Menschenmaß

Hilary Putnam: ‘Wahrheit ist nach internalistischer Auffasung so etwas wie (idealisierte) rationale Akzeptierbarkeit – so etwas wie ideale Kohärenz unserer Überzeugungen untereinander und in Bezug auf unsere Erfahrungen entsprechend der Darstellung dieser Erfahrungen in unserem Überzeugungssystem– und nicht Übereinstimmung mit geistesunabhängigen oder redeunabhängigen ‘Sachverhalten’. Es gibt keinen Gottesgesichtspunkt, den wir kennen oder uns mit Nutzen vorstellen können, sondern nur die verschiedenen Gesichtspunkte tatsächlicher Personen, die verschiedene Interessen und Zwecke erkennen lassen, denen ihre Beschreibungen dienlich sind. ‘ Die damit verbundenen Auffassungen von Kohärenz und Akzeptierbarkeit ‘beschreiben eine Art von Objektivität an etwas, das für uns Objektivität ist – auch wenn es nicht die Objektivität des Gottesgesichtspunkts ist. Was wir haben, sind Objektivität und Rationalität nach Menschenmaß; sie sind besser als nichts.’ ” (H.J. Sandkühler)


Die Gewichtung der gemeinten Gesichtspunkte tatsächlicher Personen ist allerdings – abstrahiert man einmal von grundlegenden physikalischen Evidenzen – nie gleich genug verteilt, um guten Gewissens von einer Intersubjektivität auch der übergeordneten Anschauungsräume zu sprechen. Denn hier bestimmt Einflußmöglichkeit – Möglichkeit zur Multiplikation – die Verbreitung und den Durchsatz der Beschreibung. Man kann einer Akzeptanz und Abmachung dann unterstellen, daß sie eben das Ergebnis genügender Macht und Möglichkeit zur Vermittlung intentionaler Art (oder deutlicher: von Indoktrination) sei. Überzeugung wird ausgerollt, gelenkt durch die Wenigen für die Massen durch mediale Vermittlung. Die mediale Vermittlung – die Mittelbarkeit – erwirkt abseits der schrumpfenden Unmittelbarkeit des Einzelnen dessen (gedankliche und emotionale) Bezugsrahmen, schlicht dessen ‘Umgebung’, seine Realität. Dieser Gang der Minderung und Abhaltung – setzt man ihn als bewußt getätigt voraus – könnte in der Frage nach seiner Verursachung in einer Pyramide der Hierarchien aufwärts verfolgt werden bis zu einem höchsten Weltprinzip eines Ens, das nur Absicht hegt für einen eigenen Vorteil, die den Vielen nicht bekommt, die sie vielmehr ausnutzt und abhält, und das schließlich gar ausgreift ins Metaphysische als universale (‘kosmische’) Geisthemmung und Hinderung, die eine Freiheit ‘zur Werdung’ nicht zulassen will. In Bezugnahme auf eine solche Allgegenwärtigkeit, einen solchen Durchsatz in der Welt könnte man auch folgendes Wort von Gogol verstehen: “Der Teufel dringt durch alle Ritzen”. Die Welt ist wie gefangen unter einem schlechtmeinenden Impetus, ja mehr noch – sie stellt sich überhaupt nur aufgrund dieses Willens als Welt dar, und zwar als schlechte Welt – so wie wir sie erleben und auch manifestieren, dies eben auch wegen den Limitierungen durch die Unterordnung unter einen vermittelten – und sogenannten – Konsens. “Rationalität” und “Menschenmaß” – auch wenn sie guten Willens sind – nehmen nun gar unter den Bestimmungen dieses Prinzips den Charakter einer Privation des Guten an, wenn man sie nicht sogar Adaptionen des Schlechten nennen mag. Wie jeder Gnostiker wissen kann.