“Im Zuge dieser Veränderungen im Bereich der institutionalisierten Religionsgemeinschaften ist zweitens eine facettenreiche Transformation des Religiösen zu beobachten, denn religiöse Symbole und Sprachspiele wurden in den vergangenen Jahrzehnten in viele andere Bereiche übertragen. Weltweit finden sich Anleihen bei religiösen Traditionen, wie ein Blick auf das Leben vieler Gesellschaften oder die pseudo-religiöse Inszenierung politischer Ereignisse oder Musikevents zeigt. Gerade dadurch entstehen im transformierten religiösen Feld neue Varianten von Religiösität. Aus dieser Perspektive läßt sich das Verdunsten der traditionellen Religion genauso beobachten wie ihre Transformation in globale Populärkultur oder neue Livestyle-Formen. Die Adaption buddhistischer Elemente in den globalen Esoterikmarkt ist in dieser Hinsicht nicht nur ein europäisches Phänomen. Die semantischen und symbolischen Potenziale der Religionen prägen im Zuge dieser Transformationen kulturelles Leben der Weltgesellschaft, ohne aber dezidiert als Religion wahrnehmbar zu sein. Dies gilt für viele Länder weltweit, in denen sich unterschiedliche Mischformen kultureller Religiosität herausgebildet haben.” (Michael Reder)
Prinzipiell geht es im eigentlich religiösen (besser: spirituellen) Vollzug um die Immanentisierung wahrer, aber unentfalteter intrinsischer Verhalte, die zur Verwirklichung drängen.
Der Buddhismus indes wurde explizit zum europäischen und nordamerikanischen Interesse. Hier scheint kulturell bedingt eine gegebene Empfänglichkeit zum Idealismus angelegt zu sein.
‘Zur Esoterik’ läßt sich sagen: Sie wird oft im Kontext von Verflachung oder gar betrügerischer Absicht genannt. Zu welcher Tiefe sind aber je die konditioniert-unreflektiert Gläubigen hergebrachter Religion vorgedrungen, geschweige denn zu welcher (ethischen) Konsequenz in ihrem alltäglichen Sein und Handeln? Und wurde nicht allzeit institutionell wie individuell betrogen?
Auch in der Minderung des Esoterischen zum massenkompatiblen Gestus ist noch Hebung verortbar, nämlich dann, wenn durch Mikro-Transzendenzen Resonanzen des Menschen mit seiner inneren und ‘sakralen’ Anlage erzeugt werden können. Die Verbindung mit dogmatisierten Schriften der institutionellen Religionen indes muß künstlich und aufgesetzt erscheinen, da jene als entfernte Kolportage außerhalb des Unmittelbarkeits-Radius nicht mit dem transzendenten Gestus der Seele selber resonieren können. Gegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit erst ermöglichen Näherung zum Selbstprinzip und (s)einem überraumzeitlichen Habitus.
Immanentisierungen sogenannter Mikro-Transzendenzen, die gerade von kirchlich-institutioneller Seite als pseudoreligiös bezeichnet werden, können hingegen Hinweise auf Selbstvollzüge echter Rückbindung aus dem Gegenwärtigen verkörpern, die eben aus sich selbst heraus wesenhaft zur Entfaltung zu streben haben.