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Inhalt – Philosophisches

Zur Mystik und zu Meister Eckhart

Bertholet,  Wörterbuch der Religionen:
“Mystik ist eine Erscheinung, die weder an Zeit noch Ort gebunden ist: sie redet die Sprache aller Religionen, aber keine Religion ist ihr wesentlich …”
“…verschiedene Äußerungsformen des mystischer Grundtyps- Im einzelnen vergleiche Brahmanismus, Taoismus, Orphiker, Neuplatonismus, Sufismus, Angelus Silesius, Bernhard von Clairvaux, J.Böhme, Bonaventura, Eckehart, Seuse, Tauler, Tersteegen, Hl.Theresa von Avila , u.a.”

Zu Meister Eckhart:
Kurt Flasch wirft die Frage auf, ob Eckhart Mystiker oder Philosoph genannt werden könne (und entscheidet sich dann für letzteres).
Weischedel hat hingegen diese Frage schon 1966 folgend beantwortet. Er kennzeichnet Eckeharts Methode als “mystisches Philosophieren”.
Eckart: “Soll man nicht ungelehrte Leute lehren, so wird nie jemand lehren und schreiben. Denn darum belehrt man die Ungelehrten, damit sie aus Ungelehrten zu Gelehrten werden.” Insofern ist Eckart noch eher ein Mystagoge zu nennen. Dies obwohl seine Mystik gar keine eigentliche Anleitung kennt, sondern diese nur im Verständnis, in der Einsicht und durchaus im praktischen Vollzug seines zentralen Anliegens besteht, das sich folgend zusammenfassen läßt: Der Mensch ist nur als Gott. Und nur dann IST er, existiert er im eigentlichen Sinne, nach Abzug aller nichtigen Attribution hat er folglich  die conditio humana überwunden und ist in einer letzten, unbenannten -Gott meinenden- Univozität aufgegangen. Eckharts Mystik meint ganz und gar   die Bewußtwerdung und den Vollzug dieses Sachverhaltes.

In diesem Sinne auch weiter Weischedel: “Eckehart geht über diesen für alles christliche Denken selbstverständlichen Gedanken (daß Gott das Sein ist) noch hinaus.” Eckhart: “All unser Wesen liegt in nichts als in einem Zunichte werden.” “Gott ist eine überwesende Nichtheit.” “In diesem Einen sollen wir ewiglich versinken von Nichts zu Nichts.” Und: “Alle Dinge sind Gott selber.”

“Inhaltlich greift Eckhart in zentralen Punkten über Thomas von Aquin hinweg auf die neuplatonische Tradition zurück, statt der thomasischen “analogia proportionalitatis”, nach der das Sein der Kreaturen Anteil hat am Sein Gottes, lehrt er eine “analogia attributionis”: Das Sein der Kreaturen IST das Sein Gottes, es ist völlig und immer neu abhängig vom Sein Gottes, denn “die Kreaturen sind -in ihrer Kreatürlichkeit – ein reines Nichts”.  Auch die zentrale Frage nach dem Verhältnis von Sein und Erkennen in Gott, mit der Eckhart sich schon 1302 auseinandersetzt, kann er daher neu beantworten: Nicht weil Gott ist, erkennt er, sondern weil er erkennt, ist er. Alles Sein wird somit in Gott transzendiert, oder – so lautet die “mystische”, keineswegs aber pantheistische Konsequenz -Gott wird immanent erfahrbar.” (Joachim Theisen)

Eckhart: “Solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen.”

H.J.Störig über Eckehart: “Mystik als Geisteshaltung ist nicht zeitgebunden.”

Eckhart:” Die Gottheit wirket nicht, in ihr ist kein Werk.”

“Die enge Verklammerung, in die religiöser Glaube und Weltweisheit durch Albert, Thomas und andere gebracht worden waren, hatte nicht nur der Philosophie durch die scholastische Unterordnung unter theologische Zwecke eine Fessel angelegt, sondern auch dem Glauben durch seine Bindung an die im Grunde ganz weltliche Weisheit des Aristoteles.” (ohne Quelle)

“Die Philosophie Eckharts ist in formaler Hinsicht nicht mit den großen Systemen der Scholastik zu vergleichen.” (ohne Quelle)

“Eckeharts großer Grundgedanke ist die alte mystische Lehre von der Einheit Gottes und der Menschenseele.” (ohne Quelle)

Ein Brückenschlag zu den östlichen Philosophien: Eckhart: `Du sollst allzumal entsinken deiner Deinesheit und sollst zerfließen in seine Seinesheit und soll dein Dein in seinem Mein ein Mein werden also gänzlich, daß du mit ihm verstehest ewiglich seine ungewordene Istigkeit und seine ungenannte Nichtheit´
Erreicht die Seele diesen Zustand, indem sie alles ausscheidet, was sie von Gott abtrennt, so wird sie Gott gleich. Die Seele erhebt sich in diesem Zustand über Raum und Zeit. Sie erkennt, daß das allem zugrunde liegende Wesen nicht zeitliche Vergänglichkeit ist, sondern ewige, zeitlose Gegenwart.”

