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Schleiermacher, Wirklichkeit

Schleiermacher gründet das Bewußtsein des Heiligen nicht im christlichen Gottesbewußtsein, sondern versteht umgekehrt das Gottesbewußtsein in den positiven Religionen als eine mögliche Ausdrucksgestalt des Bewußtseins vom Heiligen, das er als ‘Sinn und Geschmack für das Unendliche’ bestimmt. Damit ist im Wesentlichen ein Wirklichkeitsbewußtsein gemeint, das durch enthusiastische Erlebnisse initiiert und intrinsisch qualifiziert ist, das heißt durch Erlebnisse mit der Anmutung, den Einzelnen über die Grenzen seiner egozentrischen Selbst- und Weltwahrnehmung hinauszutragen und mit etwas Größerem zu vereinen, das vom erlebenden Zugang nicht abstrahiert und in vermeinter Selbständigkeit verdinglicht werden darf. Erlebnisse dieser Art differenzieren sich laut Schleiermacher im Vollzug der Selbstverständigung über das Erlebte aus in die ‘Anschauung des Universums’ und diese Anschauung begleitenden Komplex von Gefühlen der Demut, des Staunens und der Zuneigung.
Erlebnisse dieser Art sind dadurch bestimmt, daß sie einen kognitiven Gehalt besitzen, der nur sinnbildlich ausgesagt werden kann.” (Magnus Schlette)

Enthusiastische Erlebnisse sind als ‘klassische’ Stiftungsmomente heute – wegen der Ermöglichung individueller Zugänge zu Transzendenz-Stufen – nicht vonnöten, führen vielmehr- jeher – auf die Fährten falscher Propheten. Enthusiastisches Erleben hingegen handelt von Gewahrwerdung des Seins des tieferen Eigenen als Wahrnehmung, die am Eigentlichen partizipiert. Was in der Identität liegt, ist heilig, strebt und entflammt sich in sich selbst um einst zu sich selbst in seiner höchsten Stufe zu gelangen. Religion als Institutionelles, Angetragenes liegt dieser Unmittelbarkeit ausgelagert, weil zu viele Vermittlungsstufen sind, zu viel verstellender, ferner Rekurs. So sollen wir nicht von Demut und Glauben sprechen, sondern von Seinsteilhabe in der Identität – nur dies bedeutet Wirklichkeit (als Wirksam-Sein) im Sinne des Wortes und der Art des Sich-Verhaltens als Teilhaber des -einzigen- Subjekts.

Die Upanishad sagt: “Der Äther in dem Topf, dem Zimmer und den Wolken ist ein ein und derselbe. Aufgrund der verschiedenen Begrenzungen erhält er verschiedene Namen, z.B. ghatakasa (Topf-Äther), mathakasa (Zimmer-Äther), meghakasa (Wolken-Äther). So erhält auch das eine brahman verschiedene Formen, die jivas, aufgrund der verschiedenen begrenzenden Attribute, Namen und Formen. Wenn der Topf bzw. die Wände des Zimmers zerbrechen, werden der Topf-Äther und der Zimmer-Äther eins mit dem universellen Äther. Genauso werden auch die jivas identisch mit brahman, wenn die begrenzenden Attribute, also die verschiedenen Körper und manas nicht mehr sind. Genau wie aus dem Feuer tausende Funken hervorsprühen, wobei sie Feuer bleiben, so kommen aus dem unsterblichen brahman die verschiedenen jivas, und sie finden ihren Weg zurück in brahman.”

Säkularisiert und enthusiasmiert

“Der enthusiasmierte Blick aufs Endliche werde dessen Teilhabe am Unendlichen gewahr. Die Selbstbildung des religiösen Menschen bestehe in der Kultivierung eines Lebensvollzugs, in dem er seine Begabungen in dem Bewußtsein ausbilden soll, dadurch an dem Facettenreichtum teilzuhaben, durch den sich das Unendliche dem Betrachter erschließt. Mit dieser Unendlichkeitskonzeption trägt Schleiermacher wesentlich bei zu der ‘ontologischen Differenzierung’ des Heiligen ‘in ein unerkennbares, nur in seinen Wirkungen erfahrbares Sein und den Wirkungen, durch die es sich phänomenal manifestiert’, die Ulrich Gaier als Teilaspekt des modernen Säkularisierungsprozesses bewertet hat. Säkularisierung heißt hier ‘Ablösung von Vorstellungskomplexen der überlieferten christlichen und auch altestamentarisch-jüdischen Kultur, die durch diese Verweltlichung eine Umdeutung erfahren.” (Magnus Schlette)

