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Inhalt – Philosophisches

Zwischen – Seele

Volkmann Schluck über den Neuplatonismus: “Was die Natur zu einer solchen macht, das sind die Logoi, die Gestaltungsformen der schaffenden Seele, welche die Naturgestalten in das Dasein treibt und als deren individuierte Eide die Natur ist. Ist nun das Wesen der Seele von den als schaffende Naturkraft wirkenden Formkräften verschieden? ‘Nein, sie ist auch Logos und der Inbergriff der Logoi; und sie sind ihre Wirksamkeit, die sie ihrem Wesen gemäß übt.”

Die logoi als Seelenkräfte bilden gleichsam ‘Derivate’ der eidetischen Ursächlichkeit ins weltliche Ansehen – dies gemäß der Perzeptionsart und des angesprochenen Seelenvermögens der schaffenden Entität. Ist dies Vermögen auch selbst in seinem Dasein innerhalb der weltlichen Randständigkeit noch ein großes, kommen die ‘seelischen Betätigungen’ insofern mit sich selbst (als dem Verursacher) überein, als sie die Schaffungen als die jenigen erkennen, die im Radius ‘des Alles’ Resonanzen der Arten (der ‘Hiesigkeit’ und ‘Jenseitigkeit’) von ‘Wesenheiten’ sind, die dort verweilen und sich einander durchwirken und bedingen. So führt sich das Hohe aus der Selbstdistanz zu sich selbst zurück, man kann sagen, die äußere Hypostase gebiert und schafft ins Anschauliche, und doch sammelt diese als gerichtete Seelenqualität wieder ein, denn die Seele begreift ab einem bestimmten Punkt alle Schaffung als reine Korrelation ihrer eigenen höheren und einigenden, dem Nous zugehörigen und ursächlichen Qualität.
Diese Schaffungen sind ungemäß der Transpersonalität der eigentlichen hohen Seelenart im Objekt mehrfach zerfallen und stehen raumzeitlich dem Betrachter nicht in Kausalität, weil ihre Schaffung von der körperlichen Stufe aus besehen außerhalb und uneinsehbar geworden ist. Die Sichtweise auf die höhere Kausalität bedeutete vielmehr die Einnahme der einigenden Warte, die ihrem eigenen Gesetz zu folgen hatt: Bilder schaffen sich im Verbildlichenden, der sich selbst seiner Vorgabe gemäß als Beobachter zum Teil und Grund des Bildes (in der Ausformung) macht – während die Ideen selber ihrer Ursächlichkeit nach hiervon noch unberührt sind. In dieser Verortung der Seele, zwischen Auseinanderfall und Einigkeit, kommt es zur synchronistischen Wahrnehmung – die eine Wahrnehmung – die vielmehr ein Sein ist – meint, die zwischen beiden Bereichen wirksam wird.

Denken als Sein

Volkmann-Schluck über den Neuplatonismus: “Das Denken muß sich darauf besinnen, daß auch unser Leben und Denken nicht nur im Leiblichen seinen Aufenthalt hat, sondern auch sich selbst zu gehören vermag und daß vollends das in diesem Denken erblickte wahrhafte Sein, von allem Leiblichen frei, sich selbst die Grundlage ist, auf welcher es wandelt. Es wird erfaßt nach dem Maß der Nähe und Ferne zu ihm, je nachdem, ob wir ihm näher oder ferner sind.”

