Category Archives: Philosophisches

Inhalt – Philosophisches

Unverstandene Wissenschaft

Tolstoi sagt (zur) “Wissenschaft, die Gesetze und Beziehungen erforscht, somit aber nicht das Wesen: Die Beobachtungen sind so kompliziert, so vielfältig, so verworren, es wird soviel Zeit und Mühe darauf verschwendet, daß die Menschen allmählich den ursprünglichen Irrtum, Teile des Gegenstands für den ganzen Gegenstand zu halten, vergessen und schließlich vollkommen davon überzeugt sind, daß die Erforschung der sichtbaren Eigenschaften der Materie, der Pflanzen und der Tiere die Erforschung des Lebens selbst ist, jenes Lebens, das der Mensch nur in seinem Bewußtsein erkennt.”

Ich widerspreche Tolstoi -obwohl ich seine Intention vom Grund her teile – an dem Punkt, daß er hier von einer Verschwendung (auf die Beobachtung) spricht, denn es geht ja bei aller Forschung unumgänglich auch um die Erhellung der äußeren Umstände – und dies durchaus platonisch betrachtet – fortschreitend zur Lösung der materiellen Rätsel bis hin in den Grund des “ursächlichen Irrtums”, der freilich in einem naiven mechanistischen Blick auf den Materiebegriff fußen muß. (Naturgemäß aber fällt diese Formulierung nach Planck leichter als zu Zeiten Tolstois.) Wissenschaft und rationale Betätigung erkennen dort, wo sie an den Grenzbereichen aktueller Kenntnis forschen, umso mehr Ungeklärtes und sind in methodischer Art gezwungen, die äußere Erscheinung entschlüsselnd bald das tiefere (und so transzendente) Wesen und den Kontext der Materie und ihre Korrelationen zu Mensch, Bewußtsein und Welt als unvermeidlichen Forschungsgegenstand zu begreifen. ‘Transzendent’ heißt hier eine Anders-Definition von Paradigmen vorzunehmen: Die stete Flüchtigkeit und Insuffizienz der äußeren Empirie weist gerade auch auf eine Verursachung, die ohne die Beobachtung der metamateriellen Aspekte einschließlich einer Selbstreferenzialität des Beobachters als natura naturans nicht ausreichend geklärt werden kann. Bewußtsein, Materie, Innen und Außen der Welt werden zuletzt der selbe oder zumindest ein tief verwandter Gegenstand der Erkundung.
Von ‘Verschwendung’ des Forschenden spreche ich, wenn der Geist wie programmatisch gar nicht hinter den Pragmatismus der äußeren Erklärung gehen mag, obwohl der Gegenstand es erforderte, sondern dieser wie künstlich Grenzziehungen gegen sich selbst vornimmt, dabei das wesenhaft Selbst-evolvierende des Geistes leugnend sich jeden potentiellen Zugang in die Metaräume unterbindet. Jenseits alltagspragmatischer Orientierungen muß Wissenschaft aber gerade dort ein Interesse entwickeln, wo die gewöhnlichen Erfahrungsräume über sich (paradigmatisch) hinausweisen. Carl Friedrich von Weizsäcker sagt: “Ich bin skeptisch gegen die Physiker, nur das könne wahr sein, was sie selbst schon verstanden haben.”

Welt-Sehen

Rudolf Steiner: “Die Menschenkeime waren gegliedert, sie hatten sich differenziert. Durch den Austritt der Sonne konnten nun zuerst Gegenstände von Außen beleuchtet werden. Alles Sehen beruht darauf, daß die Sonnenstrahlen auf die Gegenstände fallen und zurückgeworfen werden. Als die Sonne jetzt heraustrat, waren Körper vorhanden, die sie bescheinen konnte. Es war also auch die Möglichkeit beleuchtender Gegenstände gegeben und damit das Herausbilden der Sehorgane, denn das Licht ist ja der eigentliche Urheber der Augen. Diesen Gebilden, welche sonst von der gemeinsamen göttlichen Sphäre versorgt worden waren, wurde nunmehr die Umgebung sichtbar. Diese Zeit wird in der Genesis dargestellt mit den Worten: ‘Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. Gott sah das Licht daß es gut war und Gott schied das Licht von der Finsternis.’ “