Glasenapp : “Es besteht kein Zweifel darüber, daß…das religiöse und mystische Moment in Europa eine Rolle gespielt hat, die derjenigen in Indien in vielem entspricht.” “Indische und abendländische Philosophie stimmen miteinander darin überein, daß sie ihre Entstehung ursprünglich blutsmäßig einander nahestehenden Völkern verdanken, und daß ihre Hauptwerke gleicherweise in indogermanischen Sprachen abgefasst sind.”

Theosophie, Mensch an Sich

Der Mensch an sich, eine Präzisierung aus der Theosophie durch G. De Purucker:
“Der Mensch an sich ist eine unsichtbare Wesenheit. Was wir von ihm im und durch den Körper sehen, ist lediglich die Manifestation des inneren Menschen, da der Mensch seinem Wesen nach eine spirituelle Energie ist – eine spirituelle, intellektuelle, psychomaterielle Energie.”
Und das Wesen des Menschen an sich, und entsprechend sein emanzipatorischer Telos (hier ergeben sich durchaus Korrelationen zu progressistisch-utopistischen Ansichten, wie etwa im bolschewistischen Utopismus/Maximalismus formuliert, dort freilich unter Auslassung des Gottesbegriffes):
“Künftige Zeitäonen werden, noch auf dieser unserer Erde, die noch verschlossenen Fähigkeiten und Kräfte, die in jedem Menschen liegen, zu weit vollkommenerer Offenbarung bringen als heute; und in jenen Tagen der fernen, fernen Zukunft wird der Mensch als ein Gott auf dieser Erde wandeln.”
Auch eine Korrelation zur Meister Eckhart‘ schen Konzeption der Univozität von Gott und Mensch wird deutlich, nämlich beruhend auf der Proklamation bzw. der Existenz des  inneren Seelenfunkens:
“Das Zentrum des Herzens des Menschen ist ein Gott, ein kosmischer Geist, ein Funke des zentralen kosmischen Feuers.”
“Der Mensch hat heilige Lebenempfindungen, Sehnsüchte, Hoffnungen und geistige Visionen. Diese gehören dem Geist an, der unsterblich und todlos ist, sie werden durch die menschliche Seele oder Zwischennatur, die die Menschen gewöhnlich ihr ‘Ich’ nennen, ganz ähnlich wie das Sonnenlicht durch eine Fensterscheibe strahlt. Die Fensterscheibe ist das Vehikel, der Leiter, der Träger oder Übermittler dieser wunderbaren Qualität oder Kraft, die von dem Geist von oben herniederströmt.”
Insofern ist das Ich auch als komplexes Vexierbild zu bezeichnen (was in schamanistisch psychotropen Zuständen auch entsprechend beschrieben wurde), welches es uns fast unmöglich macht, über die Täuschung hinauszublicken (hierin liegt gerade auch das metaphysische Übel, nämlich derart, daß das Sein sich seine Eigentlichkeit selbst nicht mehr vergegenwärtigt, da es sein Selbst verließ – und vergaß). Es ist so eine höchste Verhaftung im Diesseitigen, das Sinnliche wird in dieser Vergessenheit fälschlicherweise mit dem Sinnhaften ganz gleichgesetzt.
Insofern ist das Bild von der Fensterscheibe nicht ganz richtig gewählt. Denn das Vehikel, das den Geist transportiert, verstellt diesen zugleich, wie ein Glas, das vielmehr alles trübt und verzerrt.
Die existenzielle (spirituelle) Herausforderung besteht also schließlich darin, jenen verstellten Blick wieder zu klären – also die Rückwendung über das Ich zu vollziehen, und hier kommen wir zum eingangs Gesagten – dies meint die Rückkehr zuvorderst zum Zustande eines Menschen an sich, der in seiner Eigentlichkeit eine Über-Entität, ein “feinmaterielles” Geist-Wesen darstellt.