Das wahrhaftige Denken ist vielmehr ein ‘Zustand-sein’, der auf ein Sein lenkt, das im Hier durch den Hinausgang aus den Dingen bereits geahnt werden kann. Gerade die eigene Kreativität kann ein Erleben jenseits des (herkömmlich verstandenen) Denkens schon in der Hiesigkeit freisetzen – das künstlerische Produkt gar dient der Manifestation und möglichen Nachvollziehbarkeit un-alltäglicher Anbindungen. Das Denken, das diskursiv, theoretisch und dinglich bezogen ist, soll Platz geben einem ahnungsvollen hypothetischen Vorantreiben, das eher ein Erfahren und Erschließen und ‘Im-Sein’ des Unbekannten meint, das vom Selbst und hier und autark entwickelt werden kann. Dies ist das wichtigste und unersetzbare Signum der Individuation des Lebens überhaupt als Mensch: das Sich-in-Bezug-Setzen zur Unmittelbarkeit des geistigen Feldes, an dem man derart partizipiert, wie man es eben ergreift; dies indem man sich selbst und alle Intention aus der individuierten Form über sie hinaus zum Verbindenden des Eidos treibt. Daß dies dem Seelenstand gemäß geschieht, zeigt ganz Stand und Sinn der Inkarnation auf.
Je höher das eigene Sein, desto allgemeiner und gültiger dabei das Objekt des Erkennens und Erschließens – wwelches freilich von Objekt zum Subjekt des einzigen Seins konvertieren muß (um schließlich Eines zu werden).
C. G. Jung sagt: “Die Flüchtigkeit, Willkürlichkeit, Dunstigkeit und Einmaligkeit, die der Laienverstand stets mit der Vorstellung des Psychischen verbindet, hat nur für das Bewußtsein Geltung, nicht aber für das absolut Unbewußte.”
Dies soll hier heißen: Der Eingang in das Über-bewußte ist eine Konkretion des Seinszustandes jenseits nebulöser Spekulation – er ist Sein in gesteigerter Form als vergeistigendes Wesen, als solche ewige Entität.

Liebe

Schopenhauers Definition des Begriffes der Liebe:
“Die Liebe ist das Übel.”
“Sie wurzelt allein im Geschlechtstrieb.”
“Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja, ist durchaus nur ein näher bestimmter, spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinn individualisierter Geschlechtstrieb.”
“Sie ist eine metaphysische Macht.”
“Was zuletzt zwei Individuen verschiedenen Geschlechts ausschließlich zueinander zieht, ist der in der ganzen Gattung sich darstellende Wille zum Leben.”

Und Volkmann Schluck über den Neuplatonismus: “Uns ist das Seiende nicht anwesend als ein immer schon gegliedertes Allbeisammen in Einem. Deshalb bedarf es von unserer Seite besonderer Anstrengungen, wenn es uns gelingen soll, das wahrhafte Sein auch nur von ferne zu erblicken. Dabei kann uns das, was Plato über den eros gelehrt hat, eine Hilfe leisten. Die Liebe ist immer Liebe zu einem einzig Einen, und sofern das Denken vom Eros getragen wird, ist es ein Zusammensehen des vielen Gedachten in das Eine, welches alles Gedachte einheitlich ist.”