Wir als Menschen sind von höherer Warte selbst die Schöpfer des Sehens und somit der physikalischen Etablierung der Konkretisierungen von allgemeineren und höherrangigen Wellenfunktionen zur Weltausformung. Die Welt selbst kommt erst durch das Sehen. Aber wohin kommt sie? Schließlich ist sie selbst Welt und kann nicht in solche gebracht werden. Sie kommt eben nur zum Sehenden -in seinem Gesehenen- und so allein in seinem Innensein, daher auch kann Kant zu Recht sagen, die Welt wäre im Bewußtsein, im Denken. Sie ist nur im (inter-) subjektiven Wahrnehmen Welt, weil das Sehen das Fluidum des Daseins selber bezeichnet. Das Licht – als Urheber oder Verursachung der Augen benannt – ist dabei der schaffende energetische Aspekt des höheren Selbst, das zur Explikation vor sich selber drängt. Das Auge, die Physis ist also nicht Urheber, sondern Transmitter der schöpfenden Intentionen. Die Ausführung und die Art des Abgriffes zur weltlichen Funktion obliegt dabei ganz überraumzeitlicher Disposition (des Selbst).

Das Teil-Sein

Fichte: “Ob nun gleich an sich unser Sein ewig fort das Sein des Seins ist, und bleibt, und nie etwas anderes werden kann, so ist es doch das, was Wir selbt, und Für uns selbst sind, haben und besitzen, – in der Form unsrer selbt, des Ich, der Reflexion, im Bewußtsein, – niemals das Sein an sich, sondern das Sein, in unsrer Form, als Wesen.”

Somit ist unser Sein ein Teil-Sein, das sich unterscheidet vom “Sein des Seins” vor allem in seinem raumzeitlichen Bestand und entsprechenden Beigaben, die aber Entfernung und Verstellung meinen. Das eigentliche Selbst ist zwar in höherer Instanz unabänderbar, es wird aber erst vom Individuum aus entwickelt – man kann auch sagen: wiedergefunden – dies in wachsender Bewußtheit für es, also für ein eigentliches Eigen- und Innesein. Das Sein und Sichten in der Reduktion, dabei zum Ganzen hingeneigt, entwickelt und ändert sich entsprechend schon in der Gegenwart, dies heißt auch: Es scheidet den hinderlichen Zusatz ab. Gegenwärtigkeit ist gerade Signum eines ‘sich bereinigenden’ Übergreifens in das Ewig Bestehende, in das allzeit seiende Numinosum.
Man könnte auch – den Sinn erörternd – sagen: Es geht dabei biographisch um die Erfahrung in einem ontisch-perzeptionell reduzierten Wahrnehmungsraum, oder anders: das perzeptive Sein weist sich hierzu ein spezifisches Frequenzband des Ganzen zu, wird durch das Sehen anteilig der Verwirklichung der Potentialität wie in einer kaleidoskopartigen Brechung.
So handelt es sich um ein Durchsehen und Durchleuchten (der Reduktion) durch teilhaftes (teilendes wie anteilhaftes) Erkennen. Als Durchsehende sind wir dienlich der Entfächerung der Möglichkeiten zur Konkretion, und der erkennende Aspekt besteht eben darin, ein Bewußtsein dafür zu entwickeln, daß es sich biographisch bei der Lebenswelt um (geminderte) Übersetzungen (oder platonisch gesprochen: um schattenhafte Aspekte) des eigentlichen Daseins handelt, die zu überwinden sind. Als solcher Bewußtseinsträger sind wir beauftragt, in der Fächerung eben etwas wie eine Essenz des Seins hinter der separaten und verlustreichen Darstellung anzustreben. Dies Vorgehen gewinnt dabei durchaus einen solipstistischen Anstrich, denn dem Alles, dem Gesamten, das mit sich selbst ist – ist das Ich naturgemäß anteilig, und zwar eben als Umfangendes und Bewirkendes, nämlich in dem Maße, wie das Ich sich zu übersteigen bereit und fähig wird.