Monotheismus und Gewalt

“(Der Gott der Philosophen hat sich seinem Volk zunächst als Gott der Väter offenbart, um sich seinen rationalen, emotionalen und imaginativen Möglichkeiten anzupassen, aber den Weisen Winke gegeben, hinter dieser Maske die Wahrheit zu ahnen.)
Hier geht es um einen neuen, gesteigerten Wahrheitsbegriff, der keine Kompromisse duldet mit dem als Unwahrheit Ausgegrenzten. Hier muß man sich entscheiden. Niemand wäre im Bereich des Heidentums auf den Gedanken gekommen, die Götter der anderen als falsch zu verwerfen. Das wurde erst im Bereich des exklusiven Monotheismus möglich, der jede Form interreligiöser Korrelation und Übersetzbarkeit kategorisch ablehnte.” (Jan Assmann)
Im Zuge der Frage nach einer (sich durchaus realpolitisch abbildenden) Gewaltgenese möchte ich folgenden Satz des selben Autors ergänzen: “Die Abwesenheit einer spezifischen Form religiöser Gewalt bedeutet nicht das Fehlen sozialer und politischer Gewalt.” Dies ist wohl nachvollziehbar, allerdings gilt auch: Die Anwesenheit von religiöser Gewalt verhindert die soziale und politische Gewalt eben auch nicht, im Gegenteil fördert sie diese sogar.
Dem zentralen Gehalt des Alten Testamentes nach ist die Politik der Ausgrenzung zudem ethnisch (oder ethnoreligiös) auf ein Gottesvolk fokussiert, das nun seinen Erwähltheits-und Erlösungsauftrag kriegerisch konnotiert.  Hierzu wird gar “das generelle Tötungsverbot durch eine übergeordnete Tötungspflicht ersetzt.”
“Bei der Landnahme Israels werden die jüdischen Heere zur präventiven Ausrottung der ansässigen Bevölkerung angehalten.” ” In seinem vom Bundeswewußtsein befeuerten Eifer besteht Moses darauf, auch sämtliche Knaben und alle erwachsenen Frauen zu töten und nur die jungfräulichen Mädchen zu verschonen: ‘Die laßt für euch am Leben!’ (Numeri 31)” (Peter Sloterdijk
Hier kommt es im übrigen nur auf den vollbewußten Vollzug der Proklamation an, weniger auf die Frage nach ihrer historisch verbriefbaren Umsetzung, denn alleine die Proklamation taugt zur Übersetzbarkeit in weitere, nachfolgende Schemata realer Gewalt -man denke etwa an den muslimischen Jihad oder an die genoziadele Rhetorik und die Rechtfertigungen während der europäisch-christlicher Expansion: “Wenn der Wilde Widerstand leistet, verlangt die Zivilisation, mit den Zehn Geboten in der einen und dem Schwert in der anderen Hand, seine unmittelbare Auslöschung (W.T. Sherman, US General in Missouri,  zur Indianderfrage).                      
Die gewaltsame Anmaßung und Ursurpation des Göttlichen wird in dem Kontext einer  in sich abgeschlossenen, also totalen -vorgeblich geoffenbarten- Wahrheit gerechtfertigt.  Zuvor-also im Heidentum-waren die Gottheiten hingegen noch ineinander übersetzbar(Assmann).
Als hierzu antipodisch ist das Konzept eines universalen oder tieferliegenden Wahrheitsbegriffes anzuführen, dem diese Willkür rigider Exklusivität  fremd ist und der gleichzeitig die mono- (bzw. polytheistische) Vorstellung übersteigt: Universale Wahrheit kommt ohne ein totales  Gottesbild aus, benötigt dies nicht, denn ihre Totalität liegt eben allein  in der Unhintergehbarkeit ihrer Positionierung zu Wahrheitsgehalten (hierzu auch gehört die Überwindung oder Auflösung aller  transzendenten “Setzung” oder gar Manifestation).
“Philosophia perennis et universalis bezeichnet die Vorstellung, der zufolge sich bestimmte philosophische Einsichten über Zeiten und Kulturen hinweg erhalten (perennieren). Dazu sollen Aussagen (etwa in Form von Prinzipien) zählen, die ewige, unveränderliche und universal gültige Wahrheiten über die Wirklichkeit, speziell den Menschen die Natur und den Geist ausdrücken.”
Der US-amerikanische Autor Ken Wilber hat „die sieben wichtigsten Übereinstimmungen der immerwährenden Philosophie aller Zeiten, der allermeisten Kulturen, spirituellen Lehren, Philosophen und Länder“, folgendermaßen zusammengefasst:
Der spirituelle GEIST (Gott, die höchste Wirklichkeit, die absolute Seinsheit, die Quelle, das Eine, Brahman, Dharmakaya, Kether, Tao, Allah, Shiva, Jahweh, Aton, Manitu…) existiert.
Er muss innen gesucht werden.
Die meisten von uns erkennen diesen GEIST nicht, weil sie in einer Welt der Sünde, Trennung und Dualität leben, in einem Zustand der Gefallenheit und Isolation.
Es gibt einen Ausweg aus Sünde und Illusion, einen Pfad zur Befreiung.
Wenn wir diesem Pfad bis ans Ende folgen, finden wir Wiedergeburt oder Erleuchtung, eine direkte Erfahrung des inneren GEISTES, eine letzte Befreiung.
Diese letzte Befreiung bedeutet das Ende von Sünde und Leiden.
Sie mündet in mitfühlendes und erbarmendes Handeln für alle Lebewesen.”
(Wikipedia)
Hierzu allerdings soll kritisch angemerkt sein, daß Wilber zwar zutreffende Aussagen über die Verknüpfung universeller Wahrheit mit einem typischerweise mystischen oder selbsterlöserischen Weg tätigt, dieser Erlösungsweg aber nicht für die monotheistischen Religionskonzepte akzeptiert ist, sondern daß innerhalb derer dieser Weg vielmehr allezeit als Ketzerei galt. Zudem stehen die monotheistischen Götter der Ausschließlichkeit für die Affirmation des von ihm monierten Dualismus, man kann auch sagen, sie stehen für eine (pseudo)spirituelle Verhärtung und Blockade  der Dynamik aller geistig-transzendenten Vollzüge.

