All posts by michael-schaffer

Schande

Das Schandhaus im Dorf
ein geschwüriges Herz
schiefe Töterbaracke
hier lebt ihr mit fettigem Schwert
bis zur Oxidation der Mitochondrien
zwecks der Gerinnungsfaktoren für das Gefäßgerinnsel
zur Verkostung pensioniert
das eigene Leben aufzuessen.
Mettwurstjubiliar
Sterbeseminarist
Verkümmerer wie die Anderen
Überschriften -Fetischist
geiler Student
der Todeanzeigen.

Sonntags, damals

Vor Stille gezuckt
in der Hartbank
Kleidung sticht
zuhause an trockener Gardinensonne
verdammter Sänger
blendet Augen .
Gelacht vor Verachtung
Mitleid gehabt mit dem Teufel
(schon früh)
im falschen Ornat
herabtransformiert
zum sterilen Gebet gegen Rußland.
mit staubigem Braten
und Hautkratzen  Violinen
wegen Kult der Phrasen die Opposition.
Kanzelschwätzer
eng am Hals
Sonntagspullover
Kinderglauben vergreist zum Abend
und verflucht für die Nacht

Reflexive Bewegung

Zweifel,Selbstdistanz und Ironie sind elementare Zeichen des Reflektionsvermögens menschlichen Bewußtseins. Reflektion ist die geistige Bewegung zur Scheidung zwischen intelligblem und nicht -intelligiblem Leben, ist konstitutiv für vernunftgeleitete Hirnleistung, für die Absetzung von (unreflektiertem) Subjekt/Objekt-Gleich sein. Sichtbare Stilmittel medialer Kolportage der reflexiven Bewegung und Subjekt-Objekt-Differenzierung durch Selbst-Absetzung sind dabei die Satire, die Karikatur und überhaupt die Humoreske. Sie erst heben den Mensch aus seiner vorzivilisatorischen/vorkulturellen mentalen Dämmerung empor. Und nichts fürchtet ein Dogma, ein Priester, ein Herrscher (und ein Gott) mehr als die Karikatur oder anders gesagt das reflexive Bewußtsein des Einzelnen bzw. Untergebenen (das darüberhinaus gar die Masse ergreifen könnte.)

Zeitliche Religion

Nach der Papstwahl die (deutschmediale) Erwartung von Reform und all dieses kirchenliberale Gerede (niemanden im Ausland interessiert das.) Wenn die Kirche eben “die Kirche” sein will, muß sie schlicht und prinzipiell  ihrer Tradition verhaftet bleiben. Die Alternative wäre die eigene Auflösung.(Die evangelische Kirche hat da schon die Richtung aufgezeigt). Aber:(und da liegt das Eigentliche): Dieses Verharren in dogmatischer Konsequenz ist meinem religiösen Verständnis nach falsch und über dieses Faktum mag eine Intuition der Menge und dazu das unlösbare Problem der Verantwortlichen existieren, denn ihre Lehre ist tatsächlich aus der Zeit gefallen, dem Charakter nach aber keineswegs überzeitlich.
Denn die eigentliche Aufgabe des Religiösen wäre die fortschreitende Durchdringung des vermeintlich profanen Raumes (siehe hierzu mein Artikel “Definition Religion”). Die Auseinandersetzung an der Grenze zur Erfahrbarkeit des Mysteriums evoziert dabei eine zunehmende Ästhetisierung dieses Raumes (und die Ästhetisierung des Raumes vollbringt ihrerseits eine Auseinandersetzung mit dem Mysterium). Das sichtbare kirchlich/europäisch-geschichtliche Zeichen hierfür ist die Kathedrale. Denn die Kathedrale ist in Stein gemeißeltes Abbild, Konservierung des zeitbezogenen Standes eben dieser Auseinandersetzung. Da der tatsächliche Charakter jener aber inkludierend und progressiv, totalökumenisch technologisch/naturwissenschaftlich, erkenntnisorientiert,(nicht erkenntnisverweigernd!) sein muß, ist die Kathedrale als Sinnbild des theologischen Erkenntnisstandes /des Religiösen der Kirche lediglich eine museale/etappenbezogene Abbildung eines zeitgebundenen, unvollständig geleisteten und somit überholten Sakralisierungsversuches.