Genie

Le Bon: “Da die Geschichte, besonders die Literatur- und Kunstgeschichte, nur die Wiederholung der selben Urteile ist, die niemand zu kontrollieren versucht, so wiederholt schließlich jeder das in der Schule Gelernte, und es gibt Namen und Dinge, an die niemand zu rühren wagt.”
Und:
“Man rede uns hinfort nicht von unbeugsamer Gerechtigkeit, dort, wo der bürokratische Hass gegen alle kühnen großen Unternehmungen herrscht. Die Völker bedürfen der wagemutigen Männer, die an sich selbst glauben und ohne Rücksicht auf ihr eigenes Ich alle Hindernisse bewältigen. Das Genie kann nicht vorsichtig sein, mit Vorsicht könnte es den Kreis menschlicher Betätigung niemals erweitern.”

So zeigt sich im Genie, daß es sich ganz um das (eigene) Urteil über das was in ihm selber liegt, bekümmern muß, vielmehr als daß es Resource und Willen hätte, sich um Einordnungen und Einlassungen anderer zu sorgen, denn es muß selber wirken, ohne in Vorsicht nach Berechtigungen oder von außen verliehenen Gültigkeiten und Legitimationen zu fragen. Auch begreift es bald Inspiration als das ganz ihm selbst Zugehörige, das in ultimativer Potenz in ihm residieren mag und nur aus ihm selber (in die Sichtbarkeit) geboren werden kann und so naturgemäß keiner äußeren Zuwendung bedarf. Plotin sagt: “Ist es aber die Seele, die du im andern bewunderst, so bewunderst du damit dich selbst.”
Wesensmerkmal des Genies sind also Willen und Eigenheit: Es drängt in ihm aus tiefstem Beweggrund zur Verwirklichung- der Grund ist dabei in sich selbst vorhanden, er ist ihm selbst eine Kausalität und zeugt vom geistigen Wesen und Tun als selbstentfaltendes, zwingendes Prinzip (zum Werden) im Künstler, der in persona zurücktritt. Plotin: “Da nun die Seele ein so wertvolles, ein göttliches Ding ist, so halte dich durch solche Begründung nunmehr überzeugt daß du mit einem solchen Mittel zu Gott hingelangen kannst und steige gerüstet zu ihm hinauf.”
Alle Veräußerung und pragmatische Erwägung wirkt somit wie nachgeordnet. Das Genie hat daher die Tendenz, seine Errungenschaften – seine “Kinder”- sind sie einmal in die Welt entlassen, zu leichtfertig zu behandeln, denn es ist überzeugt, daß ihre Durchsetzung aus ihrem Eigenvermögen hervorzugehen hat und diese nicht Faktoren der Antragung und Förderung an das Außen obliegt – was aber nunmehr eine Rechnung ist, die nur unter günstigster Konstellation aufgehen kann, da die Außenfaktoren eben keineswegs dieser idealistischen Maxime unterliegen.
Auch die Hinleitungen zur Umsetzung, die Medien, Techniken oder theoretischen Aspekte stehen der Idee, dem Ingenium selbst weit hintan, die Ausführung als solche, das Resultat und das Zwingende des Resultates hingegen sind ihm ganz zentral (haben dabei objekttranszendierenden Charakter) und überwiegen allen anderen Belang um ein Vielfaches. Es geht hiermit ganz um Eigenheit und Kunde. Der Trieb zur Kunde ist Signum des Willens zu seiner Bestimmung, seiner Notwendigkeit. Das Ingenium meint die Anbindung an dieses Prinzip in seiner Umsetzung und somit äußeren Sichtbarwerdung (in Übersteigung und Symbol). Die Kunst(produktion) hat hier bereits ihre eigentliche Intention erfüllt.