Kepler, Eckart, Seelenvermögen

Es zeugt nicht von Zufall, daß Johannes Kepler das geozentrische Weltbild verwarf und gleichzeitig von ‘einem Vermögen der Seele’ sprach, ‘das nicht nur bloß dem Menschen, sondern auch den wilden Tieren und dem lieben Vieh eigen ist’, denn Kepler ging s-so kann man sagen- bei Pythagoras in die Lehre – und dies tat auch Plato; und der große, von theologischer Finsternis umgebene Platoniker des Mittelalters, Meister Eckhart, sprach zur Erklärung seines Einheitsgedankens gar von der Gleichheit der Engel und Insekten. Diese Sichtweise ergibt sich aus dem idealistischen Monismus von ganz alleine: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier -wie auch jeder andere Unterschied- ist ein gradueller, aber nie ein essentieller.

In diesem monistischen Zusammenhang sei auch Meister Eckhart wie folgt zitiert: “Nun begehrt das abgeschiedene Herz gar nichts, es hat auch gar nichts, dessen es gerne ledig wäre. Deshalb steht es ledig allen Gebets, und sein Gebet ist nichts anderes, als einförmig zu sein mit Gott. Das macht sein ganzes Gebet aus.”

“Jederart Vermittlung ist Gott fremd. … Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist Eins, und jede Person ist auch Eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist. Der Unterschied zwischen Sein und Wesenheit wird als Eins gefaßt und ist Eins. Erst da, wo es sich nicht mehr in sich selbst verhält, da empfängt, besitzt und ergibt es Unterschied. … Im Unterschied findet man weder das Eine noch das Sein noch Gott noch Rast noch Seligkeit noch Genügen. Sei Eins, auf daß du Gott finden könntest! Und wahrlich, wärest du recht Eins, so bleibest du auch Eins im Unterschiedlichen, und das Unterschiedliche würde dir Eins und vermöchte dich nun ganz und gar nicht zu hindern. Das Eine bleibt gleichmäßig Eins in tausendmal tausend Steinen wie in vier Steinen, und Tausendmaltausend ist ebnso gewiß eine einfache Zahl, wie die Vier eine Zahl ist.”

Gott und Furcht

Wie in folgenden Zitaten ersichtlich, ist nach patristischem Verständnis die Weltzuwendung  dem Göttlichen regelrecht konstitutiv und dabei  als eine väterliche Hinwendung eines allmächtigen -und ultimativ gerechten-Agens zu verstehen. Diese Gottesvorstellung ist ganz antrophozentrisch und projektionistisch, sie begreift den Menschen nicht vom Transzendenten her, sie sieht ihn nicht als Explikation (s)einer (eigentlichen) geistigen Existenz, sie ist nicht “noussphärisch”, nicht geist-orientiert, sondern sie generiert ihre Ansichten ganz aus der Raumzeit. Und so erscheint  Gott selbst, der -zwar entfernt, oder besser: entfremdet- einer ihm eigenen und ganz anderen Seinssphäre zugeordnet ist, dem Menschen doch wie die mächtigere Fortsetzung seiner selbst  und ebenso seiner Vorstellungen – und wird so relativ entheiligt. Gott wird quasi zum Über-Menschen mit ebenso übermächtigen Handlungsspielräumen und Gemütslagen. So wird er schließlich zu dem, dem man (nun aber  ins Monströse gesteigert) menschlich begegnet: Man fürchtet ihn – und man will  ihn -was eigentlich eine Anmaßung ist- in die eigenen Kalkulation einbinden- so durch Formen der Devotion und durch Opfertum .
“Eine andere Gottesvorstellung ist nicht akzeptiert und …Zorn und Erbarmen bedingen sich gegenseitig und folgen beide mit logischer Notwendigkeit aus dem Gedanken göttlicher Weltzuwendung. Wer Gott diese Affekte abspricht, leugnet die Weltzuwendung Gottes und macht ihn zu einem deus otiosus, dem keine Anbetung zukommt. Ein Gott der keinen Zorn kennt, braucht keinen Kult – religio esse non potest ubi metus nullus est (Religion kann es nicht geben, wo es keine Furcht gibt.”
( Laktanz)
“Zorn, Liebe und Erbarmen sind Attribute des göttlichen Richteramts und für den Fortgang der Heilsgeschichte unabdingbar. Denn “hätte Gott sie nicht, dann geriete das Menschenleben in Verwirrung und der Zustand der Welt käme in solche Unordnung, daß die Gesetze verachtet und übergangen würden und allein die Frechheit herrschte, und daß letzten Endes sich niemand sicher fühlen könnte als allein der Stärkere. So würde, wie durch eine allgemeine Räuberbande, die ganze Erde verwüstet. Nun aber können die Bösen mit Strafe, die Guten mit Gnade und die Unglücklichen mit Hilfe rechnen.”
(Laktanz)