Mit anderen Worten ließe sich sagen: Eine Heiligung der Welt, eine Begegnung mit unendlichen Dingen – im ‘symbolistischen’ Sinne- bedarf der Initiative der Selbstexploration – nun ohne buchreligiöse Chiffren. Säkularisierung wird so zur Selbstermächtigung, aber eben genau über den Zugang zum Heiligen -Säkularisierung wird so Voraussetzung zur Sakralisierung, die in Unmittelbarkeit und Hiesigkeit ‘verborgen’ liegt. Die religionsspezifische Abscheidung des Heiligen zu Gott aber meint(e) auch immer eine Entheiligung der Welt.
Von einer Re-Sakralisierung indes ließe sich sprechen, weil die Welt einst durchweg magisch wahrgenommen wurde. Sie ist es heute selbstredend nicht minder- kein Fortschritt hindert dies. Eher ein falsch verstandener Fortschrittsglauben etwa im Jasper‘schen Sinne eines Aufklärichts kann Säkularisierung und Profanität zwanglos in Eines setzen. ” (Aufkläricht als übertriebenen Rationalismus, Verstandesglauben oder ein Vernünftlerisches. “Karl Jaspers unterschied scharf zwischen ‘wahrer’ Aufklärung und einem verflachten ‘Aufkläricht’. Während wahre Aufklärung Vernunft und Menschlichkeit verbindet, ist ‘Aufkläricht’ eine Überhöhung des bloßen Verstandes ohne ethische Tiefe.” (KI)

Heisenberg gibt als Physiker Einblick in eine durchaus sakrale Implikation tiefer Wissenschaft: “…die Frage, ob die kleinsten Einheiten gewöhnliche physikalische Objekte sind, ob sie in gleicher Weise existieren wie Steine oder Blumen. Hier hat die Entwicklung der Quantentheorie vor etwa 40 Jahren eine völlig veränderte Situation geschaffen. Die mathematisch formulierten Gesetze der Quantentheorie zeigen deutlich, daß unsere gewöhnlichen anschaulichen Begriffe nicht in unzweideutiger Weise für die kleinsten Teile gebraucht werden können. Alle die Wörter oder Begriffe, mit denen wir die gewöhnlichen physikalischen Objekte beschreiben, wie etwa Lage, Geschwindigkeit, Farbe, Größe usw., werden unbestimmt und problematisch, wenn wir versuchen, sie auf die kleinsten Teile anzuwenden.
… Wenn dieses so ist, gibt diese Antwort den Ansichten Demokrits oder Platos recht? Ich glaube, die moderne Physik hat an dieser Stelle definitiv für Plato entschieden. Denn die kleinsten Einheiten der Materie sind tatsächlich nicht physikalische Objekte im gewöhnlichen Sinn des Wortes; sie sind Formen, Strukturen oder – im Sinne Platos – Ideen, über die man unzweideutig nur in der Sprache der Mathematik sprechen kann.”

Die Welt und der Mensch darin ist konstituiert aus dem Pre-Materiellen, dem Nous – das Dasein ist magisch (paraphysisch, gestaltgebend, verbunden) , enthusiasmiert sich in individuellem substanziellem Sein ohne Gott und versetzt sich so in die Lage zu seinem tatsächlichen transzendenten Grund.

