“Die Veränderung der Sinnbedingungen läßt sich wie folgt zusammenfassen: Die Enstehungsphase der Begriffe ‘Säkularisierung’, ‘Religion’ und ‘Moderne’ war dominiert von einer eurozentrischen Perpektive und der Vorstellung von Einheit – damit verbunden Absolutheit und Universalisierbarkeit. Durch zunehmendes Wissen über die globale Heterogenität menschlicher Weltdeutung und Lebensgestaltung, begleitet von einer internen Pluralisierung der europäisch geprägten Gesellschaften und der Internationalisierung wissenschaftlicher Diskurse dominiert dagegen der Eindruck von Vielfalt. In Frage stehen dann ursprünglich hochgesteckte theoretische Ansprüche nach allgemeiner Gültigkeit, Klarheit und Neutralität der Begrifflichkeiten mit der Konsequenz, daß diese sich kontextuell pluralisieren, genealogisch relativieren, Demarkationslinien hybridisieren, hierarchische Unterscheidungen invertieren, daß es nötig wird, teleologische Globalprognosen zu revidieren und die Konzepte schließlich pragmatisch zu prozessualisieren – wenn man am Ende überhaupt noch an ihnen festhalten möchte.”
(Karsten Schmidt)
Fehlt aber der Rekurs auf eine ‘weltökumenische’ und übergreifende wahrlich religiös zu nennende Essenz, dies unter einem von allen geleisteten Verzicht auf die allermeisten ideologisierenden Aspekte institutioneller Religion, geht das eigentlich Religiöse ganz verloren. Ist Religion diversifiziertes Ergebnis oder Ereignis vielfältiger Gesellschaften und Lebensformen und ihrer Belange, wird sie zum lokalen und separaten Ausgestaltungsmodus in einer Tendenz zu Profanität und Eigeninteresse. Religion ohne Bindung an universelle Gesetze und Ansprüche ist ohne spirituelle Autorität, dabei ist es der Geist selber, der bestimmend ist und eben nicht der Mensch und sein Bezogensein in seiner gesellschaftlichen und kulturellen Normierung.
Geistigkeit, hohes Sein, Spiritualität erschließt sich von oben – wandert von oben nach unten ein in sein Medium, in seinen Träger. Angesprochene Pluralisierung indes wirkt perspektivisch und reduktiv auf den Findungsprozeß eines rekursiven Einen.
Zum Gedanken der Einheit oder Einheitlichkeit über die “Konsenstheorie (Einigkeit): Wahrheit ist das, worauf sich eine Gruppe von Menschen unter idealen, vernünftigen Bedingungen einigt.”(Quelle: KI)
Übereinkunft zur Wahrheit, dies unter Auslassung diversifizierender Hinabtransformation ist Voraussetzung zu universeller Hebung.
“Für den spätantiken Philosophen und Begründer des Neuplatonismus, Plotin, ist Wahrheit keine bloße Übereinstimmung von Sprache und Realität, sondern eine ontologische Identität im göttlichen Geist (Nous). Wahre Erkenntnis existiert für ihn nur dort, wo das Denkende (der Geist) und das Gedachte (die platonischen Ideen) absolut eins sind.” (Quelle: KI)
Ohne Wahrheitspostulat keine wirkliche Religion zu einem letzten und höchsten göttlichen Ens-Sein. Die Einlassung von Schmidt vermenschlicht und diversifiziert und reduziert Religion nach unten und denkt sie aus der und in die Defizienz, sie muß aber aus dem Oben aufgenommen und verstanden werden, sonst läge eine Zielumkehr vor. Die zu entschlüsselnde Wahrheit würde sich nach der Unvollständigkeit der mangelhaft Erkennenden ausrichten und sich so selber herabmindern zur Unkenntlichkeit. (Und nur nebenbei gesagt: Genau da stehen wir.)