Neue Welt und Kunst


Fichte: “Die neue Welt, welche die höhere Moralität innerhalb der Sinneswelt erschaffe, sei das unmittelbare Leben Gottes selbst in der Zeit; – an sich nur unmittelbar zu erleben; im allgemeinen nur durch das Merkmal, daß jede Gestaltung desselben schlechthin um ihrer selbst willen, und nicht als Mittel zu irgend einem Zwecke, gefalle, zu charakterisieren. Erläutert an den Beispielen, der Schönheit, der Wissenschaft, u.s.w. und an den Erscheinungen des natürlichen Talents für diese. Dieses Handeln strebe denn doch einen Erfolg außer sich an; so lange nun das Begehren des Erfolges mit der Freude am bloßen Tun noch vermischt sei, sei selbst die höhere Moralität noch ausgesetzt der Möglichkeit des Schmerzes. Ausscheidung dieser beiden durch den Standpunkt der Religiosität. – Grund der Individualität. Jeder hat seinen eigentümlichen Anteil am göttlichen Leben. Erstes Grundgesetz dieser Moralität, und des seligen Lebens, daß jeder diesen Seinen Anteil ergreife. – Allgemeine äußere Charakteristik des moralisch-religiösen Willens, inwiefern derselbe aus seinem eignen innern Leben herausgeht nach außen.” (Fichte Inhaltsanzeige, 9. Vorlesung zur Anweisung zum seligen Leben.)

Diese Sammlung von Schlagworten liest sich indes wie eine komprimierte Proklamation zum idealistischen Kunstbegriff:
“Der Erfolg außer sich” ist dann das, was ihn notwendig überhebt aus seinem (vermeintlich) eigenen Sein und nach außen zu dringen hat, da er nämlich damit, vom Eidetischen sprechend seinem eigenen Willen und Drang zur Entfaltung nachkommt. Der Lohn des Erfolges – obwohl hier eine Wahrscheinlichkeit sei wegen der Ansprache an das Kollektiv – liegt nicht in der allgemeinen Anerkennung (der Person, denn diese tritt nach dem Gesagten völlig zurück), sondern darin, daß das Resultat ein Werden selbst – das zuletzt numinosen Charakters ist – repräsentiert. Werden nimmt hier den Charakter der Übersteigung der Profanität an, hat die Qualität des Verweises und Symbols des Nicht- Vorfindlichen, aber des ‘Anderen’, erst Hypothetischen, und erfordert Dienst und Pioniergeist. Gemeint ist ein Dienst am Prozeß der Findung und seinen Maximen, Dienst an der eigenen ‘Eigentümlichkeit’ durch Zulassen, Explizieren und Entwickeln des Innersten in Erkenntnis über die Eigenart der eigenen Rolle hierin. So birgt überhaupt alles richtige Tun einen voranschreitenden Aspekt, der in der steten Annäherung an die Form der Ewigkeiten sein Ziel zu finden hat- man könnte für die Kunst sagen, bis diese sich einst erübrigt, weil das Gefundene alle künstlerische Ausdrucksweise unsagbar übersteigen muß und so zur obsoleten Herleitung werden läßt. (Man denke hier auch an Hegels Hierarchisierung von Kunst und Philosophie.) Da diese hohen Aspekte der Kunst oft verdeckt, überlagert und durch multiple äußere wie auch innerliche Begehrlichkeiten bedrängt sind, gehört es auf essentielle Art zum Künstlertum, die eigene Biographie dorthin zu disziplinieren, daß die Ermöglichung gegen alle Hemmung und profane Anbrandung Bestand haben kann.