Gegenstand der Ehrfurcht

“Der Gegenstand dieser Ehrfurcht sowie alles, worin er sich manifestierte, werde als Macht vorgestellt ‘demanding of him the fruits of Awe, namely respect, veneration, propitiation, service’. Diese Macht bezeichnet Robert Ranulph Maretts unter Rückgriff auf einen melanesischen Ausdruck als ‘Mana‘. Dabei handele es sich um eine konstitutionstheoretische, keine normative Kategorie, die… auf Erfahrungen referiere, die grundlegender seien als die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Mächten und ihrer Ausdeutung als Geister oder Götter zwischen Magie und Religion.
Marett hat die Religionsentwicklung als symbolische, institutionelle und praktische Ausdifferenzierung von Vorstellungen dieser übernatürlichen Macht aufgefasst, als ein Verhältnis primordialer religiöser Erfahrungen und ihrer Artikulation, das von präanimistischen Ausdrucksgestalten bis hin zu den Geistvorstellungen des philosophischen Idealismus reiche. Seine Theorie ist in der Religionsforschung Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts von William James über Max Weber und Emile Durkheim bis Rudolf Otto, Nathan Söderblom und Gerardus van der Leeuw breit rezipiert worden. Sie alle stellen das Erlebnis einer transsubjektiven Macht ins Zentrum der Religion, unterscheiden sich aber durch die theoretische Einbettung dieser gemeinsamen Grundvoraussetzung.” (Magnus Schlette)

Jene ‘transsubjektive Macht’, jene urreligiöse Erfahrung ist präanimistisch, ist schamanisch (dies sind freilich bildevozierende Begriffe, die ihrerseits eine Zeitlichkeit oder Zeitenzugehörigkeit assoziieren lassen), und diese Macht ist als urreligiöse Empirie konstitutiv für alle Religions-Systeme im Sinne dogmatisierter Weltanschauungssysteme, die folgten. Alle diese Systeme führen dabei auf ihre eigene Art fort von einer ihnen selbst inneliegenden Eigentlichkeit. Hingegen der Platonismus und so der Idealismus rekurrieren enger – nun als Philosophien – auf dieses Wissen des Eigentlichen, das zu fernen Zeiten Erfahrungsweisen – wenn auch der Wenigen – beschrieb. Sie versuchen im Prinzip, das einst lange Bekannte – dann nur Geahnte – in einer umgekehrten Deduktion – einer Induktion vom Einzelnen zum Allgemeinen als logisch plausibel darzulegen – sie theoretisieren somit das schlechthin Erfahrene und bleiben so im Kern gewissermaßen urreligiös, und bis zu Hegel vermag jener fern nachklingende Eindruck einer solchen Ur-Empirie die philosophische Form religiös zu grundieren oder zu ‘unterminieren’ und ihren Impetus an tiefer Ahnung oder Gewissheit auszurichten. Ist aber der urreligiöse Nukleus ein wahrer, ist entsprechend auch diese Ahnung von (letzter) Evidenz.
Die eigentliche Erfahrung aber – die so ewig widerhallt durch alle Zeiten und Kulturen – beruht vordringlich auf dem Entheogen oder der (meditativen) Introspektive, also einer innerlich erreichten Seinswirkung, die das Außen – als Welt – deklassiert zu einer Seinsart zweiter Ordnung. Daher sollen später hierauf bauende idealistische Konzepte mehr sein als deskriptive und deduktive Philosophien, sie müssen sich vielmehr in der Wahrnehmung ihrer Verursachung selbst auf diese Verursachung zurückführen (können) – logisch/ rationalisierend, aber eben auch lebensphilosophisch und teleologisch. Und so: Die ganze ‘Religionsentwicklung’ muß zurückgedacht und eingerollt werden zu einer Ursprünglichkeit, die sich von allen verstellenden Dogmen der bekannten Systeme befreit. Das Ende der Religion führt zu ihrem Anfang und das meint transzendierendes, transzendentes Sein, meint Rückkehr. (Dies auch der letzte Zweck aller Philosophie!)

Hierophanie, Logoi

Für Mircea Eliade: “Das Heilige ist demnach dadurch bestimmt, daß es sich zugleich zeigt und verbirgt. Die Möglichkeit dieser dialektischen Bestimmung beruht auf Eliades Entgegensetzung des Heiligen und Profanen, deren Berührung er als ‘Hierophanie’ bezeichnet.”

