unbleiben denken?…Denken ist immer ein Denken der Ideen. …Das Denken des Unbegrenzten muß daher denkend die Idee von sich absondern, sie gleichsam an einen anderen Ort stellen und dort stehen lassen, wenn das Unbegrenzte zur Begegnung kommen soll. Das Denken muß sich gleichsam gegen sich selber quer stellen, sich selbst entgegen handeln und doch ein Denken bleiben. Was denkt ein solches Denken? Gegensätzliches und Nichtgegensätzliches, beides in eins und zumal, also etwas Großes und Kleines, jedoch nicht das eine im Gegensatz zum anderen, denn dann würde das Denken ja wieder auf Ideen hinblicken…Und so verhält sich das Unbegrenzte zu allen Gegensätzen, indem es als das Eine sowohl wie auch als das gegenteilige Andere erscheint. Es selbst, unangesehen dessen, als was es erscheint, ist keines von beiden in der Weise der Bestimmtheit und der Gegensätzlichkeit.”

Hier läßt sich trefflich Cusanus heranziehen, der von einem intensivsten Sein spechend, welches eben über und vor einem Sein ist, das als in irgendeiner Form bestimmtes Seiendes erscheint, über diesen Verhalt zu einer Synthese ontischer Verhalte kommen muß. Die Rede ist hier zum Einen von absoluter Unbegreiflichkeit – “Worte haben keinen Zugang zur Quidditas”- und doch geht es zuletzt um eine sprachliche Einhegung. Cusansus spräche nun von einem Zusammenfallen der Gegensätze in Gott, würde man nur – geometrisch betrachtet – lange genug den verschieden strebenden Richtungen nachgehen, ließe sich sagen: Die raumzeitliche Determination muß sich erschöpfen. Rein mathematisch (eidetisch) wäre dies nicht der Fall, in der Trägheit der massereichen Welt aber kommt es zu mannigfaltiger Aberration oder Korrektur (die Erfassung selber ist schon Defizit!), nie kann das Eine gehalten werden, ohne das andere zu beeinflussen und zu ändern- im Irgendwo und Irgendwann der Linien und Achsen kommt es schließlich zu Annäherungen, Umkehrungen, Perspektivwechseln. (Die Art der Erfassung selber ist Signum Und so gelangt man eben selbst gedanklich zur Einheit der Gegensätze vor jeder Form der Zweiheit: Indem man alles von aller Seite her durchläuft und durchtut und verfolgt zum gemeinsamen Ursprung.

Hegel sagt: “Die Vernunft stellt sich als Kraft des negativen Absoluten, damit als absolutes Negieren, und zugleich als Kraft des Setzens der entgegengesetzten objektiven und subjektiven Totalität dar.”

Verharren und Beständigkeit

Volkmann-Schluck zum Neuplatonismus: “Das Naturhafte ist von dem Nous, dem Ort der Eide selbst, bereits so weit entfernt, daß es dem Eidos, also sich selbst, immerfort schon entgleitet und sich nur durch unaufhörliche Hervorbringung von wesensgleichen Einzelnen in sich selbst halten kann. Anders steht es aber beim Menschen, der am Nous selbst teilhat, darum sich selbst offenbar ist und für sich einzustehen hat. Im Blick auf uns selbst können wir klar erkennen, daß das Trachten nach dem Hier und Dort, dem Anderen und wieder Anderen auf einer Verkennung beruht. Solches Hinausgehen in das Auseinander des Hier und Dort scheint nur das umfassendere, reichere Leben zu sein. In Wahrheit ist dies Leben im sich zerstreuenden Sichvergehen an das Auseinander ein fortgesetzter Selbst -und Seinsverlust.”