Ding an Sich

Laut Rudolf Steiner kann ein Kant’sches Ding an Sich nicht sein, da alles – alle Dinglichkeit gleich welcher Stufe – noch im Sehen des Wahrnehmenden ist und so auch im Höheren aposteriorisches Perzeptionserzeugnis bleibt. Denn auch die höhere Wahrnehmung (das feinstoffliche Sehen) schafft sich die ihr passenden – höheren – Dinge, man denke hier an die psychische Qualität des Jenseitigen, das in seiner Bildlichkeit durchaus durch das Bewußtsein geprägt erscheint. Überhaupt ist ein Außen prinzipiell ja nur solange erkennbar, wie die Subjekt-Objekt Korrelation nicht gänzlich zur Aufhebung kommt.

Zitat: “Der Gedanke des Dinges an sich bezeichnet hier nur eine Verlagerung dieser Evidenzgrenze in eine höhere Ebene, da das objektbildende Sehen zuletzt ein Sehen der höchsten und einzigen Identität werden muß. Folgt man aber dem Menschen – als einem ebenso perzeptionell hervorgebrachten Ens – über sich selbst hinaus, so muß er zum Beobachter werden, der die Grenzen des Wesens des Vorfindlichen mit seiner steigenden Möglichkeit schritthaltend weiter verschiebt, bis er zuletzt in diesem Prozeß nur das aufsteigende Eine und seine Bilder erkennt, die zur Entbildlichung und Einsheit kommen und ihn so seiner vermeintlich begrenzten Entität enthebend zum einzigen Selbst bilden.
Angelus Silesius sagt:
‘Wohl dem, der solche Münz in reiner Leinwand trägt.
Das Bildnis Gottes ist der Seelen eingeprägt.’ “

Nun aber Viktor Solowjew über Kant, demnach jener selber genau eine Interpretation vorgenommen hat, die mit R. Steiners Ansicht in Deckung gebracht werden kann: “Wie können wir die außer uns befindlichen und von uns unabhängigen Dinge oder Gegenstände erkennen? Diese für das naive, unmittelbare Bewußtsein nicht bestehende, aber die Hauptaufgabe jeder Philosophie bildende Frage wird von Kant mit besonderem Scharfsinn und Originalität gestellt und gelöst. Unser Geist kann die Gegenstände darum erkennen, weil alles in ihnen Erkannte von diesem Geist selbst nach den ihm eigenen Regeln oder Gesetzen erzeugt wird. Mit anderen Worten: die Erkenntnis ist darum möglich, weil wir keine Dinge an sich erkennen, sondern deren Erscheinung in unserem Bewußtsein, die nicht durch etwas Äußeres, sondern durch die Formen und Kategorien unserer eigenen geistigen Tätigkeit bedingt ist.”
Diese Kategorien unserer geistigen Tätigkeit sind freilich die neuplatonischen Logoi, also form-und weltbildende Strukturen der Seele in ihrer ontologisch höherrrangiger Ansicht. Für den Neuplatonismus: “Die Seele enthält rationale Strukturen (logoi), die auf die im Geist/Sein enthaltenen Formen zurückgehen; und wenn die Seele diese logoi anschaut, ensteht auf selbstverständliche, unthematische Weise die sinnlich wahrnehmbare Welt.” (K.Kremer)

Bei Gott?

Nach dem Katechismus der katholischen Kirche: “Was heißt ‘auferstehen’? Im Tod, bei der Trennung der Seele vom Leib, fällt der Leib des Menschen der Verwesung anheim, während seine Seele Gott entgegengeht und darauf wartet, daß sie einst mit ihrem verherrlichten Leib wiedervereint wird. In seiner Allmacht wird Gott unserem Leib dann endgültig das unvergängliche Leben geben, indem er ihn kraft der Auferstehung Jesu wieder mit unserer Seele vereint.”
“Das Fleisch ist der Angelpunkt des Heils ” (Tertullian) Wir glauben an Gott, den Schöpfer des Fleisches; wir glauben an das Wort, das Fleisch geworden ist, um das Fleisch zu erlösen, wir glauben an die Auferstehung des Fleisches, in der sich die Schöpfung und die Erlösung des Fleisches vollenden.”