Metaphysische Schuld

Ein gelehrter Satz aus katholischer Stossrichtung: “die göttliche Wahrheit durchdringen… Die richtige mathematische Analogie ist in diesem Zusammenhang nicht die Asymptote, die sich der Geraden immer weiter nähert, ohne diese je zu berühren, sondern das Polygon, das in einem Kreis eingeschlossen ist. Wir sind immer schon in der ganzen Wahrheit, wie bereits das Dreieck immer schon ganz vom Kreis eingeschlossen wird.” “Wir sind immer schon in der ganzen Wahrheit” – Dies entspricht exakt meiner Ansicht bzw. Überzeugung. Man kann hier diesen Satz von Kant danebenstellen: “Weil in Gott alles Realität ist, mit dieser aber nichts in größerer Harmonie ist, als worin selbst eine größere Realität anzutreffen, so muß die größeste Realität, die einer Welt zukommen kann, in keiner als der gegenwärtigen befindlich sein.” Die Vergegenwärtigung dieser “größesten Realität” (also die Durchdringung des als bruchstückhaft/reduziert/gefallen Wahrgenommenen) kann aber nur durch einen fortwährenden Erkenntnis-Akt vollführt werden. Eben durch vom Subjekt(iven) ausgehende Vergewisserung und Erweiterung des Subjektiven (Ich, Umgebung, Natur, Erde, Kosmos, Sein allgemein) zum objektivierten totalen eigentlich Seienden, – in dem wir uns eben bereits befinden- zeit-und ortlos, entsprechend der Qualität der eigentlichen Realität. Ich kann aber nach wie vor überhaupt nicht sehen, wo gerade die christliche Lehre, die den Glauben (nicht das Erkennen), das Geführt -Werden, die Demut, ja Unterwerfung unter die Gnade und Bereitschaft zu Erlösung durch ein noch über dieser natürlichen (eigentlich ja einzigen) Ordnung stehenden Agens “Gott” proklamiert, diesen eigenverantwortlichen Erkenntnisakt, der vom Selbst ausgehend zur Selbstvergegenwärtigung des Letzten fortschreiten soll, in irgendeiner Art postuliert. Im Gegenteil sehe ich gerade durch christliche Offenbarung, Bibeltext, kirchliches Dogma und Glaubenspraxis (Ritus) Verhaftung im Uneigentlichen und nach Menschen-Belang ausgerichtete Ausschmückung, die den wirklichen Zusammenhang zum Unmittelbaren (im Sinne des Wortes!) verstellt. Vielleicht kann man in diesem Kontext auch kurz Hegel heranziehen: (aus Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie) Er sagt da: “Wir stehen hier im Christentum. Vom Christentum aus hat sich die Philosophie wiederherzustellen. Im Heidentum war die Wurzel des Erkennens die äußere und subjektive Natur: das Selbst, dann dieses als selbstloses Denken. Die Natur hat positive, affirmative Bedeutung gehabt, ebenso das innere, natürliche Selbst des Menschen, ebenso das Denken; alles dieses war daher gut. Die Wurzel der Wahrheit im Christentum hat ganz anderen