Dies heißt, daß auch der Mensch einerseits -insofern man auf die raumzeitliche Natur seiner Erscheinung schaut – seine Form durch immer fortlaufende Zeugung aufrechtzuerhalten hat – aber dies ist zuletzt nur ein Bleiben im Sehen, eines perzeptiven Bruches- hingegen aber, wenn er dem eigentlichen Sein näherkommen will, – hier unterscheidet er sich vom Tier – seine ihm eigene Möglichkeit ergreifen muß, indem er die Blickrichtung abändert, die die Physis hinter sich lassend eine Zeugung nach Oben, zur eigentlichen präemanierten wahren Beständigkeit bewirkt. Man denke hier an den plotinischen Satz vom Amphibiencharakter des Menschen (der Seele) als Zwischenform zwischen Körpersein und Seelenwelt. Meister Eckharts Geburt des Sohnes in der Seele meint genau dies. Der Mensch muß sich nach oben bilden, indem er seine perzeptiv erschaffene (konstruierte/dezimierte) Formhaftigkeit überwindet und wahrhaft sehen lernt, um so geistig (feinstofflich) fortzuleben. Dies geht nur in einem nach Innen gewandten – oder durch alle Dinge hindurchblickenden – Prozess, das Leben in der Physis, das hierum weiß, verdient nur Beachtung und seinen Sinn in der Frage nach der Zweckerfüllung dieser Hinein- und Höherbildung. Der “Blick auf uns selbst”, das muß hier im Sinne C.G. Jungs gelesen werden, das Selbst, das hier gemeint ist, bildet die Apriorie zu den Körpern und den Subjekt-Objekt Determinationen. Und Plotin: “Vermöge des Geistes denkt man sich nicht mehr als Menschen, sondern ist gänzlich ein anderer geworden und hat sich in die Höhe entrückt, indem man nur den besseren Teil der Seele, der auch allein sich zum Denken beflügeln kann, hinaufzieht, damit jemand dort aufbewahre, was man sah.”

Bewußtsein, apriorisch

“Was die Philosophie anging, so drehte sich nach wie vor fast alles um die Frage, wie Freiheit zu denken sei. Hölderlin nahm Anstoß an Fichtes Behauptung, das Ich setze alle Realität und damit auch sich selbst, außerhalb dieser Realität gebe es gar keine. An Hegel schreibt er im Januar 1795, ‘ein Bewußtsein ohne Object ist aber nicht denkbar, und wen ich selbst dieses Object bin, so bin ich als solches notwendig beschränkt, sollte es auch nur in der Zeit seyn, also nicht absolut; also ist dem absoluten Ich kein Bewußtsein denkbar, als absolutes Ich hab ich kein Bewußtsein, und insofern ich kein Bewußtsein habe, insofern bin ich (für mich) Nichts.’ ” (J. Kaube)

Das Ich und das Bewußtsein ist jedoch in Deckung zu bringen mit dem Einzigen der monistischen Ansicht, das so Subjekt wird. Objekte sind schließlich Teil vom Ich-Bewußtsein, und Bewußtsein selbst ist nicht ichgebunden, sondern vielmehr apriorischen Charakters, im Ich erscheint es lediglich gebrochen, ist es nur rudimentär belebt und will zu sich selbst gelangen.
Sollipsistisch ist dies nur bis zu dem Punkt, an dem das Verständnis vom Ich eben weitergeführt wird, indem es sich hinausbildet aus dem Ego-Ich und zurück- und hineinbildet zum höheren, eigentlichen Ich. So spricht Fichte prinzipiell von einer Stufung des Ichhaften. Die Objekte und ihre Relationen (schließlich das raumzeitliche Ich) werden hierbei ontologisch gemindert und sind schon nach-bewußt. Man kann auch sagen: Sie sind für sich alleine gesehen sich überlassene Produkte aus vorhergegangenen Bewußtseinsprozessen. Das Überlegen – selbt nur in Relationen herleitbar – weicht der Schau, das raumzeitliche Ich zeigt sich als Außenstelle des höheren Ich und verliert ganz sein Subjekt-Sein – steigert aber zugleich sein Bewußt-Sein zum An-Sich-Sein. Man könnte hier auch anfügen: Hölderlin fehlt die Konzeption des apriorischen Ich, wie etwa ausgedrückt in der Theosophie durch die Theorie der verschiedenen ineineinander verbundenen Leiber, die von der hiesigen in die höheren Welten ragen und in wechselseitiger Determinierung ein Eines bilden.