“(Hierophanie (von griech. hierós „heilig“ und phainein „erscheinen“) bezeichnet das Aufscheinen oder die Manifestation des Heiligen innerhalb des Profanen. Der Begriff wurde maßgeblich von Mircea Eliade geprägt und beschreibt, wie ein Gegenstand, Ort oder Ereignis durch die Offenbarung einer transzendenten Realität zur heiligen Erfahrung wird.
Kernpunkte der Hierophanie:
Grundkonzept: Das Heilige offenbart sich in einer profanen Welt, ohne jedoch vollständig in ihr aufzugehen.
Beispiele: Orte (ein heiliger Baum, ein Tempel), Gegenstände (ein Kultbild) oder Ereignisse können zu Hierophanien werden, indem sie eine Grenze zwischen dem Heiligen und dem Profanen überbrücken.
Wirkung: Für den Gläubigen verwandelt sich ein Objekt (z. B. ein Stein) durch die Hierophanie in etwas Heiliges, bleibt aber dennoch in seiner materiellen Beschaffenheit ein Stein.
Abgrenzung: Im Gegensatz zur Theophanie, die spezifisch die Erscheinung Gottes bezeichnet, ist die Hierophanie weiter gefasst und umfasst jegliche Manifestation des Heiligen.” (Google-KI)

“Einen Beitrag zur Phänomenologie des Heiligen hat auch William James in seiner religionspsychologischen Studie The varities of religious experience geleistet. James… fundiert die Religion ebenfalls in religiösen Erfahrungen, deren Vielfalt er anhand von autobiographischen Zeugnissen analysiert. Sie habe ‘ihre Wurzel und ihr Zentrum in ‘mystischen Bewußtseinszuständen’, die James bei aller Differenz in einer gewissen Nähe zu Schleiermachers ‘Sinn fürs Unendliche’ und Ottos sensus numinis als unaussprechbare, flüchtige und ergreifende Erkenntniszustände qualifiziert. James interessiert sich für die Bedeutung, die solchen Bewußtseinszuständen für die subjektive Authentifizierung existentiell relevanter Sinnorientierungen zukommt. Wo sie gelingt, nämlich zu der Gewissheit der Existenz und Wirksamkeit einer vollkommenen Macht und einem dieser Gewißheit entsprechenden Lebenswandel führt, der sich durch verschiedene ‘Früchte des spirituellen Baumes’ wie Askese, Seelenstärke, Reinheit und Nächstenliebe bewährt, spricht James auch von der ‘Heiligkeit’ des Charakters.” (Magnus Schlette)

Volkmann-Schluck über den Neuplatonismus: “Was die Natur zu einer solchen macht, das sind die Logoi, die Gestaltungsformen der schaffenden Seele, welche die Naturgestalten in das Dasein treibt und als deren individuierte Eide die Natur ist. Ist nun das Wesen der Seele von den als schaffende Naturkraft wirkenden Formkräften verschieden? ‘Nein, sie ist auch Logos und der Inbegriff der Logoi; und sie sind ihre Wirksamkeit, die sie ihrem Wesen gemäß übt.’ (Plotin) Das Wesen der Seele ist selbst vom Charakter dieser Gestaltungsformen, die Äußerungen ihrer Selbstbetätigung sind. Sie ist die Potenz der Formkräfte, nicht als sich besonderndes Allgemeines, sondern als dynamische Einheit, welche die Möglichkeit einer Mannigfaltigkeit von Wirkungen und Tätigkeitsrichtungen in sich trägt.”

So kann man auch sagen:
Die ‘profane’ Welt ist die Welt, in der die Seele sich nicht ausreichend in ihrer Verbindung zur Entäußerung (des Inneren in Gegenständlichkeit) erkennt. Die Hierophanie bietet nun offenbar die Ansicht und Möglichkeit, auch das (vermeintlich) Profane als Derivat xter Ordnung des Seelischen zu begreifen. Ein Gott kann hier indes nichts bewirken, da er diese ontische Ordnung der Teilhabe unterminieren muß, denn der Glaube an ihn meint kein Tätigsein, keinen Vollzug zu den ‘Dinglichungen’; aber nur in der Entsachlichung der Dinglichkeit zum Über-Dinglichen- dies indes durch die Dinge hindurch als selbstgeschaffene, dem Seelenstand gemäße Versachlichung, nun also in der Hinwendung zum Eigensein des Einen in Allem (zum Einem), also im wirkenden Subjekt selbst (oder: durch Objektivierung des Subjektes, der Subjekte zum letzten Subjekt selbst), kann nämlich tatsächliche transzendente Realität als Wirklichkeit erst werden.