Sinn; es war nicht nur Wahrheit gegen die Götter, sondern auch gegen die Philosophie, gegen die Natur, gegen das unmittelbare Bewußtsein des Menschen. Die Natur ist da nicht mehr gut, nur ein Negatives; das Selbstbewußtsein, Denken des Menschen, sein reines Selbst, alles dieses erhält eine negative Stellung in dem Christentum. Das Selbst soll aufgehoben werden, es ist unmittelbare Gewißheit; die Natur hat keine Gültigkeit, Interesse. Himmel, Sonne, die Natur ist Leichnam.” Die Natur aber ist ja eben kein Leichnam, sondern  Emanation der höchsten Realität, zwar ist sie durch die menschlich- perzeptive Begrenzung subjektiv verstellt (vergleiche im Hinduismus die Maya -Konzeption oder die Dimensionenmodelle der Stringtheorie der Quantenphysik) aber eben zuletzt durch Durchdringung/durch Rationalisierung vom Subjekt aus erfahrbar.
Neben dem Begriff der Rationalisierung muß zur Durchdringung auch die Erfahrung der Unmittelbarkeit, also die mystische Erfahrung herangezogen werden -oder besser: Die Mystifizierung des Erfahrbaren, die Erkenntnis-Teilhabe am Mysterium des Unbenannten. Mysterium und Ratio schließen sich gar nicht aus, sondern die gesteigerte Erfahr-Fähigkeit füllt das Mysterium im Gegenteil aus und belebt dies erst. Dies führt nicht zur Entzauberung oder Profanisierung, sondern zum Leben des Mysteriums. Von christlicher offizieller Warte ist dieser Anspruch meiner Meinung nach nicht artikulierbar, denn ich sehe ebendort einen unlösbaren Widerspruch zwischen dem Proklamat nach Durchdringung einer “inhärenten” göttlichen Wahrheit und einem objektivierten (entrückten) christlichen Gott, zwischen mit einer Durchdringung zwingend einhergehenden (freilich relativierenden) Subjekt-und Naturbejahung und christlicher Weltverneinung, zwischen Unmittelbarkeit der Göttlichkeit, die prinzipiell genau gar nichts (als dem Selbst) bedarf und irreführendem, falsch verhaftetem dogmatischem Ballast und Regelwerk der Kirche. Hier leite ich meinen eigentlichen Vorwurf an die christliche Lehre her. Nicht die historische Verfehlung (auch die), aber zuallererst die spirituelle Verfehlung bildet meinen Anwurf: Die christliche Lehre beraubt die Natur und den Menschen ihres bzw. seines ursächlich transzendenten Wesens, verlagert die Deutung des Gottesraumes (die Kantsche höchste Realität) “geographisch” in einen von uns entrückten Himmel (über dem Kreis des Eingangszitates steht dort eben doch noch eine geometrische Figur, ein Dreieck mit einem Auge nämlich, und das ist falsch!), und die Natur bleibt als Hegels Leichnam zurück. So nimmt sie dem Menschen die Bestimmung und Potenz seines eigentlichen Seins. Und “mehr Schuld” geht eigentlich nicht.

