Religion und Wissenschaft

“Aus der Überlegenheit der Wissenschaft … folgte … keineswegs zwingend, daß sie nun das Erbe der Religion in Gänze antreten oder all ihre Funktionen erfüllen könne. Im Grunde, so Malcolm Hamilton, bestehe kein grundsätzliches Konfliktverhältnis zwischen beiden Sphären, da Religion und Wissenschaft nach verschiedenen Dingen frage. Während die Wissenschaft nach den empirischen Zusammenhängen in der Welt suche, frage die Religion nach dem Sinn, der Bedeutung, dem ‘letztlichen Warum’ dieser Sachverhalte – eine Position, die im Kern schon von Weber entwickelt wurde. Zwar hat nach Hamiltons Ansicht die Wissenschaft tatsächlich zu einem Niedergang der Religion beigetragen. Dieser läge aber nicht an einem unhintergehbaren Konfliktverhältnis. Vielmehr habe die Kirche in spezifischen Auseinandersetzungen wie bspw. um die Stellung der Erde im Sonnensystem zu sehr auf schriftlich fixierten Doktrinen beharrt, anstatt empirische Evidenzen anzuerkennen. Diesen Kampf habe sie verlieren müssen, was aber das grundsätzliche Verhältnis zu den Wissenschaften nicht berühre, solange die Religion ihre eigentliche Weltsicht beibehalte und daraus resultierende Fragestellungen und Doktrine immer wieder ‘modernisiere’.”
(Thomas Schmidt-Lux)

Wissenschaft ist Begrifflichkeit für ein deduktives, evidenzsuchendes Tätigsein des fragenden Menschen in der Zeit, aus seinem Stand, aus seinem grundlegenden Impetus, das Dasein zu erklären und das große Rätsel seiner Existenz zu entschlüsseln. Während die Religion dies als das Unerklärbare in die Obhut eines entrückten, übergeordneten Ens legt (und so eben nicht nach dem Warum fragt!), kündet die Wissenschaft wie von allein von der Selbsttätigkeit (des Geistes) und legt in sich selbst den Beweis zu ihrer Notwendigkeit, dies nämlich zuletzt als Notwendigkeit des Menschen nach seiner tieferen Anlage – seiner geistigen/spirituellen Dimension eben – des Geistes (in summa, in allen Entitäten), um grundhaft zu sich selbst zu gelangen. In dieser Bewegung, in diesem stufenartigen Voranschreiten aber wird sukzessive das Unerklärbare erklärbar gemacht.
Wissenschaft ist dann insofern religiös – genauer: gnostisch zu nennen, wenn man ihr solche hochliegenden Ansprüche und Aspirationen zuzusprechen gewillt ist. Sie wird hier religiöser als Religion im Herkömmlichen, da sie so die Rückbindung an transzendente Wirklichkeiten beim Wort nimmt, indem sie nämlich nicht tatenlos erbittet und dabei die Verhalte ungeklärt im anderen Ens beläßt, sondern selbst erwirkt, ihr Schicksal der Verbundenheit zur Klärung der Daseinsbedingung fühlt und ernst nimmt und immanent entrollt.

Heisenberg: “Am Anfang der abendländischen Kultur steht die enge Verbindung von prinzipieller Fragestellung und praktischem Handeln, die von den Griechen geleistet worden ist. Auf dieser Verbindung beruht die ganze Kraft unserer Kultur auch heute noch.”

Der später eingeführte Theismus aber fungiert hier als ‘Gatekeeper’ -gemäß einem Wort aus dem Apokryphon über die Pharisäer, die vergleichbar sind den Hunden, die auf dem Rindertrog liegen, aber selber nicht fressen wollen.