Schopenhauers Definition der Liebe richtet sich stark auf ihre ins Hiesige gewandten Implikationen, umfasst somit nur einen Bruchteil des wahren Sachverhaltes. Liebe als solche ist immer im Vollzug eines Telos zu sehen, das sich nach dem alles Vereinigenden (dem höchten Grund und Beginn, dem neuplatonischen Einen) richtet. So auch der Künstler im Produkt zum Höheren durchstößt und, ohne an der äußeren Form zu verweilen, einen Prozess der Innerlichkeit anregt, der Außerweltliches erschließen will, kann die in das Objekt hineintransferierte und wirkende Liebe als exemplarisch das Wesen der Liebe an sich, die eben zur Einheit und zum Einen strebt, in gewisser Art erschauen und erleben lassen, sie dabei in ihren Außenaspekten jedoch nicht entsprechend ihrem eigentlichen Wesen darstellen. Diese Aspekte ihrer uneigentlichen Konkretion sind es hingegen gerade, die Schopenhauer beschäftigen und zu seinen Urteilen führen. Seine ‘metaphysische Macht’, sein ‘Wille zum Leben’ kann dabei neuplatonisch als die Seele in ihrem nach unten zeigenden Schaffensdrang (zur Welt) gedacht werden. Die Liebe indes steht als Qualität des Ur-Einen weit über dem.
Freilich bleibt alles, was mit der Hiesigkeit auf irgendeine Art verbunden ist, selbst in der Erhöhung nur Andeutung und Ahnung des Eigentlichen. Es muß aber angenommen werden, daß aller Drang zum Vereinigenden auf einem -letztlich allem immanenten – tieferen Wissen um die Defizienz der Objekt-Subjekt-Relation oder der Auseinanderheit beruht. Gerade die Geschlechtlichkeit meint hier eine Offensichtlickeit über den Versuch der Integration des außer sich selbst verorteten Aspektes zur Komplettierung, dies zum einen durch die Überwindung der Körpergrenze, die als ein vom Einen exkludierendes Momentum aufgefasst werden muß, zum Anderen durch die Zusammenführung des Verschiedenen, der Polariäten der Natur durch einen die Distraktion und Unterschiedenheit einenden Willen und Drang. Und auch der durch die Geschlechtsliebe bedingte Fall in die Reihe der genetischen Fortsetzung meint hier keinen Widerspruch zum Gesagten, denn auch er läßt sich zuletzt ebenfalls als Zweckrichtung zum Geist deuten: Denn die biologische Fortsetzung meint Evolution, ein Sich-Hinauf-Entwickeln auf der Zeitachse, ein nach oben-Streben, ein zum Licht hin Kommen, um schließlich (global) zur höchsten Bestimmung zu gelangen – was im biologischen Subjekt schließlich die Überwindung des Biologischen zum Geistigen meint. Dies ist das eigentliche ganze Ziel des Daseins und aller Willensakte.

Fichte, Fokus des echten Seins


Fichte sagt: “Alle innere geistige Energie erscheint, im unmittelbaren Bewußtsein derselben, als ein sich Zusammennehmen, Erfassen, und Kontrahieren seines, außerdem zerstreuten Geistes, in Einen Punkt, und als ein sich Festhalten in diesem Einheitspunkte, gegen das stets fortdauernde natürliche Bestreben, diese Kontraktion aufzugeben, um sich wiederum auszudehnen. Also, sage ich, erscheint schlechthin alle innere Energie; und nur in diesem sich Zusammennehmen ist der Mensch selbständig, und fühlt sich selbständig. Außer diesem Zustande der Selbstkontraktion verfließt er eben, und zerfließt, und zwar keineswegs also, wie er Will und sich Macht, (denn alles sein sich Machen ist das Gegenteil des Zerfließens, die Kontraktion), sondern so, wie er eben Wird, und das gesetzlose, und unbegreifliche Ohngefähr ihn umgibt. Er hat demnach in diesem letztern Zustande gar keine Selbständigkeit, er existiert gar nicht, als ein für sich bestehendes Reales, sondern bloß als eine flüchtige Naturbegebenheit. Kurz, das ursprüngliche Bild der geistigen Selbständigkeit ist im Bewußtsein ein – ewig sich machender, und lebendigst sich haltender, geometrischer Punkt: das eben so ursprüngliche Bild der Unselbständigkeit, und des geistigen Nichtseins, eine, unbestimmt sich ergießende, Fläche. Die Selbstständigkeit kehrt der Welt eine Spitze zu; die Unselbständigkeit eine stumpf ausgebreitete Fläche.
In dem ersten Zustande allein ist Kraft, und Selbstgefühl der Kraft; darum ist auch nur in ihm eine kräftige, und energische Auffassung und Durchdringung der Welt möglich. In dem zweiten Zustande ist keine Kraft: der Geist ist bei der Welt-Auffassung gar nicht mit dabei, und zu Hause, sondern er ist, wie in einer alten Erzählung Baal, über Feld gegangen, oder dichtet, oder schläft: wie vermöchte er im Objekte sich zu fühlen, und sich von ihm abzusondern? Er verfließet sich, für sich selbst, mit ihm, und so verblasset ihm seine Welt, und er erhält, statt des lebendigen Wesens, an welches er sein eignes Leben setzen, und dieses ihm entgegensetzen müßte, nur einen grauen Schatten, und ein Nebelgebilde.”
(Fichte, Anweisung zum seligen Leben.)