Der christlichen (zuletzt häretischen) Mystik geht es hingegen um eine Umbildung, eine Auflösung, um die Überwindung der Körperlichkeit, sei auch der Leib ‘verklärt’ und dann bei Gott, vielmehr geht es ihr um die Vereinigung mit Gott selbst und der Überwindung der bekannten Gott-Mensch- wie aller Körper-Relation. Der Mensch sitzt nicht bei, sondern ist.

Angelus Silesius sagt:
“Hier fließ ich noch in Gott als eine Bach der Zeit,
Dort bin ich selbst das Meer der ewgen Seeligkeit.”

Und Meister Eckhart:
Die das Eines erkennen,die
erkennen mehr als die, die
Tausend erkennen, denn sie
erkennen mehr IN Gott, und
die da Tausend erkennen, die erkennen
mehr BEI Gott. Seliger sind
(zwar), die da Tausend
erkennen als die, die Eines
erkennen, dadurch das sie
darin (=in Tausend) mehr
erkennen als in dem Einen.
Noch seliger aber sind, die
Eines erkennen, als die
Tausend erkennen, immer
mehr Eines und (doch) Gott
nicht in ihm. Darum: Wenn
ich etwas IN Gott erkenne,
dann wird; was immer ich
erkenne, eins mit mir. Wer
Gott mehr als Eines erkennt,
der erkennt doch weniger BEI
Gott. Daran liegt unser
‘ewiges Leben’, daß wir
Eines erkennen; damit daß
wir weniger erkennen,
erkennen wir dich mehr als
einen WAHREN Gott’.
Warum sprach er ‘dich
einen WAHREN Gott’ und sagte
nicht: ‘dich einen weisen’
oder ‘guten’ oder ‘gewal-
tigen’ Gott? Weil Wahrheit
sich auf das (reine) Sein bezieht.”

“Und der ist seliger, der
Tausend in Gott erkennt, als
der Eines in Gott erkennt.
Die Seligkeit aber liegt nicht
darin, daß er Tausend in Gott
erkennt. Sie liegt (vielmehr)
darin, daß er weniger MIT ihm
und AUSSERHALB seiner erkannt
hat; und daher erkennt er
MEHR in ihm, aber nicht
Mehreres, denn alle DInge
sind Eines IN Gott, und in
Gott ist nichts, als was er
seinsmäßig ist.”

Telos und Zwang


Bertrand Russel: “Es ist klar, daß ein autokratisches System, so wie es von Hegel oder den heutigen Schülern von Marx befürwortet wird, theoretisch nur auf der Basis eines unbestreitbaren Dogmas zu rechtfertigen ist. Wenn man zu wissen meint, welche Zwecke das Universum in bezug auf das menschliche Leben verfolgt, was mit Sicherheit geschehen wird und was für die Menschen gut ist, selbst wenn sie selbst anderer Meinung sind; wenn man wie von Hegel sagen kann, daß die eigene Geschichtstheorie als ein Ergebnis nur einem selbst bekannt sei, weil man das ganze Feld durchmessen habe – dann wird man auch davon überzeugt sein, daß kein Grad des Zwanges zu groß ist, wenn er zum rechten Ziel führt.”

Dies mag für den säkularen Telos Geltung haben, der (politische oder gesellschaftliche) Zwang ist hier Ausdruck einer Usurpation des transzendenten Telos aus einem Minder-Status der Protagonisten und ihrer subjektiv-separaten Ansicht heraus. Die eigentliche Zweckbestimmung aber entzieht sich solcher Dienstbarmachung, ja der bewußten Ausführung überhaupt, meint die welt- transzendierende (noch unerklärte) Rückexplikation in allen Dingen vor alle Dinge. Dieser Zweck folgt – wenn man so will – einem Zwang seiner selbst, der Mensch aber ist hier lediglich untergeordneter (Bewußtseins-) Träger und nur Glied im Durchgang der Evolution eben dieses Geschehens. Wille und Willkür in diesem nicht-selbsterfüllenden Sinne bedingen indes eine Dialektik, die die Rückexplikation erschwert und doch in gewisser Weise in ihrer anschaulichen Komplexizität erst bedingt.