C.G.Jung sagt: “Die Seele muß als eine Funktion angesprochen werden zwischen dem bewußten Subjekt und den dem Subjekt unzugänglichen Tiefen des Unbewußten. Die aus diesen Tiefen wirkende determinierende Kraft (Gott) wird durch die Seele abgebildet, d.h. sie schafft Symbole, Bilder, und ist selbst nur Bild.”
Und mit Verweis auf Meister Eckhart: ” …Hier spricht es Eckhart deutlich aus, daß Gott in einer unzweifelhaften Abhängigkeit von der Seele steht, und zugleich, daß die Seele die Geburtsstätte Gottes ist. … Die Wahrnehmungsfunktion (Seele) erfaßt die Inhalte des Unbewußten und als schöpferische Funktion gebiert sie die Dynamis in symbolischer Form.”

Zuletzt bilden die Apriorien des Ich in summa die Definition des Einen (Monismus).

Upanishad

Die Dinge stehen höher als die Sinne,
Der innre Sinn steht höher als die Dinge
Und höher als der innre Sinn die Buddhi (intuitive Intelligenz):
Noch höher steht als sie das Große Ich. (Welsteele gleich brahman, das Eine)

Hegel und Kunst

Hegel: “Beides, Kunst und Spekulation sind in ihrem Wesen der Gottesdienst, – beides ein lebendiges Anschauen des absoluten Lebens und somit ein Einssein mit ihm.”
Alfred North Whitehead: “Die spekulative Vernunft ist ihrem Wesen nach von methodischen Einschränkungen frei. Ihre Funktion besteht darin, über die eingeschränkten Gründe hinaus zu den allgemeinen Gründen vorzudringen und die Gesamtheit aller Methoden als durch die Natur der Dinge koordiniert zu verstehen – eine Natur der Dinge, die nur durch das Überschreiten aller methodischen Schranken begriffen werden kann.”
„Aufgabe der Spekulation ist es, das Denken schöpferisch in die Zukunft wirken zu lassen; und sie erfüllt diese Aufgabe, durch das Erschauen von Ideen, die das Beobachtbare umfassen:”
Schelling drückt in seiner “Philosophie der Kunst” folgendes aus: “Das Geheimnis alles Lebens ist Synthese des Absoluten mit der Begrenzung. Es ist ein gewisses höchstes in der Weltanschauung, das wir zur vollkommenen Befriedigung fordern, es ist: höchstes Leben, freiestes eigenstes Daseyn und Wirken ohne Beengung oder Begrenzung des Absoluten.”
Und noch einmal Hegel: “Die Definition von Geist (das Absolute) zu finden und ihren Inhalt zu verstehen war das letzte Motiv aller Kultur und Philosophie. Alle Religionen und Wissenschaften haben sich bemüht, diesen Zustand zu erreichen.”

Insofern: ist Kunst spekulativ, ist Kunst religiös zu nennen (Religion im Sinne einer explorativen Erfassung der Totalität). Und nur dann erfüllt Kunst sich selbst diesem Begriff nach, wenn sie dieser Defintion entspechend suchenden Charakters ist, sich aus einem Willen zur Übersteigung in einen Unruhezustand versetzt sieht. Kunst hat den Grund und das Ziel, den Erfahrungsraum des Menschen zu erweitern zu seinen eigentlichen Inhalten, die in der Hiesigkeit nur zum kleinen Teil erfaßlich sind und denen daher ein Drängen zur Erfahrung inhärent ist, das sich nie befriedet und befriedigt wähnt, solange nicht das Sein selber zur Abschließung gekommen wäre. Hegel: “Ihre Werke sind noch nicht reiner Gedanke, aber ihrer Sinnlichkeit zum Trotz auch nicht mehr bloßes materielles Dasein.” Rein deskriptiv vermag die Kunst hingegen nur Dekoratives, geht sie nicht diesem urmenschlichen und seelischen Drängen nach, breitet sie sich nur im vorfindlichen Raum aus als ihr Zuschauer, bereitet hingegen den Raum nicht selber, affimiert sogar das zu Überwindende, statt ein Dahinter zu erkunden. In dem Zusammenhang ist nach Hegel die romantische Kunst zu sehen, die lediglich Welt kommentiert, während aber die klassische Kunst befähigt ist, Objekte unmittelbarer Evidenz hervorzubringen.
Ist das rein Explorative aber nun schon gleichbedeutend mit dem Begriff von (gelungener) Kunst? Es wird dies erst durch die Verkoppelung mit ästhetischen Prämissen, die Inhärenzen mit apriorischen Harmonien anzuzeigen in der Lage sind.