Es ist zuletzt allein der geistige Fokus – oder besser: die Ausrichtung vielgestaltiger ins Transzendente weisender Tätigkeit auf eine umfassende Intention (diese bildet die Spitze oder ein Drängendes oder ein in das geistige Reich Invadierendes), die erst in ganzer Selbstverantwortung lebensvolles und teleologisch sinnhaftes Sein ermöglicht.

Tugend zum Geist

Meister Eckhart sagt: “Nun sagt ein heidnischer Meister: Wenn einer die Tugend um etwas anderen als um der Tugend willen wirkt, dann ist das (noch) nie eine (wahre) Tugend geworden. Sucht er Lob oder etwas anderes, so verkauft er die Tugend. Man solle eine naturhafte Tugend nicht um alles, was auf Erden ist, hingeben. Darum begehrt ein guter Mensch keines Lobes; er begehrt wohl, des Lobes wert zu sein. Einem Menschen soll nicht leid sein, daß man mit ihm zürnt; ihm soll (vielmehr) leid sein, daß er den Zorn verdient.”

Wer aber erkennt demnach außerhalb des Weltgeschehens die wirkliche Tugend des Menschen? Worin besteht nun also der wahrhafte Lohn?
Die wahre Tugend ist die, die sich selbst zu Größerem, dem über einem dem Ich-Sein Hinausliegenden fortsetzt. Die Intentionslosigkeit in Bezug auf weltliche Resonanzen vermeintlicher Größe oder Wachstums und hiesiger Verwertbarkeit macht den Menschen fortwährend freier für Entwicklungen zu einem Eigensein, das als Umfassung im Selbst höherer Art betrachtet werden soll.
Das Lob, der Lohn – das ist eher eine Gewahrwerdung, die monistisch besehen ein Zu-Sich-Kommen des Einen durch Integration der Sicht ist, was im Individuum als ein Steigen, ein zunehmendes Transzendieren des angenommenen Normalzustandes (der Weltlichkeit) wahrzunehmen ist. Man kann auch sagen: Das Individuum wird groß und lobenswert, und umso größer wird es, je überindividueller es seinem Seinsverständnis nach sich selber als Höheres auffasst.

Volkmann -Schluck zum Neuplatonismus: “… zwei Arten des Sich-selbst-Erkennens: einmal indem man die Natur des Überlegungsvermögens der Seele erkennt, die andere Art steht über dieser, indem man sich selbst durch den Geist erkennt, indem man Geist wird; und vermöge des Geistes denkt man sich nicht mehr als Menschen, sondern ist gänzlich ein anderer geworden und hat sich in die Höhe entrückt, indem man nur den besseren Teil der Seele, der auch allein sich zum Denken beflügeln kann, hinaufzieht, damit jemand aufbewahre, was man sah. “

Zum Verhältnis von Seele und Eidos

“Aschtavakra sprach:
Von nirgendwoher tastet’s dich an.
Was verlangst du Reiner abzustreifen?
Zerschmilz die Vielheit der Welt, –
So geh zum Verschmelzen.
Aus dir steigt alles auf wie Blasen aus der See:
So erkenne dein Wesen als alleinsam, –
So geh zum Verschmelzen.
Leid und Lust sind dir gleich: du bist der Ganze.
Gleich in Hoffnung und Hoffnungslosigkeit;
Gleich sind dir Tod und Leben, – So geh zum Verschmelzen.”
(Aschtavakragita, Fünfter Gesang)