Der Physiker Wolfgang Pauli: “Entgegen der strengen Einzelung der Aktivität des menschlichen Geistes in getrennte Departemente seit dem 17. Jahrhundert halte ich aber die Zielvorstellung einer Überwindung der Gegensätze, zu der auch eine sowohl das rationale Verstehen wie das mystische Einheitserlebnis umfassende Synthese gehört, für den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Mythos unserer eigenen heutigen Zeit.”

Und hierin ist kein anderer Zwang als nur die Notwendigkeit des Einen zu sich selbst.

Datenlagen

Bertrand Russel: “Die wirklichen mächtigen Gegner, mit denen Plato und Hegel kämpfen mußten, waren nicht die Skeptiker, sondern die Empiristen, in dem einen Fall Demokrit, im andern Locke. Bei beiden war der Empirismus mit Demokratie und einer mehr oder weniger utilitaristischen Ethik verknüpft. In beiden Fällen gelang es der neuen Philosophie, sich vornehmer und tiefgründiger darzustellen als die Philosophie des alltäglichen common sense, die sie beiseite drängte. In beiden Fällen machte sich die neue Philosophie im Namen alles Erhabenen zum Vorkämpfer von Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Reaktion. Im Falle Hegels ist dies allmählich mehr oder weniger erkannt worden, im Falle Platos ist es noch heute unklar geblieben.”

“Empirie (vom Altgriechischen ἐμπειρία empeiría [ebiría]: ‘Erfahrung, Erfahrungswissen’ ist eine methodisch-systematische Sammlung von Daten. Auch die Erkenntnisse aus empirischen Daten werden manchmal kurz Empirie genannt.” (Wikipedia)

Es ist ersichtlich, daß Datenlagen ganz abhängig sind von den Möglichkeiten ihrer Zeit, in der sie erstellt werden, daß ihre Gültigkeiten also ständiger Entwicklung und Veränderung unterliegen. (Und ein Schritt weiter noch: Daß sie gar durch Beobachtung und Sammlung erst evoziert werden!) Wie rudimentär aber mutet uns also die antike Empirie an, und welche Gültigkeit kann sie demnach für uns heute noch besitzen? Wohl kann sie keine Gültigkeit ihrem Inhalt nach haben, sondern vielmehr kann sie nur ihrem Wesen nach als eine Methodik überdauern, die aber dann eben besagt, daß (wissenschaftliche) Einsicht und Evidenz gebunden ist an den gegenwärtigen Stand und wir schon jetzt uns in die Zukunft versetzend unser Heute im Rückblick betrachtend ausreichend Zweifel an der Gültigkeit jetziger Datenlagen hegen müssen.
Mit Blick auf die griechische Philosophie: während Platon sich der Symbolik seiner Geometrie bedient, um auf ein tieferes Verständnis der Materie zu leiten, ist Demokrits Bild gleichbedeutend einer Interpolation, die in ihrer Symbolhaftigkeit das Bild der Materie gleichsam usurpiert bis schließlich das Symbol für das Eigentliche genommen wird. (Rudolf Steiner sagt passend “Man nimmt die Begriffe für Wirklichkeiten.”) Die heutige Datenlage zeigt freilich eine hohe Kompatibilität mit Platons offenerem Ansatz – der zuletzt ein Immaterialismus ist -, während Demokrits Modell im Kern nur äußerem Verständnis dient und prinzipiell ontologisch obsolet ist. Die eigentliche Klammer aber um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist die tiefste -vorempirisch angelegte – Einsicht. Heisenberg: “Ähnlich wie bei Plato sieht es daher so aus, als liege dieser scheinbar so komplizierten Welt aus Elementarteilchen und Kraftfeldern eine einfache und durchsichtige mathematische Struktur zugrunde.”
Und was die Datensammlung einst in Zukunft noch zu erkennen und in objektiver Weise darzulegen hat, ist dem Menschen (bedingt durch innere Anlage und einer metaphysischen Empirie) seit Urzeiten schon bekannt.