Sinn des Nichtseins

J. Kaube: “Das Ganze ist für Hegel kein Geheimnis, das nur wenigen zuteilwerden kann, weil sie das Licht gesehen haben. Und das Ganze muss für ihn, sofern es denn das Ganze ist, auch als etwas beschrieben werden, das all die Qualen und Defizite, all das Scheitern und Verzweifeln, alles Leid und alle Kontingenz in sich erhält. Es hat für Hegel einfach keinen Sinn, aus dem Ganzen der Welt die Mühsal, das Versagen und das Zurückbleiben hinter den goldenen Erwartungen an Gott, das Absolute und das Wahre herauszudefinieren. Der Zufall, die Sinnlichkeit, die bloße Erscheinung, der Tod und der Schmerz sind für ihn Teil der Wirklichkeit. Ihm stand auch der auf das Verstehen des Weltganzen gerichtete Sinn nicht danach, irgendetwas ohne Grund zu einer Wirklichkeit zweiten Ranges herabzusetzen.”
Hegel (auf Schelling gemünzt): ‘Dies eine Wissen, daß im Absoluten alles gleich ist, daß also das Ganze gar keine Struktur hat, sondern aus einem dunklen Urgrund hervor-und auch wieder in ihn hineingeht, behandele das Absolute als die Nacht, ‘worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind. ‘ “
Es scheint, als habe Schelling vor allem in diesem Satz einen Angriff auf sich vermutet. ‘Das Absolute’, hatte er in ‘Philosophie und Religion’ geschrieben, ‘ist das einzig reale, die endlichen Dinge sind dagegen nicht real; ihr Grund kann daher … nur in einer Entfernung, in einem Abfall von dem Absoluten liegen.’ Hegel erkannte darin dasselbe Denkmuster, das er auch bei Spinoza und Fichte beobachtete: Die Wirklichkeit wird als eine Einschränkung des Ganzen statt als eine vernünftige Entwicklung verstanden.”

Hier liegt aber ein irrtümliches Bild über die Nichtung oder Negation (als Bestimmung etwa einer negativen Theologie) als solcher zu Grunde: Das Ganz Anders-Sein bezeichnet ja vor allem eine völlige Umfassung und birgt daher auch in sich jede erdenkliche -potentielle- Struktur – gleichwohl als ein Signum der Unzählbar- und Unendlichkeit, die zugleich -hierin eine Art Paradoxie – die Lysis aller Struktur umschreibt. Nun ist hier alle Potenz zur Vollkommenheit gediehen und bedarf keinerlei Bruchs oder Kontrastierung in Bezogenheiten, um zur (partikularen) Gewahrwerdung zu kommen. Das Eine ist ja gleichbedeutend einer totalen Gewahrwerdung und bedarf gar nichts anderem. Alle Vorgänge und Subjekt-Objekt-Relationen sind in der Art allumfasst, daß in summa ein Total-Sehen wird – eine Schau, die Denken und Sein im Bewußtsein zum Total-Sein kumuliert. Die kaleidoskopartigen Sichtungen und Stränge der Apriorieren sind zurückgekommen zur totalen Ansicht, und hierin liegt eben ein unnennbarer Über-Reichtum des Seins als solchem.

Volkmann Schluck zum Neuplatonismus: “Der Sinn des Nichtseins ist nicht Vernichtung des Seinsgehaltes, Minderung der Wirklichkeit von etwas, sondern es ist selbst eine Weise der Sichtbarkeit des Seienden, das sich immer als unterschiedene Vielheit zeigt.”

Auch Hegel spricht dies prinzipiell an, indem er den Begriff einer Synthese über die Negation stellt, die das Nichtsein dieser Nichtung nicht allein auf sich beruhen läßt: “Der Begriff des Ganzen wird für Hegel vom Leben selbst, das später ‘Vernunft’ und ‘Geist’ heißen wird und die kollektiven Voraussetzungen alles Begreifens meint, durch insistentes Negieren aller scheinbaren Subjekt-Objekt-Untrschiede hervorgebracht. Die Vernunft stellt sich als Kraft des negativen Absoluten, damit als absolutes Negieren, und zugleich als Kraft des Setzens der entgegengesetzen objektiven und subjektiven Totalität dar.” (J.Kaube)