Für den Neuplatonismus: “Das Problem des Verhältnisses von Seele und Eidos verwandelt sich bei Plotin in das Problem des Seins der Seele zu sich selbst, in dessen näherer Ausarbeitung das Verhältnis der Seele zum Nous als dem denkenden Innesein der Eide in die Mitte tritt, und zwar so, daß gegenüber dem Nous, der nicht nur die Eide schaut, sondern sich in den Noeta selbst als denkenden Geist schaut, die Denkweise der Seele als uneigentliches Sein des Geistes erscheint, ihre Denktätigkeit als abbildhafter Nachvollzug des Inneseins des Gedachten des Nous. Die zentrale Frage der Reflexivität der Seele, unter die bei Plotin die Problematik von Eidos und Seele rückt, führt so zu einer Uminterpretation und Neudeutung der Denkweise des Nous, dessen Seinssinn für die attische Philosophie in dem Geöffnetsein für das sich zeigende Seiende lag: Für Plotin ist er das Denken, das zwar das Eine intendiert, aber das Begriffene zur Vielheit gedachter Unterschiede werden läßt und so selbst zum Sein des Vielen wird. Wenn die Selbstanschauung im Noeton (Intelligiblen) zu einem Sich-selbst-auslegen des Denkenden im Gedachten wird, dann gibt es für die Seele über die Selbstanschauung ihrer Gehalte im Nous hinaus eine höhere Stufe der Rückwendung in das Innere, eine Erfahrung ihrer selbst, die allem Sichauslegen in eine unterschiedene Vielheit vorausliegt. Auf dieser Stufe des In-sich-zurück-gehens wird das Sein selbst vor der Entfaltung im Denkgebilde durch den Nous erfahren.” (Volkmann Schluck)

C.G.Jung: “Nur ein Leben, das in einem gewissen Geiste gelebt wird, ist lebenswert. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß ein Leben, das bloß aus dem Ich gelebt wird, in der Regel nicht nur auf den Betreffenden selbst, sondern auch auf die Zuschauer als dumpf wirkt. Die Fülle des Lebens erfordert mehr als bloß ein Ich; sie bedarf eines Geistes, das heißt eines unabhängigen und übergeordneten Komplexes, der offenbar allein imstande ist, alle jene seelischen Möglichkeiten, die das Ichbewußtsein nicht erreichen kann, in lebendige Erscheinung zu rufen.
… Das Leben ist ein Kriterium der Wahrheit des Geistes, ein Geist, der den Menschen über alle Lebensmöglichkeit hinausreißt und nur Erfüllung in sich selber sucht, ist ein Irrgeist – nicht ohne die Schuld des Menschen, der es in der Hand hat, sich selbst aufzugeben oder nicht.”

Körper als Instrument

Plotin: “So werden denn seine Handlungen nur zum Teil auf die Glückseligkeit zielen, zum andern Teil geschehen sie nicht um des letzten Zieles willen, überhaupt nicht um seinetwillen, sondern wegen des irdischen Ich, das mit ihm verkoppelt ist, für das er sorgt und das er erträgt, solange es angeht, so wie der Leierspieler sein Instrument versorgt, solange es angeht, darauf zu spielen; geht das aber nicht mehr, so vertauscht er es mit einem andern Instrument, oder er gibt überhaupt das Leierspielen auf und unterläßt die Betätigung auf der Leier, da er jetzt ein anderes Geschäft ohne Leier treibt, er läßt sie unbeachtet neben sich liegen, denn er singt jetzt ohne Instrument. Und doch wurde ihm nicht umsonst zunächst dies Instrument verliehen, er hat doch oft auf ihm gespielt.” (Plotin, Die Glückseligkeit)