Das Heilige

“Auch Nathan Söderblom, dessen Auffassung von Ursprung und Verlauf der Religionsgeschichte derjenigen Ottos verwandt ist, beruft sich ausdrücklich auf Schleiermacher, wo er schreibt, der Gottesgedanke ohne den Begriff des Heiligen sei keine Religion. Der psychologische Ursprung der Heiligkeitsvorstellungen scheine die ‘geistige Reaktion auf bestürzende, erstaunliche, neue und erschreckende Ereignisse’ gewesen zu sein. Heiligkeit werde in einem bedeutenden Strang der religionsgeschichtlichen Entwicklung ‘zur persönlichen Eigenschaft der Gottheit und des Menschen’ umgedeutet, und diese Entwicklung wiederum ‘durch eine unabhängige sittliche Verfeinerung begünstigt’. Trotz seiner Höherbewertung der Prophetenreligionen hielt Söderblom wie Otto daran fest, daß Gottesvorstellungen psychologisch nicht konstitutiv für die Konzeption des Heiligen seien.” (Magnus Schlette)

Sie sind es nicht, da die Heiligkeit schon vor den Göttern existierte. Die Heiligkeit als Gegebenes ist existent ohne die Beschreibung des Menschen. Die Beschreibung meint dann Übersetzung und zur Massentauglichkeit Symbolisierung, Institutionalisierung und so Entfernung. Das Unfaßliche aber ist nur wirksam im Vollzug und Erleben des Einzelnen, ohne Vermittlung. Vorstellungen über Götter können indes in konkretem Erleben gründen, fußen dabei auf Bildern etwa der zweiten Hypostase (der geistigen Vielheit) – wie im neuplatonischen Denken. Die Abstraktion zu einem höchsten Prinzip als theistische personale Gottheit hingegen ist die unvollständig gefaßte Vorstellung zum Sein in seinem einzigen Prinzip.

Volkmann-Schluck über den Neuplatonismus: “Der Geist darf nicht Eide aus sich heraussehen, sondern muß sich selbst in die Einheit hineinsehen, um das zu s e i n, was er sieht. Was dem Nicht-Geist da erscheint, das ist eben das ungegenständliche Nicht-sein alles gestaltgebundenen b e g e g n en d e n Seienden: das umwelthaft In-sich-selbst-sein selbst, in dessen Anwesenheit die Zweiheit getilgt ist. Das Sein zu diesem vollendeten Einen ist die vollendete Seinsganzheit der zu sich selbst gekommenen Seele, das vollkommene Sich-in-sich-hineingesehen-haben.”

Die Summe dieses Vorgangs beschreibt die Heiligkeit (als Feinstofflichkeit) – hiervon hängt Welt selbst ab und darüber hinaus Gottesvorstellungen von wesenhaften Entitäten innerhalb dieser. Der Gottesgedanke ohne das Heilige sei keine Religion. Das Heilige ohne Gottesgedanke aber umso mehr!

Das Heilige, selbstreflexiv

Max Weber verbindet in seinem Charisma-Konzept die Reflexion auf die Bedeutung des Heiligen für das Gelingen individueller Lebensführung mit der Rolle, die es in Prozessen der Vergesellschaftung spielt. Webers terminologische Bestimmung des Charismabegriffs stützt sich auf Rudolph Sohms Studien zu den geschichtlichen Grundlagen des Kirchenrechts und Robert Ranulph Maretts Präanimismus. ‘Charisma’ wird Weber zufolge Menschen zugeschrieben, wenn sie über Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen, die in außeralltäglicher Weise erlebt werden, mittels ‘Erweckung’ oder ‘Einfühlung’ eine bestimmte Wirkung auf Dritte ausüben und auf die Begnadung oder Erfüllung durch eine höhere Macht zurückgeführt werden. Einerseits stellt Weber den Charismabegriff in den Zusammenhang einer machttheoretischen Begründung sozialer Kooperation und Ordnung, versteht ihn nämlich als eine bestimmte Form von Gewalt, die es einem Akteur ermöglicht sich im Kampf durchzusetzen und Macht auszuüben. Die Legitimität von Herrschaft trage charismatische Züge dann, wenn sie ‘auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen’ beruht. Freilich erhalte der Charismatiker seine Herrschaft nur durch ‘Bewährung seiner Kräfte im Leben’. Und dazu wird nun andererseits erfordert, daß er an seine Gnadengabe selbst glaubt. Dieser Glaube gründet laut Weber im subjektiven Erleben der Begnadung durch eine transzendente Macht.”
“Allerdings konzediert Weber abseits seiner herrschaftssoziologischen Rekonstruktion der Entwicklung des Charismas dessen Überleben im Privaten. So ist wohl Webers Wort zu verstehen, ‘daß heute nur innerhalb der kleinsten Gemeinschaftskreise, von Mensch zu Mensch, im pianissimo, jenes etwas pulsiert, das dem entspricht, was früher als prophetisches Pneuma in stürmischem Feuer durch die großen Gemeinden ging und sie zusammenschweißte.” (Magnus Schlette)