Zweck des Daseins

Fichte: “Das gegenwärtige Leben läßt sich vernünftiger Weise nicht als die ganze Absicht meines Daseins, und des Daseins eines Menschengeschlechts überhaupt denken; es ist in mir Etwas, und es wird von mir Etwas gefordert, das in diesem ganzen Leben keine Anwendung findet, und für das Höchste, was auf der Erde hervorgebracht werden kann, völlig zwecklos und überflüssig ist. Der Mensch muß sonach einen über dieses Leben hinausliegenden Zweck haben. Soll aber das gegenwärtige Leben, welches ihm dennoch aufgelegt wird, und das nicht lediglich zur Entwicklung der Vernunft bestimmt sein kann, indem ja die schon erwachte Vernunft uns gebietet, dasselbe zu erhalten und den höchsten Zweck desselben aus allen Kräften zu befördern – soll dieses Leben nicht völlig vergebens und unnütz sein in der Reihe unsers Daseins, so muß es sich zu einem künftigen Leben wenigstens Verhalten, wie Mittel zum Zwecke.”

Aller Zweck des Daseins aber ist ein Hineinbilden des Göttlichen in die Seele. Dies nur im alltäglichen Tun, in einer immer gegenwärtigen Räson der Geistigkeit, und dies meint nicht etwa die Frage nach Riten und exkludierten Ereignissen – vielmehr ist diese Bildung nur in einem ganzen und umfassenden Beschreiben des kompletten Lebensbogens zu bereiten. Diese Weise des Lebens ist bereits von geänderter Art, die eben schon im Hier das Leben seinem Begriff nach tranzendiert. Es handelt sich zuvorderst um eine Selbststeigerung (oder besser, im Jung‘schen Sinne: eine Steigerung zum (ichtranszendenten) Selbst.

Nach Ficino: “Diese im Rückgang in sich selbst sich vollziehende Bewußtseinserweiterung der ‘mens’ ist eine unendliche, grenze-lose, in ihren eigentümlichen Möglichkeiten unbegrenzte Bewegung: Die ‘Sehnsucht zu sich selbst‘, die Intention auf Selbst-Steigerung hin ‘hat kein Ende’, ‘ermüdet nie’, ‘erlischt nie’; je näher sie dem Unendlichen kommt, desto mehr entbrennt ihr Feuer.’ (Beierwaltes)

Meister Eckhart sagt: “Nun sagt ein Meister, es liege eine Kraft oberhalb des Auges, die weiter ist als die ganze Welt und weiter als der Himmel. … Alles, was durch die Sinne in jene Kraft eingetragen wird, läutert und bereitet und rüstet die Seele, auf daß sie des Engels Licht und das göttliche Licht rein zu empfangen vermag.”

Die Lebenskraft

Yogaleitfaden des Patanjali, Kommentar: “Solange die Wurzel besteht, zeigt sie ihre Wirkung als Art, Lebensspanne, Welterfahrung.
Aus der Wurzel der Triebe reift etwas hervor, das sich in dreifacher Hinsicht zeigt. Erstens als Art: Jati, wörtlich ‘das, als was man geboren ist’ .. Jati wird oft als Kaste übersetzt … Es fügt sich aber besser ins Bild, Jati als Art zu deuten, durchaus in dem Sinn der Fortpflanzungsgemeinschaft, die einen Ordnungsfaktor in der Natur bildet. Zweitens die Lebensdauer ‘Lebenskraft’, ‘Langlebigkeit’, ‘Gesundheit’. Somit wird die ‘Spannkraft’ des Lebens ebenfalls vom Karma bestimmt. Drittens die Erfahrung Bhoga beschreibt Sinnenfreude schlechthin, Essen , Lust, Reichtum. Hauer (1958) übersetzt es sogar mit ‘Weltessen’. Im philosophischen Sinn is Bhoga Lohn für vergangene Taten.
Aus der Taten-Ansammlung resultiert also meine gesamte Lebensrealität, ja Welterfahrung: Daß ich als Mensch mit einer ganz bestimmten Lebenskraft in einem bestimmten Umfeld Erfahrungen mache, ist Folge vergangener Handlungen, die ihrerseits in den triebhaften Plagen wurzeln.”