So hat der Körper also einen Zweck zu vollbringen – und der Sinn hierbei ist ja weit höher angesiedelt, als daß er in dieser Welt lediglich seinen Aufgaben nachzukommen hätte, denn die Körperfunktion bezeichnet die Konstitution dieser Welt selbst – so wie die Leier ja erst durch ihre Bauart ein Eigenes, ihr charakteristisch klingendes Lied (entsprechend einem Abgriff als einer Welt ) hervorbringt. Also ist der Körper so zu behandeln, daß er gut geeignet wird zu einer nutzvollen Hervorbringung, damit auch seine (Welt-) Melodie gut erklingen kann – denn nach deren Vortrag bewertet sich der Stand des Spielers. Der Stand indes steht für das Telos, für Entwicklung und Fortkommen. Dies heißt im Bezug auf die allgemeine Physiologie: Der Körper soll idealiter bar jeder Einschränkung sein, man soll ihn dabei weiter nicht spüren, er soll nicht im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, vielmehr soll er zurücktreten von jedem Selbstzweck und nur der Aufnahme und Übersetzung dienen. Was aber seine Perzeptionsfähigkeit betrifft, so sollen sich seine Sinne fortwährend schärfen und verfeinern. Zwar ist dem physikalisch eine Grenze gesetzt, aber die Verarbeitung der Eindrücke ist entwicklungsfähig durch einen sich steigernden Grad der Bewußtheit, und eben diese Verbesserung korreliert mit einem gesteigerten Sein, was Welt-Entwicklung heißt.
Hört der Körper aber natürlicherweise auf zu funktionieren oder schränkt er seine Funktion zum allmählichen Tode hin ein, meint dies, der Geist sollte rechtzeitig vorbereitet sein, sein Vehikel aufzugeben und nach einem neuen zu schauen, denn einzig von Gewicht (zum Sein) ist der Seele Befähigung zum Sehen, Erkennen, und in Existenz zu bringen. Die höchste Verwirklichung der Existenz ist einst der Aufgang in das Höchste, das Eine. Daher soll auch jedes Instrument jeweils gegen ein besseres getauscht werden. Solange wie nötig, mag dies im Körperlichen geschehen, die eigentlichen Instrumente der Gewahrwerdung liegen aber im Feinstofflichen und drängen zu einer Existenz in diesem und über dieses hinaus.

Identität

Plotin: “Daß der Mensch vollkommenes Leben hat, da er nicht nur das Wahrnehmungsleben hat, sondern auch die Vernunft und den wahrhaften Geist, das ist auch anderweitig klar. Indessen hat er dies als etwas von sich selbst Verschiedenes? Nein, er ist überhaupt nicht Mensch, wenn er nicht auch dies besitzt, sei es potentiell sei es aktuell (und im letzteren Fall nennen wir ihn dann glückselig). Aber sollen wir diese vollkommene Art des Lebens in ihm als einen Teil von ihm bezeichnen? Nun gilt das zwar von dem gewöhnlichen Menschen, der es nur potentiell hat, daß er es nur als einen Teil besitzt; der andere dagegen ist wirklich glückselig, er, der dies aktuell ist und zur Identität mit diesem fortgeschritten ist; und die übrigen Dinge haften ihm nur noch an, man kann sie kaum noch als Teile von ihm bezeichnen, da sie ihm ohne seinen Willen anhaften (zu ihm würden sie nur gehören, wenn sie nach seinem Willen mit ihm verknüpft wären). Was ist denn nun für diesen das Gute? Nun er ist sich selber das Gute, vermöge dessen, was er besitzt. (Das jenseitige Gute aber ist nur die Ursache des Guten in ihm; die Tatsache, daß Jenes gut ist, ist zu unterscheiden von der Tatsache, daß Es ihm beiwohnt.) Ein Zeugnis hierfür liegt darin, daß der in dieser Verfassung befindliche auf nichts anderes mehr aus ist. Worauf sollte er auch noch aus sein? Auf ein Geringeres natürlich nicht; und dem besten ist er bereits gesellt.”

Wie aber kommt die Potentialität des Alles zur Aktualität? Sie kann dies, indem sie im defizienten Subjekt des Sehens fortwährend im Jetzt – die Gegenwart betrachtend – zugleich von der sichtbaren Gegenwart abstrahiert, dies durch gedankliche und praktische Erweiterung des Erfahrungs- und Alltagsraumes eben zur Potenz der geistigen Aspekte, somit um sich selber näher zu kommen. Aktualiät geschieht durch subjektive Verwirklichung zu objektivem Sein.
Aktualität ist dabei Identität. Identität greift Platz über Gewahrwerdung. Gewahrwerdung ist Ausdehnung durch Erkenntnis und existentiellen Eingang in das Wesenhafte des Seins (des letztlich Einen), und dieses ist verquickt mit dem moralisch Guten (Handeln, Denken in der Welt), da dies dem Wesen des Einen entspricht. Das aber meint auch einen Zugang zur zweiten Hypostase, zu den transzendenten Erscheinungsformen als Verwirklichung des höheren Selbst in seinem eigentlichen (unendlichen) Bezugsrahmen.