Sieben Anwürfe an die Kirche

Meine sieben Hauptanwürfe an die Kirche:
1. Behinderung der erkenntnistheoretischen Verantwortung des Menschen
Der Mensch tritt zu Gott in das psychologische Verhältnis einer Vater- Kind – Beziehung. Er gibt sich submissiv und verharrt in Erwartung seiner Zuwendung aus Lob und Tadel, Gnade und Strafe. Dieses Verhalten ist nicht tätig, sondern passiv, Tätigsein ist nur im Bitten, im Ersuchen um Hilfe und Erhörung. Der Mensch greift nicht konstitutiv in sein Schicksal ein, weil ihm jede Gewißheit oder Versicherung zur eigenen (spirituellen) Ermächtigung abgeht, er kann sein Schicksal (geistig) nicht formen, er hat hieran keinen Anteil. Erkenntnis und Progression sind ausdrücklich nicht dem Seelenheil dienlich, im Gegenteil wird dieser Anspruch sogar als eine Auflehnung gegen Gott konnotiert.
2. Proklamation der Getrenntheit und der Unüberwindlichkeit von Materie und Geist – Beförderung des Materialismus/Atomismus, Dualismus
Ontologisch sind Mensch und Gott zwei ganz verschiedenen Seinsbereichen zugeordnet. Der Mensch ist ein Geschöpf der materiell-raumzeitlichen Ebene (die im Duktus eines naiven Realismus vorausgesetzt ist), die göttlich-geistige Ebene hingegen ist ihm prinzipiell verwehrt. Selbst wenn man dem Menschen Anteil am Geistigen zuspricht, bleibt dieses Geistige  vom ‘Göttlichen’ geschieden, dies ja selbst noch in der Transzendenz der Auferstehung und des Fortbestandes der Seele in personaler Identität, denn auch hier tritt Gott  dem bereits Erlösten  weiterhin getrennt gegenüber, die Subjekt-Objekt-Relation verstetigt sich so selbst in der Ewigkeit (an dieser Stelle sei auch noch einmal auf die von christlicher Warte also enorm ketzerische Ansicht Meister Eckharts verwiesen, die im Zustand der Ewigkeit nichts als Einsheit von Subjekt und Objekt (Univozität) anerkennen mag.
3. (Zwangs-) Monopolisierung (und Verzerrung) des Esoterischen.
Der Grund-Topos des abrahamitischen Monotheismus: Der eifersüchtige, zürnende Gott. So wie er sein Volk für jeden Abfall bestraft, so wenig duldet die Kirche eine Fächerung der metaphysischen Lehrmeinung. Alles wird in einen einzigen biblischen Kanon gezwungen, der in den verschiedenen, als göttlich inspirierten Konziliarsbeschlüssen theologisch ausgeformt und zugleich unhintergehbar affimiert ist . Wie wahr auch immer Wahrheitsgehalte ausfallen mögen, sie werden -einmal jenseits des Kanons verortet-ausgeschieden, verneint, unterdrückt. Der Wahrheitsbegriff ist als offenbarter kein dynamischer, sondern ein statischer -und ein vom Urheber eifersüchtig bewachter, der nicht das Verbindende sucht (das schließlich Ausdruck des Wahren meint und erstrebt (wie Karl Jaspers richtig herausstellte ), sondern der im Gegenteil unablässig diskriminiert und Uneigenes herabsetzt (was in Folge aber prinzipiell einen hohen Rechtfertigungsdruck erzeugt.)
4. Kanonische Willkür
Die Kanonisierung der Bibel ist zuletzt ein Akt der Willkür. Relevante und nachweislich in ihrer Autentizität als Jesuswort den kanonisierten Evangelien nicht nachstehende Texte – wie das (gnostische) Thomasevangelium – sind bewußt oder durch schlichtes Nicht-Bekannt-Sein unterschlagen worden. So steht ein ganzes Lehrgebäude von vielen Jahrhunderten auf einem Text-Konglomerat, das nicht einmal auf eine Ursächlichkeit verweisen kann, die den authentischen Jesus und seine eigentlichen Intentionen überzeugend abzubilden vermag.
5. Politik der Gewalt
Verfolgung oder Venichtung derer, die über ein der kirchlichen Theologie tieferliegenden Wissen (im Sinne einer philosphia perennis) verfügten und dieses entweder vom heidnischen oder aber innerkirchlichen Standpunkt aus formulierten.
Die Verfolgung sogenannter Ketzer zeugt von der Inanspruchnahme eines unbedingten Monopols über alle Glaubensfragen, dessen Durchsetzung nur mit permanter Gewalt sichergestellt werden konnte. Dieser Habitus steht dabei grundsätzlich gegen die Ethik des Neuen Testamentes.
6. Vorrang der Leidens- und Todespose vor der Pose der Auferstehung
Dies als Signum christlicher Anthropozentrik, die eigentliche Intention Jesu nämlich,  die Lenkung auf die Transzendenzfähigkeit des Menschen, wird durch die Leidenspose-deren Blick auf das Diesseits gerichtet ist- stets konterkariert -oder wenigstens geschmälert.
7. Ungeklärte  Beziehung, mangelnde  Emanzipation vom Judentum und vom Alten Testament. (“Wer denn Herrn nicht empfangen hat, ist noch ein Hebräer.” (Philippusevangelium, Spruch 46)
Schopenhauer: “Parsen, Juden und Muhamedaner beten einen Weltschöpfer an, Hindu, Buddhaisten und Jainas hingegen Weltüberwinder und in gewissem Sinne Weltvernichter.Offenbar gehört das eigentliche oder neutestamentarische Christenthum dieser zweiten Klasse an, ist aber auf historischem Wege mit einer aus der ersten Klasse gewaltsam verbunden.”