Als ‘Libido’ (wie etwa Mana, Prana) im erweiterten Sinne: die Lebenskraft zeigt sich zum einen der Verstetigung und Verbesserung (durch Vermehrung) des inkarnierten Standes zugeneigt (dies im Fortpflanzungstrieb, der dann aber erweitert, verallgemeinert, wie symbolhaft und übertragbar werden soll), zum anderen in der (viel höheren) schöpfenden Kraft überhaupt, die gerade den Utilitarismus der Existenzsicherung weit überschreiten muß. Das “Weltessen”, die Teilhabe an der Weltenfülle zeigt sich ganz als Betätigung im Außen, korreliert jedoch etwa mit dem Zustand pitta (für Feuer, Tatendrang, Durchsetzung) im Ayurvedischen und hat hiermit selbstredend auch eine energetisch-spirituelle Implikation. Im der Welt Zugewandten soll jedoch der Wunsch nach Fülle ebenso wie der Wunsch nach (biologischer) Zeugung als unsaturierbar erkannt werden: ihre Ausführungen sind eher exemplarisch und abbildhaft zu deuten, erschließen sich bereits als unzureichend schon in Anbetracht der Endlichkeit der Ergebnisse, wie auch allen Gutes und Besitzes (in diesem Sinne Epikurs respice finem). Der Besitz indes soll sich über den Selbstzweck erheben und zu höherem Nutzen intendiert sein, etwa in der Hilfe für Andere, zur Ästhetisierung des Raumes oder zu Hilfsmitteln, um ein Werk -wie etwa im Sinne Gurdijeffs – voranzubringen (“…die Kraft der Rückbindung. Sie verbindet mit der wirklichen Welt, in der zeitlos immer neue Dinge erschaffen werden.“). Als karmischer Lohn bezeichnet – ist glückliche, aber allein der Welt zugeneigte Lebensfülle zugleich Gefährdung und Versuchung, da sie den karmischen Stand oder Erfolg verspielen kann, so man sich zuletzt in leere undurchdrungene Weltlichkeit verliert. Die Fülle muß besser als Resultat mit einer wachsenden Wunsch-und Intensionslosigkeit einhergehen, sie gehorcht viel weniger einem Wollen und Wünschen als der Notwendigkeit einer dem allgemeinen (höheren) Wachstum nebenhergehenden Erscheinung im Raumzeitlichen.

Inkarnationen

Yogaleitfaden des Patanjali, Kommentar: “Bem Feststehen in Wahrhaftigkeit erfolgt eine enge Verbindung zwischen (heiliger) Handlung und Frucht.”
“Sobald man also in Wahrhaftigkeit feststeht, gibt es eine direkte Entsprechung zwischen der Handlung und ihrem Ergebnis, ja sogar Aneignung. Für den Wahrhaftigen kommt bei einer Handlung nichts anderes heraus, d.h., er ist selbst ebenso vor bösen Überraschungen gefeit wie die Umgebung von Täuschung und Betrug. Bezieht man allerdings das Gesetz des Karma mit ein, das ja Handlungsverkettung ist, so ist die Tatenfrucht nie vollständig absehbar, da die Handlung selbst das Ergebnis zahlreicher anderer (früherer) Handlungen ist. Dennoch ist es natürlich besser, wenn Wahrhaftigkeit die Grundlage für die Früchte der Taten bildet.”

Die Überlegung über die Sinn- und Umfänglichkeit der Inkarnation(en) führt zu diesem Gedanken: Was ich heute erlebe, ist Resultat all meiner Vergangenheit(en) und ihrer komplexen Anordnungen. Alle Herleitungen, alles, was ich bisher erlebt habe, habe ich nur erlebt, um mein Heute zu erleben, wie ich es erlebe und um mich heute entsprechend in dieser Verantwortung darauf aufbauend zu verhalten. Alles bisherige ist dafür dagewesen, daß es mein Heute erbaut hat, wie es sich mir eben offenbart, so wie man nach langem Weg endlich an eine gewisse Stelle gelangen mag, um von dort den weiteren richtigen Weg einzuschlagen. Aus solcher Überlegung erwächst die Bewußtheit über die Wichtigkeit der Gegenwärtigkeit und über die Verantwortlichkeit, sie zum Nutzen zu gestalten. Stellt man hierbei eine Kongruenz her zwischen den Einsichten, die das Gestern bescherte sowie der heutigen zur Zukunft gerichteten Handlungsnotwendigkeit, wird man zunehmend Herr der eigenen sinnhaften Entwicklung. Dies aber, indem man der Klarheit und Logik des Vollzuges gleichsam ohne hohen Eigenwillen wie beobachtend beiwohnt. Im Vedanta würde man sagen, daß hierzu neben der Bewußtheit in Hinsicht auf die Determinanten der Existenz die völlige Intentionslosigkeit einzutreten hat, um eben dem Vollzug als solchen Raum zu geben und einst die kausale Verstrickung ganz aufzulösen, die überhaupt erst die Weghaftigkeit der (raumzeitlichen) ichhaften Existenz bedingt.