Fichte, Seele und Wesensgrund

Fichte: “Ich bin dir verwandt, und was ich rund um mich herum erblicke, ist Mir verwandt; es ist alles belebt und beseelt, und blickt aus hellen Geister-Augen mich an, und redet mit Geister-Tönen an mein Herz. Auf das mannigfaltigste zerteilt und getrennt schaue in allen Gestalten außer mir ich selbst mich wieder, und strahle mir aus ihnen entgegen, wie die Morgensonne in tausend Tautropfen mannigfaltig gebrochen sich selbst entgegen glänzt.
Dein Leben, wie es der Endliche zu fassen vermag, ist sich selbst schlechthin durch sich selbst bildendes, und darstellendes Wollen; dieses Leben fließt, – im Auge des Sterblichen mannigfach versinnlicht, – durch mich hindurch herab in die ganze unermeßliche Natur. Hier strömt es, als sich selbst schaffende und bildende Materie durch meine Adern und Muskeln hindurch, und setzt außer mir seine Fülle ab im Baume, in der Pflanze, im Grase. Ein zusammenhängender Strom, Tropfe an Tropfe, fließt das bildende Leben in allen Gestalten, und allenthalben, wohin ihm mein Auge zu folgen vermag; und blickt mich an, – aus jedem Punkte des Universums anders, – als dieselbe Kraft, durch die es in geheimem Dunkel meinen eigenen Körper bildet.

Dieses ewige Leben und Regen in allen Adern der sinnlichen, und geistigen Natur erblickt mein Auge durch das, was andern tote Masse scheint, hindurch; und siehet dieses Leben stets steigen und wachsen, und zum geistigern Ausdruck seiner selbst sich verklären. Das Universum ist mir nicht mehr jener in sich selbst zurücklaufende Zirkel, jenes unaufhörlich sich wiederholende Spiel, jenes Ungeheuer, das sich selbst verschlingt, um sich wieder zu gebären, wie es schon war: es ist vor meinem Blicke vergeistiget, und trägt das eigne Gepräge des Geistes; stetes Fortschreiten zum Vollkommenern in einer geraden Linie, die in die Unendlichkeit geht.”

Die Nähe zum neuplatonischen Denken läßt sich hier mit Volkmann-Schluck darlegen: “Die Seele ist Vielheit im Sinne der aus dem Ursprung hervorgegangenen Vielheit, produktive Wirksamkeit ihres Wesens: Lebendigkeit. Sie verdankt die Vielheit nicht einer Beihilfe von außen, durch die an ihr Unterschiede bewirkt würden, sondern der lebendigen Kraft des Sich selbst aus sich selbst Erwirkens, so daß sie das ganze und volle Sein der sich explizierenden Wesensmannigfaltigkeit ist. ‘Leben’ meint kein Prädikat eines Seienden, das an ihm selbst noch etwas anderes wäre als Leben, sondern die zentrale Seinsbestimmung des Wesens der Seele, die besagt: daß ihr Wesen schöpferischer Hervorgang aus ihrem Wesensgrund zur geeinten Gesamtheit ihrer Gestalten ist. Oder die Seele ist selbst nichts anderes als das Sein des Lebens, Einheit eines sich zu einem artikulierten Ganzen Entwickelnden, das ein in sich Geeintes bleibt.
Diese Selbstdifferenzierung ist in der Notwendigkeit der Selbstanschauung der Seele motiviert. Leben hat den reflexiven Charakter einer die Bewegung zum Vielen erfordernden Selbstanschauung, in der es allein das Sich-haben in einer geeinten Mannigfaltigkeit sein kann.”