Bestand März (13)1

Abends an der Strasse wieder schwarze Tiere
nachts Augentropfen verabreicht  für Jesus
nachmittags -Warten auf die Rotkehlchen
sterben ja
auch
aber nicht heute
Rufe in den resonanzleeren Raum
sinnloses Mantra
Schneereste Rost diesesmal nicht an den Koppeln
mein Hund ist tot
endwinterkalt an den Buchenfeuern
jemandes Atmung fiel aus
und seine Asche in den Schnee
hier Eritrea  Weihrauch
amor fati
Tibetbuch  Bilder vom Bardo
meiner Uhr ist kalt

Schlachter

Da hatte er die ersten Jahre beim Schlachter verbracht die prägenden mit der Rückseite der Axt zwischen die Augen fast im Akkord geschlagen weil sein Dienstgeber den Töterkolben sparen wollte um in der Kneipe besser zu trinken wobei dann dieses eine Schwein bei Gott das hätte tot sein müssen das war aus dem kochenden Trog um die Schwarte zu lösen geflohen was ihn die Jahre bis heute noch sprachlos ließ und schon wenig später verfuhr er ganz ähnlich mit seinen Schäferhunden als man sie schwanzwedelnd weil sie nichts verstanden zum Steinbruch verbrachte um sie dort zu erschiessen und wo sie selbst da noch nicht sterben wollten abermals die Axt umso härter niederschlug in deren flehende Stirn.
Später dann auf den Reisen den gewissen sagten die Mädchen in gebrochenem Deutsch er wolle immer nur wie ein Hund mit ihnen denn mit den heimischen Frauen ließ sich derart so einfach nicht verfahren nicht einmal deftig kochen zu Sonntag wollte die Letzte daß er am Schluß lieber darbte im Weinberg bis zum Schlag um danach endlich alleine und das nicht grundlos mit seinem Leben ins gedunsene Gesicht gezeichnet allgemeiner stummer Abneigung wenn nicht Verachtung ausgesetzt in seinem Zimmer mit dem Geruch nach Fleischwurstharn und dem trüben Blick nach Draussen einhändig Konservendosen zu öffnen und zu warten–zu warten offenbar auf mich denn
seit ich ihm unwirsch begegne hat er mich merkbar in sein Herz geschlossen

Frontkämpfer

Und dafür war er Frontkämpfer mit Orden im Osten und als Lagerüberleber aus dem Schutt und dem Frost dann zurück um am Schluß als Herr Knöllchen verlacht wie versehrt an den Heizkörpern zu leben und zu vertrocknen an den Augen und den Mädchen mit der Gattin die beleibt wie besorgt darum schaute daß er nicht zu bald an der Sauerstoffpumpe erfror jeden Tag ein Stück mehr bis zur letzten großen Kapitulation

Definition Religion

Die Entkleidung des Hiesigen von Verstellung und Vorstellung, die Entkleidung des Hiesigen als Vereinzeltes zum Einzigen(Dortigen/Hiesigen/Dies-und Jenseitigen, Zeitübergreifenden), die Auflösung der Vorstellung von unserer subjektiven (aber sensorisch objektivierten) Realität durch Vordringen zu eben dieser im Erkennen einer immanenten Sakralität unseres Raumes durch Transzendierung aller Sinne und Erlangung der perzeptionsüberschreitenden Bewußtheit über diesen Sachverhalt, also eine Rückführung des Entsakralisierten zum Kern des allgegenwärtigen Sanktums durch Überwindung und Erinnerung (und Ästhetisierung des Antiprofanen)–nenne ich Religion.

Entzauberung

Gerne spricht man mit voranschreitender Säkularisierung der Verhältnisse von einer zunehmenden Mechanisierung und Profanisierung (der Welt). In einem passenden Kontext begegnete ich dem Begriff der “Entzauberung”. Dabei hat aber gerade die Pseudorationalisierung des Religiösen durch die christlich-biblische Lehre ganz entscheidend zu einer Entzauberung der Welt beigetragen. Der Zauber, das wahrlich Religiöse im Sinne einer unerklärten metaphysischen Immanenz wird aus Natur und Mensch abgezogen und in einer Projektion auf ein (entrückt) handelndes Prinzip (Gott)rational, die Welt erscheint somit anti-transzendent, dies unter Betonung der Gefallenheit und Gottesferne der Kreation.
Und die Gescholtene? Säkularisierung bedeutet zum Einen nur einen naturgemäßen(evolutorisch-logischen) Schritt zum evolutionär angelegten Wunsch der “Welterklärung”. Zum anderen bietet Säkularisierung aber auch überhaupt die erste Voraussetzung zur Befreiung von verkehrten -allgemeinverbindlich erzwungenen- Glaubensvorstellungen, um so einst einen Weg zu bahnen, auf dem ein Zauber(des zum Transzendenten Rückgebundenen) – dieser nicht zu verwechseln mit einer versachlichten Seins-und Gefühlslage, die sich auf pseudoevidente buchreligiöse Dogmen gründet-einfliessen könnte.