Welt-Sehen

Die Welt an-schauen, heißt sie wesenhaft anfachen, denn eine Subtilität und Majestät in ihr zu bilden durch Erkennen, dies kann die Natur aus sich nicht alleine, denn sie selbst schaut sich nicht an – und Sein ist Wahrgenommen Werden -, das Tier hingegen nimmt die Welt rein zweckmäßig. Der Mensch vermag mehr als dies, er nimmt sie als eine Wirkung auf, die jenes entfalten will, was zudem in sie hinein und über sie hinaus weist, und so gibt sie sich erst ein Ansehen durch wachsende Bewußtheiten über sie, welches zu weit höheren Sinnen strebt als nur dem offenbaren Lebenszweck (auch wenn dieser gesamte Zweck vorerst dunkel bleiben muß, Schopenhauer hat hierauf eingehend hingewiesen) . Man kann auch sagen: Die Welt stellt sich dar, wie sie geschaut wird, und hiermit wächst sie mit dem Betrachter in die Tiefe, wird in der Zukunft essentiellster Gestalt, daß sie sich schließlich zurück in ihre Herkunft bilden muß. (‘Die erhobene dunkle Ideenhaftigkeit’). Hier passend Jürgen Kaube: “Im Idealismus liegt die Behauptung, daß wir Welt durch Denken begreifen können, weil sie selbst denkförmig und zu wesentlichen Teilen unsere Hervorbringung ist.”
Für das vedische Weltbild: “Das Materielle wird nicht verteufelt oder verleugnet, sondern wird als relative Wahrheit erkannt, die unseren Blick zum Absoluten lenken kann.” (A. Risi) Und passend hier auch Hölderlin mit dem Wort “Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht.” Der Mensch mag dem Weltengrund nachgehen und ihn erst in der Tiefe finden und bilden, indem er dem subtilen, ja feinstofflichen (und ontisch höherrangigen/ als heilig interpretierbaren) Wesen Geltung verschafft durch verstehende Perzeption.
Daher auch läßt sich nicht sagen, das willentliche Beeinflussen und Modifizieren der Materie käme schon einer verwerflichen Haltung, ja einer Dämonie gleich -wie der Theismus es hält, denn monistisch besehen, muß das Eine zu sich kommen, indem es sich formell (zum In-formel) zurückerlangt – dies aber meint eine Progression der Materie als Involution durch bewußtseinsbegabte Trägerschaft als Selbstreflexivum. Die Schau des Subtilen ist ein Kennen der Idee als apriorische Form und ihren Entsprechungen. Die Manipulation der Materie, die Schaffung einer zweiten -höheren – formgebenden und formvariablen Natur zur Selbst-Angleichung -die eine Findung wäre der tieferen -zuletzt ureigenen -Natur – ist in der Möglichkeit und Verantwortung des bewußtseinsbegabten Betrachters. Und allein diese sakralisiert zuletzt den Raum!
Ohne diese ‘energetische Anbindung’, ohne eine noussphärische Entsprechung bliebe nur Einlassung ins materielle Außen allein, das ausschließlich seinem eigenen Zwecke (dem nicht eigentliche Existenz zukommt) genügen mag. Von dort aus führt kein aufsteigender Weg, das rein Artifizielle ohne tiefere Entsprechung meint viel eher einen Totspross am Baum des Lebens und Seins und fordert nur alle Energie und Anstrengung, um sich gegen den geistigen Nicht-Bestand so lange wie möglich zu behaupten, bis es doch untergehen muß. Daher wird dies Artifizielle auch von der Menge ihrer Intuition nach als falsch oder gar schädlich bewertet. Ein Telos gegen die tiefe Energetik würde die Welt in das Stadium der Nicht-Beachtung versetzen und sie so schlußendlich in Blindheit erlöschen lassen..