Er tut das seine

Meister Eckhart sagt: “So auch geht es dem Menschen, der da wähnt, Gott zu entfliehen, und er kann ihm doch nicht entfliehen; alle Winkel offenbaren ihn. Er wähnt, Gott zu entfliehen, und läuft ihm in den Schoß. Gott gebiert seinen eingeborenen Sohn in dir, es sei dir lieb oder leis, ob du schläfst oder wachst; er tut das Seine. Ich sagte neulich, was schuld daran sei, daß der Mensch es nicht empfindet, und sagte: schuld daran sei dies, daß seine Zunge mit anderem Schmutz, d.h. mit den Kreaturen, beklebt sei; ganz so, wie bei einem Menschen, dem alle Speise bitter ist und nicht schmeckt, Was ist schuld daran, daß uns die Speise nicht schmeckt? Schuld daran ist, daß wir kein Salz haben, Das Salz ist die göttliche Liebe, so schmeckte uns Gott und alle Werke, die Gott je wirkte, und wir empfingen alle Dinge von Gott und wirkten alle diesselben Werke, die er wirkt. In dieser Gleichheit sind wir als ein einiger Sohn.” (Predigt 22)

Was aber meint hier im monistischen Bild Gottes Liebe?
Sie bedeutet eine wachsende Umfasstheit als Eins-Sein, das sich selber ist und selber hegt und achtet. Im praktischen Dasein hat dies in besonderer Weise Implikationen an das vereinzelte Agens, sein Mitgefühl und seine Achtung für dasjenige, was Teil hat am einen Geist – und so ist nach dem Gesagten die Kreatur zu fliehen, zu überwinden, und doch ist sie in jeder Form zu heiligen eben als Träger des Geistes, der man zuletzt selber anteilig ist. Im monistischen Bild zu bleiben handelt es sich um eine Selbstreferenzialität des Einen oder Einzigen, das sich seiner selbst aus den verschiedensten gebrochenen Blickwinkeln bekannt zu machen hat (sich zwar aus seiner unemanierten Selbstheit bekannt ist). Dies ist mit “Er tut das Seine” gemeint: Das “Er” ist damit das Einzige, das in dem Umschlag der Emanation immerwährend zur Komplettierung strebt; das Ich aber als höchst distraktiver Aspekt des Einen ist – bewußt oder nicht – in diese Bewegung eingebunden. Dies schließt zu individueller (wie globaler) Entwicklung den Begriff der Dialektik mit ein, denn gerade im Widerstreit liegen transzendierende Aspekte zu Findungen auf höherer Entwicklungsebene. Passend hier ein Satz zum tieferen Wesen jeder Distraktion, welches doch nach seinem tieferen Wesen der Verbundenheit zu streben hat: ‘Wer die Andersheit in ausschließende Widersprüchlichkeit verkehrt, zerstört die Macht der Dialektik.’ (W. Beierwaltes) Alles kommt eben aus und geht zu der selben Quelle! Und aus Wikipedia: “Im Gegensatz zeigt sich eine tieferliegende, verborgene Einheit, ein Zusammengehören des Verschiedenen:”
Daher: Es tut tas Seine, wenn es sich den Gesetzen der Verbundenheit gemäß selber zuläßt, daher das Ich umgehend sich selbst in diesem bemerken und durchwirken muß. Signum hierfür ist gerade auch die Erkenntnis über das Leid in der anderen Kreatur oder Art, dies kann als ein Hauptsinn des Bildes ‘Welt’ betrachtet werden: das Leid zu erkennen als Moment der Entfernung, (des Unvollständigen, letztlich des Bösen) und dies zu überwinden.

