Verwirklichung

Meister Eckhart: “Wer den Leib unseres Herrn gern empfangen will, der braucht nicht danach zu schauen, was er in sich empfinde oder spüre oder wie groß seine Innigkeit oder Andacht sei, sondern er soll darauf achten, wie beschaffen sein Wille und seine Gesinnung seien. Du sollst nicht hoch anschlagen, was du empfindest; achte vielmehr für groß, was du liebst und was du erstrebst.”

Zu einem solchen Erstreben Beierwaltes über Ficino: ” Die Unendlichkeits-Tendenz des Geistes oder seine ontologische oder intellectuale Verfaßtheit als ‘infinita virtus’ ist auch der Grund dafür, daß er innerhalb des in sich differenzierten (gestuften) Ganzen der Wirklichkeit nicht als auf irgend eine Stufe (gradus) fixiert gedacht werden kann; er ist sozusagen nach ‘beiden Seiten hin’ offen, vollzieht seine begreifenden und wollenden Akte in sich selbst nach ‘oben und unten’ gleichsam universal, bezieht sich denkend ebensosehr auf die ‘unendliche Wirklichkeit‘ Gottes, wie auf die ‘unendliche Möglichkeit‘ der Materie, gemäß der sie unendlich viele Formen in ihr selbst sich ausprägen läßt.”

Wie aber kann es überhaupt möglich werden, sich im alltäglichen Dasein – das uns mit aller Profanität binden und bestimmen will – nach einem Höheren zu orientieren? Dies nun in der Vergegenwärtigung, in der Bewußtheit über die Potenz eben zur hohen Verwirklichung, in der Unzufriedenheit daher mit dem Status Quo, daraus resultierend in einer Ungenügsamkeit und Ruhelosigkeit angesichts des Welt-Seins. Dies fordert alltäglich ein Vorangehen und Streben, es fordert Experiment, Aneignung, Fortschritt, Durchwirkung, Erfindung, Erweiterung in der Welt, aber zur Überwindung der Welt, nicht zu ihrer Affirmation.
Zuletzt ist die Ermöglichung in der Materie ‘nur’ gleichkommend einem Durchgang durch eben sie und soll zu feinstofflicheren Seinsebenen führen. Geistigkeit selbst kann im Alltag indes durch Ausrichtung, Denkart, Praxis, Meditation, Reinigung, Klärung der Physiologie und ähnlicher läuternder Prozesse angebahnt oder gar erwirkt werden.