Protestantismus, Wahrheitsbezug

Karlheinz Weißmann zitiert den lutherischen Theologen Friedrich Gogarten: ” ‘Es soll behauptet werden, daß diese Befreiung, die der Protestantismus der katholischen Kirche und dem Mittelalter gegenüber vollzogen hat, nicht um einer schlechthinnigen Freiheit willen vollzogen wurde, als sei die Freiheit das erste und letzte Wort, das zur Welt zu sprechen wäre. Es soll gesagt werden, daß diese Befreiung erfolgte um einer anderen Bindung willen als die katholisch – mittelalterliche war.’ Gogarten meinte, daß die Bindung, die Luther wollte, die ‘Bindung an die Wirklichkeit’ war, und daß es zur Tragik des Prostestantismus gehöre, diese Bindung nicht verwirklicht zu haben, daß er vielmehr ‘der Welt diese Bindung schuldig geblieben ist und die Welt in das Chaos ihrer Schrankenlosigkeit hat gleiten lassen’.”
Zumeist besteht eine große Unklarheit oder wenigstens nur eine vage und nicht weiter ausgeführte Definition oder Vorstellung von dem Begriff der Freiheit. Die (von konservativer Seite) gerne als überzogen dargestellte Freiheit der “Moral und Sitten” oder allgemeiner der Person oder überhaupt der gesellschaftlichen Verhältnisse sollte ja hier gar nicht angesprochen sein. Es muß viel eher von der (inneren und äußeren) Freiheit zum rechten Glauben gesprochen werden -von der Freiheit zur Erfassung einer göttlichen Wirklichkeit- dies aber setzt die Befreiung des Menschen aus dem Irrtum und seinem Unwissen voraus (was selbstredend wiederum einige soziale Sprengkraft birgt), damit er überhaupt zur Kenntnis dieser Wahrheit gelangen kann, und diese Freiheit meint also zugleich eine Bindung, aber eben eine Bindung, die dem Wesen des Geistes gemäß, das selber Freiheit ist, als seiner Bestimmung gerecht wird. Der Protestantismus kennt -wie jeder Theismus- diesen Freiheitsgedanken nicht – eine Bindung durch solch eine ontologische Verwobenheit von Individuellem und Transzendentem ist ihm ganz unbekannt. (Dies eben scheidet z.B die Reformatoren Luther und Müntzer, Müntzer war im Grunde Mystiker und stand in der Tradition Thaulers (sprich Meister Eckharts), daher proklamierte er die (univoke) Teilhabe des Einzelnen am (göttlichen) Geist und bekämpfte die durch religiöse wie weltliche Autoritäten beförderte Entfremdung des Menschen von diesem seinem Wesenskern. Insofern ist die geforderte ‘Bindung an die Wirklichkeit’ aus dem Protestantismus heraus problematisch. Da Gogarten zudem als Vertreter der Dialektischen Theologie den absoluten Gegensatz von Gott und Mensch herausstellt, kann er ja die ontische Verbindung der Seinsbereiche und so den Vollzug des Geistigen im Individuum erst recht gar nicht ergreifen oder fassen (wollen). Geht es also um die Betrachtung der Glaubenswirklichkeit, handelt es sich im Protestantismus (geschichtlich gesehen) um eine weitere-epochale- Verschleierung des Transzendenten, bleibt dessen Wesen weiterhin die Möglichkeit versagt, das Vage und Ferne des Katholizismus zu einem erlebbaren und realen Vollzug zu entfalten. Insofern ist hier kein geistiges Wachstum angesprochen, und Bindung heißt hier nur Devotion. Weil der Kirchenkonservative (ob katholisch oder evangelisch) seines eigenen geistigen Wesens nicht bekannt wird, kann er nur von äußeren Zeichen lesen, Innerlichkeit ist ihm fremd. Auch wenn er sie proklamiert, wenn er von ihr redet, weiß er zugleich nie, was er damit eigentlich meint, kann er diese nie mit wirklicher Bedeutung (mit Wirklichkeit) füllen. Daher auch seine Distanz zum Begriff ‘Spiritualität’: Ihm ist der vitale geistige Vollzug suspekt, weil er schließlich nur einen Korpus zur Selbt-Konsolidierung wünscht, eine Statik, deren Gehalt eben in ihrer Entrückung zudem keine Fragen nach ihrem Wesen und ihrer Legitimation aufkommen lassen muß. Für dieses Vorhaben reicht also eine Phrase, eine in ihrer Äußerlichkeit gepflegte prinzipielle Leerformel. Hegel sagt, die Natur soll im Christentum kein Interesse haben (dies aber gilt für jeden Theismus). Meine Zufügung: Das Geistige soll es eben auch nicht.