‘Pianissimo’ der Bezug zur eigentlichen Hinwendung im ontologischen Sinne, da sich der Zugang zum Heiligen nur im Selbst, im kontemplierenden Individuum vollziehen kann. Finden sich die Menschen durch jeweilige Hebung in entsprechenden Kollektiven wieder, hebt sich die Welt, das Sein als solches und überführt sich so zum Noussphärischen. Dieser Vorgang ist dabei nicht an Welt und Weltlichkeit gebunden, sondern überspannt Seinsstufen und Biographien. Selbstredend ist er nicht gebunden an theistische Vorstellungen, und schon gar nicht an Glauben – sondern vielmehr an Tat und Sein.

Volkmann-Schluck über den Neuplatonismus: “Erst im Geist wird der Bezirk erreicht, von dem aus das schlechthin ungegenständliche Sein des Einen zugänglich wird. Sein Innewerden zwingt zum Rückzug des Denkens aus der Vielheit seines Gedachten in eine neue Einheitsdimension von seinsspezifischer Andersheit.”

Wie könnte dieser selbstreflexive Impuls ‘laut’ sein? Wenn zwar höchstens in der Kunde seines Erkannten, dann doch in einer Beschränkung der Wirkung seiner Lautheit durch die Delegation eben in jeden Einzelnen, wiederum zur Einkehr.
Oder: Säkularisierung bietet die Möglichkeit zur Mystik für alle und Bescheidung auf die kleine, private, aber nun wahre Transzendenz, die so aus allen Privaträumen ein Werden Aller werden läßt und so erst Entität wird im Außensinne, nicht zur Personifikation, sondern zu eigentlichem Verfaßtsein dieses Außen als seine Steigerung.

Wiederkehr

Nirgends findet
jener Kraft der
nicht dem Himmel
Wille
Strömung der Geburt
vermacht
und wandellos
stürzt Geist hinab
die Stunde in den Anfang
ihrer Tage und
unverstanden schaut
ein Wesen auf die Hände
seiner Frage nach dem Tod
im Gelände liegt
die Nacht und rot die Klage
einer unbekannten Wiederkehr
und schwer wiegt
ungesühnte Not

Verlust

Und der Gang in
den Verlust an Welt die
Worte höher
als ihr Sein am Rand der Tage
und wer bekennt
den Aufgang aller Mühe
will zur Regung mahnen
daß die Zeit nicht wirklich sei
noch Bild
und bald vergaß was
sie erschuf ein Mensch
der kam herbei ergoß
sich in ein Feld der Tätigkeit
und Scheu
läßt alles unerkannt am
Weg

Art erhellt

Schwer zu messen
die Gestalt aus
Güte bald
und fernem Leib
mit blinden Taten
denn hieraus
ist Welt geworden
und die Art erhellt
und so das All erstellt
der Sinn
an seiner Form soll
Welt erst sein
und schließlich uns
zu eigen werden
daß wir selbst
sind untertan dem Geist
uns fremd

In einer Nacht

In dieser Nacht sind sich die Seelen und die Elektrizität so nah gekommen daß manch anderer es merkte sich wunderte oder schauderte aber den Grund nicht fand mit wem man es zu tun habe obwohl dieser am allernächsten sei unter euch und es habe eine Bruchlinie zu den heiligen Dingen und den Wunsch daß nun Feuer oder Sturm gar Kometen die Götter selber sähen sollten und die Dämonen weichen alle Feinde zu überwinden nur in einer Nacht so leise und knapp daß es unbemerkt uns schlafen läßt zu neuem Morgen und besserem Gebet