Geringe Welt

Meister Eckhart sagt: “Ein Meister sagt, daß der Himmel in seiner Natur so edel sei, daß er sich nicht dazu herablassen könne, Ursache der Zeit zu sein. In seiner Natur vermag er die Zeit nicht zu verursachen; in seinem Umlauf jedoch ist er Ursache der Zeit . Er selbst aber ist ohne Zeit – , das heißt im Abfall (von der Natur) des Himmels. Meine äußere Erscheinung ist nicht meine Natur, sie ist vielmehr ein Abfall (von) meiner Natur, und unsere Seele ist weit darüber (erhaben) und ‘ist in Gott verborgen’. Ich sage nun denn nicht allein: über der Zeit, sondern ‘in Gott verborgen’. Bedeutet das der Himmel? Alles, was körperlich ist, das ist ein Abfall und ein Zufall und ein Niederfall.”

Plotin:
“Materie also, welche den Figuren, den Gestalten, Formen, Maßen und Grenzen zur Unterlage dient, sie, die sich mit fremder Zier schmückt, denn sie hat aus sich selber nichts Gutes, sondern ist nur ein Schattenbild im Vergleich mit dem Seienden, ist vielmehr die Substanz des Bösen (sofern es auch vom Bösen irgendwie eine Substanz geben kann): sie ist es, welche unser Gedankengang aufgedeckt als das erste Böse und das an sich Böse.” (Plotin, Das Böse)

Daher: Nur in der Gegenbewegung, der Rück-Emanation zum wahrhaft Substanziellen kann das eigentlich Gute zur Verwirklichung kommen. Diese Bewegung beschreibt einen Weg aus dem Bild und der Schwere, denn Materie ist Resultat der Wahrnehmung, die durch ihre Trägheit Einschränkung und Verlangsamung meint; das Unanteilhaftige an dieser Bewegung aber bezeichnet ein Vergehen gegen das Prinzip des Wesens des Einen der inneren Verbundenheit. Schon die Etymologie des Begriffes verweist hierauf, denn “das Böse” leitet sich ab “von althochdeutsch bôsi, von germanisch *bausja-gering‘, ‚schlecht” (Wikipedia). Dagegen steht das Gute für die Fülle und meint zugleich einen höchsten Seinsrang. Nun lebt der Mensch aber alltäglich ganz im Bild (also in (s)einem reduziertem, abbildhaften Sein) und ist entsprechend genötigt, mit diesem zu handeln. So soll das Sich-Sein im Bild nicht schon aus sich als böse benannt werden, denn vielmehr hängt eine moralische Wertung vom aktualen Handeln in diesem Ausgesetztsein ab, welches das Bild (also Welt) als Exempel zu interpretieren beauftragt ist, an der sich eine qua Geburt als dem Eintritt in die Materie konnotierte Schuld zu bewähren hat, indem im Einzelnen biographisch eine Einsicht wächst, die gerade auch in der Selbsterkenntnis über die unvermeidabre Schadhaftikeit des eigenen Tuns in der Welt besteht, und sei dies Tun nur angetan zur Selbstbehauptung und zum reinen Überleben, was ja schon allein eine Wegnahme bei ‘dem Gegenüber, dem Anderen’ implizieren muß – was indes zeigt, daß man eine ‘Grund-Schuld’ der Welt im Lebensradius niemals wirklich fliehen kann. Es sollte aus dieser Defizienz heraus nun die Blickrichtung zu einer Verallgemeinerung des Eigenen, dabei auch eine Relativierung der Spezies, der Art eingenommen und konnotiert sein mit einem Handeln in der Welt, welches alles Körperliche über den Erhalt der Form hinaus transzendieren soll. Dieses ist nur möglich unter der Aufhebung der Welt (als Bild). Und dies meint eine ganz geänderte Blickrichtung (im und aus dem Bild), meint Aufstieg zum Geist, Aufstieg zum Guten.