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Heisenberg , neues Weltbild

Werner Heisenberg:
“Wichtig für das materialistische Weltbild ist nur die Möglichkeit, diese kleinsten Bausteine, die Elementarteilchen, als die letzte objektive Realität zu betrachten. Auf dieser Grundlage also ruhte das festgefügte Weltbild des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, und es hat dank seiner Einfachheit eine Reihe von Jahrzehnten seine volle Überzeugungskraft bewahrt.
Aber eben an dieser Stelle haben sich dann in unserem Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen in den Grundlagen der Atomphysik vollzogen, die von der Wirklichkeitsauffassung der antiken Atomphilosophie wegführen. Es hat sich herausgestellt, daß jene erhoffte objektive Realität der Elementarteilchen eine zu grobe Vereinfachung des wirklichen Sachverhaltes darstellt und viel abstrakteren Vorstellungen weichen muß. Wenn wir uns ein Bild von der Art der Existenz der Elementarteilchen machen wollen, können wir nämlich grundsätzlich nicht mehr von den physikalischen Prozessen absehen, durch die wir von ihnen Kunde erlangen. Wenn wir Gegenstände unserer täglichen Erfahrung beobachten, spielt ja der physikalische Prozeß, der die Beobachtung vermittelt, nur eine untergeordnete Rolle. Bei den kleinsten Bausteinen der Materie aber bewirkt jeder Beobachtungsvorgang eine grobe Störung; man kann gar nicht mehr vom Verhalten der Teilchen, losgelöst vom Beobachtungsvorgang sprechen. Dies hat schließlich zur Folge, daß die Naturgesetze, die wir in der Quantentheorie mathematisch formulieren, nicht mehr von den Elementarteilchen an sich handeln, sondern von unserer Kenntnis der Elementarteilchen. Die Frage, ob diese Teilchen ‘an sich’ in Raum und Zeit existieren, kann in dieser Form also nicht mehr gestellt werden, da wir stets nur über die Vorgänge sprechen können, die sich abspielen, wenn durch die Wechselwirkung des Elementarteilchens mit irgendwelchen anderen physikalischen Systemen, z. B. den Meßapparaten, das Verhalten des Teilchens erschlossen werden soll. Die Vorstellung von der objektiven Realität der Elementarteilchen hat sich also in einer merkwürdigen Weise verflüchtigt, nicht in den Nebel irgendeiner neuen, unklaren oder noch unverstandenen Wirklichkeitsvorstellung, sondern in die durchsichtige Klarheit einer Mathematik, die nicht mehr das Verhalten des Elementarteilchens, sondern unsere Kenntnis dieses Verhaltens darstellt. Der Atomphysiker hat sich damit abfinden müssen, daß seine Wissenschaft nur ein Glied ist in der endlosen Kette der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, daß sie aber nicht einfach von der ‘Natur an sich’ sprechen kann. Die Naturwissenschaft setzt den Menschen immer schon voraus, und wir müssen uns, wie Bohr es ausgedrückt hat, dessen bewußt werden, daß wir nicht nur Zuschauer, sondern stets auch Mitspielende im Schauspiel des Lebens sind.”

Mythos unserer Zeit (und seine Gegner)

Heisenberg: “Da die Quantentheorie im Zusammenhang mit der Atomlehre entstanden ist, so steht sie auch, trotz ihrer erkenntnistheoretischen Struktur, in enger Beziehung zu jenen Philosophien, die die Materie in den Mittelpunkt ihres Systems rücken. Aber die Entwicklung der letzten Jahre vollzieht doch sehr deutlich -wenn man überhaupt Vergleiche mit der antiken Philosophie ziehen will – die Wendung von Demokrit zu Plato.”
Zu dieser Denkart ist ergänzend der Ansatz Wolfang Paulis zu erwähnen, denn der Physik-Nobelpreisträger und Freund C.G. Jungs, sprach gar während der 50’er Jahre von der Einheitsbestrebung einer komplementären Sicht aus Rationalität und Mystik als dem unausgesprochenen Mythos unserer heutigen Zeit. Daß dieser Mythos sich aber bisher so kaum entwickeln konnte, ist auf die ungebrochene Dominanz seiner beiden (verwandten) großen Feinde zurückzuführen: Den Theismus und den Materialismus nach Hegel bzw. den dialektischen Materialismus oder Marxismus (der heute als Neomarxismus wachsende Dominanz beansprucht und ein zunehmend restriktives Meinungsklima herstellt). Der Theismus lebt ganz aus der Akzeptanz des Vorfindlichen als Welt, also aus einem naiven Realismus, er beschreibt dabei einen prinzipiell schroffen Dualismus von materieller und geistiger Natur. Später hat man die Einführung dieses Dualismus Descartes zugeschrieben, de facto aber ist er die Konsequenz aus der Lehre der Kirchenväter nach der Ausscheidung der gnostischen Elemente hin zu dem offiziellen römisch-petrinischen Dogma. Die geistige Welt hat dem Christ dabei nicht von wirklichem Interesse zu sein, sie ist zwar geglaubt, aber sie steht in keinem Seinsbezug zum jetzigen eigenen geistigen Selbst, der Bezug ist ganz reduziert und fokussiert auf das Vaterbild eines deus absconditus (Buch Jesaja: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ 45,15), daher auch wird jede vom Menschen versuchte Interaktion mit dem Geistigen als unzulässige Überschreitung seiner Kompetenz erachtet (und geahndet), etwa als verwerfliche magische Praxis; Aspekte der Selbsterlösung -und -erweiterung gelten (obwohl sie das Ich zu überwinden trachten) als ketzerische Anmaßung und Auflehnung gegen Gott. Das Geistige gerät so aber ganz in die Distanz, es wird von der Welt hinweggerückt, und unter der Betrachtung des ganz verschiedenen allmächtigen Gottvaters wird alles Hiesige zum reinen Objekt seines nämlichen Willens. Der Bezug des Christen ist entsprechend submissiv wie passiv, abwartend, ist nicht geistig gestaltend. Dem Christ ist Leben nicht Wachstum. Und wenn er ‘geistig’ meint, dann meint er diskursiv im scholastischen Sinne, also die ‘angewiesene’ Haltung nur zur Rechtfertigung der Offenbarungsinhalte gestaltend, oder – nicht-diskursiv- ergeben in Anbetung und Bewußtheit der Getrenntheit und individuellen Ohnmacht (der eigenen Gefallenheit).
Der Christ ist Demokritianer, ist ganz Atomist, er muß die Realität der Welt in ihrem materiellen, einem dem Menschen apriorischen (eben von Gott geschaffenen) Zustand anerkennen – und gleichzeitig muß er die Welt doch als zum Transzendenten überwindenswert ablehnen- eine Ambivalenz, die seine Haltung von jeher verkompliziert, denn der Christ ist in der Welt, aber doch nicht von der Welt, eigentlich daher auch nicht FÜR die Welt (sondern für die Weltüberwindung), obgleich er ja gleichzeitig zu Einlassung und Barmherzigkeit angehalten ist, um auf seine erwartete und erhoffte individuelle Erlösung hinzuarbeiten.
Der Materialist hingegen hat alles Geistige ganz verworfen und ist so nur noch mit einem halbierten Dualismus konfrontiert. Ihm bleibt alleine die Materie als dessen Torso, und diesen Torso erhebt er so zu Allem. Er proklamiert nun den Menschen als einzige Instanz zur Gestaltung der Natur, kann aber nicht erklären, woher dieser Gestaltungsimpetus seinen Ursprung nimmt und warum ein entsprechender Zweck hierzu überhaupt einst angelegt sein soll. Überhaupt hat er nur eine ganz vergröberte Sicht auf die Natur, die die fundamentalen Fragen der Ontologie im Zuge der Erkenntnisse der neuen Physik ganz negieren muß. Er pflegt ebenso wie der Theist einen naiven Realismus, allerdings mit noch größerer Trotzigkeit als jener, weil ihm nicht einmal der vageste Ausweg aus der grobstofflichen Seinsverortung bleibt, weil er die Erkenntnis über die Seinsgrundlagen als ganz zu Ende gedacht anzusehen hat, die Materie im Apriorischen ihm die letzte und höchste Instanz und Geist nur ein entsprechend physiologisch Hervorgegangenes des Materiellen ist.