Formbildende Absoluta

Peter Sloterdijk in einer Betrachtung über Religion: “Es geht vielmehr um die Frage, wie es möglich wurde, daß aus Schriften von evidentem Zitat- und Kompilationscharakter sowie von unverhohlen poetischem bildersprachlichem Gepräge, hervorgegangen aus der Einverleibung früherer Dichtung und aktualisiert in performativen Neuaufführungen älterer Liturgien, gesellschaftsformende, zivilisationsbestimmende, seelenformbildende Absoluta entstehen konnten, denen es gelang, ihren poetischen, fiktionalen bzw. mythischen Charakter unsichtbar zu machen. Wo auch immer man die heiligen Bücher aufschlägt, findet man sich inmitten von Paraphrasen: mit jedem Satz tritt man ein in die Sphäre eines erregten intermonotheistischen, interzelotischen, interfiktionalen Zitierens.”

Wie wurden jene Schriften Absoluta? Zuvorderst durch die Hinwendung der Schrifthüter zur Welt.
“Es bedeutet die Abwendung der größten Gefahr, die dem Christentum bis heute drohte, als die katholische Kirche sich gegen die Gnosis bildete und behauptete, als sie mit Hilfe Konstantins die Welt als eine Aufgabe begriff, anstatt sie aufzugeben.”(Arno Borst)
Und diese Aufgabe, hier schon dem Ur-Sinn enthoben, handelt mit Repression nach Innen und Außen, gesellschaftlichem hierarchisierendem Zwang, (was man dann -viel später- Priesterbetrug nennt), expansivem, politischem und militärischem Kalkül, sozialer Bindungs- und Identifikationsanforderung durch Erziehung von kleinst an mittels verbindlicher Riten der Zugehörigkeit wie etwa der Sakramente, insbesondere der Taufe. Das Leben abseits einer definierten, begrenzten Sozietät wird eine schlichte Unmöglichkeit. Der religiöse und kulturelle Impetus, eine Anlage, die ganz unabhängig vom diktierten Dogma im Menschen nach Verwirklichung drängt, muß sich also innerhalb dieses Rahmens entfalten und hiermit affimiert er ihn zugleich, er stärkt somit das, was ihn begrenzt. Dort aber wo er ihn – ebenso wesenhaft – durchbrechen will, sind die Strukturen so fest und restriktiv und auf ihren Selbsterhalt bedacht, daß der Ausbruchversuch sofort von den Wächter-Instanzen registriert und entsprechend geahndet wird. Die Schriften als solche sind inhaltlich hierfür nicht mehr von Relevanz, sondern vielmehr geht es nur um die Sicherstellung der geistigen Anschirrung durch den Bezug auf sie.
Geschichtlich kann man sagen: Die Ur-Sozietät, die kollektiv-charismatisch und empirisch religiös ist, gibt die sakrale Kompetenz an die Wenigen (oder diese usurpieren sie). Im Ritus bleibt das Sanktum aber dem Kollektiv vorerst zugänglich. Nach diesem (ideal gezeichneten) Zustand setzt die Abwärtsbewegung ein, die Pragmatik der Wenigen ist dem Machtausbau und der Hierarchiebildung bzw. -verstetigung geschuldet, die Pragmatik der Vielen meint lebensreell eine Abschneidung vom Sanktum, bald auch die Entfremdung aller durch stetige Symbolisierung und Übersetzung. (Das Symbol kann zuletzt von niemandem mehr, auch nicht der Priesterschaft, gelesen werden). Die Ur-Anlage des Menschen, des Einzelnen nach Transzendenz aber besteht fort, doch erst wenn sich die Repression um einen gewissen Grad abschwächt, kann der Geist aus seinem Prokrustesbett erstehen, nun gar in besonderer Erwartung, in erhöhten Spannungszustand versetzt (daher Nietzsches Bild vom gespannten Bogen des Geistes nach den Jahrhunderten kirchlicher Knute), was auch die ursächliche Kraft emanzipatorischer Bewegungen oder -allgemeiner gesagt – dialektischer Beantwortungen erklären mag.