“Im Humanismus der Renaissance förderte ein neuplatonisches Deutungsschema einen offeneren Blick auf andere Traditionen und auf die Einheit in der Vielfalt, etwa bei Cusanus oder dem florentinischen Humanisten Marsilio Ficino, der Religio umdeutete als ein allen Mensch angeborenes Vernunftvermögen in verschiedener Gestalt. Zunächst nur eine marginale Nebenbedeutung, bestimmte dieser Gedanke im Weiteren wesentlich die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, mit der Vorstellung einer ‘natürlichen Religion’/Religio Naturalis als Vernunftreligion. Die Assoziation mit Vernunft leitete eine Verinnerlichung und Subjektbezogenheit ein, entgegen dem gebräuchlichen Fokus auf die öffentlichen Vollzüge. Zugleich jedoch geriet Religio/Religion ab der Aufklärung auch immer mehr in Konflikt mit der Vernunft.” (Karsten Schmidt)
Dies aber folgerichtig wegen ihrem vernunftwidrigen und somit obsolet gewordenen Rekurs! Der Verweis auf die Vernunftreligion muß schließlich – vernunftbedingt – die herkömmliche religiöse Überlieferung überwinden. Und es wäre absurd, die Vernunft selber aus dem Fokus der Religion auszuschließen! Es stellt sich seit dem Vernunftpostulat nicht die Frage nach der Interpretierbarkeit der überlieferten Bücher, es stellt sich vielmehr die Frage nach dem Ernst und Wirkungsgrad der Vernunft, nach dem Inhalt und Herkunft und Mechanismen der Kanonisierung jener ihren Beständigkeitsanspruch nicht weiter aufrechterhalten können.
Zum Thema der Vernunft bei Kant:
“Kernbereiche nach Kant
Theoretische Vernunft (Erkenntnis)Funktion: Strebt nach der absoluten Wahrheit und den großen Zusammenhängen.
Problem: Sucht Antworten auf Fragen, die die menschliche Erfahrung übersteigen.
Grenzen: Gott, Seele und die Unendlichkeit der Welt lassen sich damit nicht beweisen.” (Quelle: KI)
Nun soll dies jedoch nicht die Abwehr des Religiösen als solches implizieren! Die Suche nach Antwort beschreibt ja die Überschreitung einer (Erfahrungs-) Grenze – die alleine die Vernunft nicht zu beschreiben fähig ist, denn Vernunft als Signum geistigen Vollzuges soll zur Klärung der Daseinsbedingungen führen, was schließlich ihre Findung als ein Transzendentes meint, was somit erst zur – echten – religiöse Bestimmung erhoben werden kann.
In diesem erweiterten Dasein wird schließlich die Identität von Denken und Sein als eigentliche Vernunftbestimmung offenbar, dies aber meint eine Bestimmung zum – etwa neuplatonischen – Nous (ich nenne dies: das gehobene, feinstoffliche Sein). Man kann somit auch sagen: Diese religiöse Bestimmung per se ist das Resultat menschlicher Daseins-und Vernunftentwicklung. Vorher ist Religion nur aus der Ferne, aus der Erzählung. Die Ferne, gar der Widerspruch der Vernunft zur Religion entsteht nur auf Grundlage der (proklamierten) ontischen Trennung der menschlichen tiefen Disposition und einer absolut inhärenten religiösen Wahrheit, die in globalem Ausmaß noch der Findung unterworfen zu sein hat.