Heisenberg, Plotin, das Verbindende

Werner Heisenberg: “Niels Bohr hatte Angst davor, daß die formale mathematische Struktur den physikalischen Kern des Problems verdecken könnte, und war jedenfalls überzeugt davon, daß die vollständige physikalische Aufklärung der mathematischen Formulierung unbedingt vorangehen müsse. Vielleicht war ich um jene Zeit schon in etwas höherem Maße als Bohr bereit, mich von den anschaulichen Bildern zu lösen und den Schritt in die mathematische Abstraktion zu tun. Jedenfalls spürte ich in den Formeln, die ich zusammen mit Kramers ausgearbeitet hatte, eine Mathematik am Werke, die gewissermaßen entfernt von den physikalischen Vorstellungen schon von selbst funktionierte. Von dieser Mathematik ging für mich eine magische Anziehungskraft aus, und ich war fasziniert von der Vorstellung, daß hier vielleicht die ersten Fäden eines riesigen Netzes von tiefliegenden Zusammenhängen sichtbar geworden seien.”

Hierzu dieses Zitat Plotins: “Vielleicht aber darf man überhaupt nicht sagen, das Eine sei Ursache für das andere, sondern muß dieses gleichsam als seine Bestandteile und gleichsam als seine Elemnete auffassen und das Ganze als eine einheitliche Wesenheit, die durch unsere Gedanken zerteilt wird, während es selbst infolge einer wunderbaren Kraft Eines in Allem ist und als Vieles erscheint und zu Vielem wird, wenn es sich gleichsam bewegt, und die Vielheit der Wirklichkeit macht, daß das Eine nicht Eines ist. Wir heben gleichsam Teile von ihm heraus, setzen sie je als besondere Einheit an und nennen sie Gattung, ohne zu wissen, daß wir nicht das Ganze zugleich erblickt haben, sondern nur einen Teil herausheben und die Teile dann wieder verknüpfen, da wir sie nicht lange Zeit festhalten können; denn sie streben zu sich selbst zurück. Deshalb entlassen wir sie wieder in das Ganze und lassen sie Eines werden, vielmehr Eines sein.”
“Die Problementwicklung des Einen und Vielen vollzieht hier den für Plotin eigentümlichen Schritt: Die Vielheit ist die Weise, wie das unterscheidende Denken das ursprünglich Eine und Ganze, das unteilbar Innerliche, begegnen läßt.” (Volkmann Schluck)
Hier läßt sich vorbildlich wiederum mit Heisenberg anknüpfen: “In den letzten Jahrzehnten sind in viel höherem Maße als früher die Verbindungen zwischen den verschiedenen Naturwissenschaften sichtbar geworden.”