“Die kulturelle Ausdifferenzierung der Religion steht religionsphilosophisch betrachtet allerdings wiederum in einem Spannungsverhältnis zum absoluten Geltungsanspruch, den Religionen meist erheben. Auch dies ist eine wichtige Einsicht für die Säkularisierungsdebatte, die aus der Analyse weltgesellschaftlicher Entwicklungen gezogen werden kann. Gleichzeitig ist die Tatsache, daß religiöse Botschaften Menschen über Kulturen und Zeiten hinweg ansprechen, ein Hinweis darauf, daß Religionen nicht nur an Kultur gebunden sind, sondern auch einen universalen Anspruch implizieren. Weder läßt sich also eine als universell verstandene Wahrheit vollständig losgelöst von ihren kulturell partikularen Darstellungsformen betrachten, noch sind die jeweils in einer Kultur formulierten religiösen Wahrheiten so abgeschlossen, daß sie in einer anderen Kultur nicht vermittelbar wären. Diese Einsicht spricht sowohl gegen einen falsch verstandenen Universalismus als auch gegen die Auffassung, daß Religionen oder Kulturen einander nicht verstehen können.” (Michael Reder)
Die Einsenkung einer höherrangigen, ‘religiösen’ Einsicht geschieht und geschah zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Kultur indes hat der Transzendenz zu folgen, lebenspraktisch aber stellt sich dies zumeist gegenteilig dar, so daß die Religion der Kultur unterworfen ist; diese entfremdet sie, da ein ursächlich Erlebtes, Transzendentes ihr als solches nicht lebensweltlich zu fassen ist. In der bedingten, eingefärbten Umschreibung wird Transzendenz geschmälert, in der Schmälerung gar affirmiert als wäre jenes das Eigentliche, dabei aber will dieses von seiner Umgebung abstrahierend ganz ausgesprochen sein. Seine Ursächlichkeit wird verdünnt und entfremdet durch Bewußtseinsstände in Ritus und Symbol und Verschriftlichung sowie durch die Figürlichkeit der einschlägigen Bildsprachen. Krishnamurti sagt: “The truth is a pathless land”. Es existiert ein unendliches Land aber jenseits des menschlichen Verständnisses, jenseits seiner Kultur, dabei doch zugleich auch immer hier, in der nächsten Nähe Aller. Durch die Ablösung der kulturellen Einkleidung oder mythischen Einstellung (Entstellung) könnte sich das Transzendente erst in seiner wahrlich wesenhaften Ansicht zeigen. Die Kultur hat sich nun gemäß dieser sich für die Menschenwelt evolvierenden Rückbindung zu entwickeln und so über sich hinauszuwachsen, sonst erstarrt sie in konservativ-musealer Verfasstheit und wird sich selber lebensfremd im Nicht-Vollzug -denn Vollzug ist auch ihr inhärent -,sie bliebe stagnant ohne ihr ursächliches, drängendes, charismatisches und somit evolutorisches Element.
Der Stand der Einsicht in den Grund befördert Kultur, die Kultur aber muß sich fortentwickeln, um genügend Einsichtsvermögen für die Fassung des Transzendenten zu ermöglichen. So bedingen sich Kultur und Transzendenz auf gewisse Art durchaus, wobei die Transzendenz im Worte trägt, daß sie es ist, die alles endlos überragen muß und jene Kultur die fortschrittlichste genannt werden soll, die hierzu am ehesten Schritt hält.