“Friedrich Tenbruck verwies darauf, daß durch den wissenschaftlichen Fortschritt zwar die sachliche Umwelt des Menschen kontrollierbarer gemacht wurde, keineswegs aber die immer bestehende doppelte Unsicherheitslage des Menschen – gegenüber äußeren Bedingungen und inneren Zielen und Trieben – aufgehoben sei. Vor allem aber habe die Wissenschaft inzwischen selbst darauf verzichtet, absolute Wahrheiten aufzustellen und stattdessen Erkenntnis an Perspektivität gebunden. Zudem habe sie eingestanden, ‘zur Aufstellung irgendwelcher normativer Anweisungen, irgendwelcher letzter Werte, irgendwelcher legitimer Ordnungen nicht in der Lage’ zu sein. Damit muß sich zwar heute, so Tenbruck, jede Religion am Wissenschaftsstand ihrer Zeit messen lassen, da sie sonst Gefahr laufe im gesellschaftlichen Abseits zu landen. Trotzdem seien die Quellen des religiösen Bedürfnisses nicht versiegt und gingen nicht allein in einer kognitiven Dimension auf. Nicht zuletzt deshalb, weil ‘das Bedürfnis zu wissen, was für den Menschen gut und böse, wahr und falsch und welche Ordnung richtig und sinnvoll ist, sich nicht aus der Welt schaffen’ ließe.”
(Thomas Schmidt-Lux)
Ich sehe indes in der “Kognition” – als Begrifflichkeit für jene geistigen Prozesse, die mit der Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen zusammenhängen – etwas, was nach Erschließung strebt, was Erschließung der ganzen – uns zwar hiesigen, aber dennoch verborgenen – Dimensionalität implizieren kann; und somit impliziert sich hier wie von selbst ein Streben zu der Wahrnehmung des Geistigen, Feinstofflichen, Höherdimensionalen. Kognition führt sodann zu Transzendenzstufen und repräsentiert bald Weg und Zugang zu höchstem Werden. Kognition erschöpft sich dabei begrifflich nicht in der Sammlung von Daten, sondern hat innengeleitet einen zukunftsgerichteten Impetus zur Erhellung und Erklärung – nämlich dessen, was bisher der Erklärung harrt, und somit besteht hier der Nexus zur wissenschaftlichen Suche. Man kann auch sagen: Ein zukunftsgeleiteter Begriff des totalen Einsichtig-Seins wird schließlich ein Synonym für einen Transzendierungswunsch – zur Gewahrwerdung der Inhalte nicht im begrenzten Sinne unseres jetzigen Verständnisses von Kognition als Angelegenheit des Mens, sondern noch weit darüber eines spirituelles Seins und seiner ganzen Definitionskraft unserer Bedingung, denn über dieser ist überhaupt nichts anderes existent. Ganze Kognition -im erweiterten Sinne des Begriffes – ist zuletzt totale Gegenwart des ganzen Ens in sich selbst.
Zudem Volkmann -Schluck über den Neuplatonismus: “Die denkende Wirksamkeit des Geistes ist das Wirklichsein des Seienden.”
Und somit: “Die Denkbewegung trifft nicht auf einen schon vorhandenen Anblick auf, sondern gleich-ursprünglich mit der Denk-Tätigkeit bildet sich die Anblickhaftigkeit, in deren Anschauung der Geist er selbst ist.”
Hierin das “religiöse Bedürfnis”: Der Mensch als Teilhaber dieser Wegweisung folgt diesem unabdingbaren inneren Impetus, sein ganzes Handeln ist von solchem latenten Streben erfüllt (bzw. erfüllbar). Religion und Wissenschaft heben sich so als ein Antonym auf, vielmehr sind sie Teil einer gesamten Bewegung der Bewußtwerdung und Erschaffung. Hier wäre hergebrachte Schriftreligion eher als teilhaft der nun rudimentären und (teil-)obsoleten Wissens und-Gewissenssammlung des menschlichen Geistes in einer evolutionären Bewegung zu bezeichnen. Man kann auch verkürzend behaupten: Religion ist von heute betrachtet verwaister Klärungsversuch, ist Symbol, Spekulation und Chimäre wie zur Propädeutik späterer Wissenschaftlichkeit, wie wir sie heute eben zu verstehen haben.
Das neuere, von Tenbruck als Kontraindikation genutzte Diktum, daß Erkenntnis an Perspektivität gebunden sei, dient gerade somit zur Beweisfähigkeit des Anspruches des inneren Ens als natura naturata zur Welt- und Transzendenzbildung.