“Nicht nur der religiöse Glaube, sondern auch das philosophische Wissen muß Leo Strauss zufolge in seinem Verhältnis zur Politik neu bedacht werden. Die Analogie besteht daher zunächst zwischen Philosophie, die für Strauss ihre eigentliche Gestalt in der Philosophie Platons hat, und Religion. Beide stellen die Frage nach der richtigen Lebensführung und der guten Ordnung und verorten die Antworten darauf in einer transzendenten Quelle, in Gott, bzw. im Guten, die zunächst nur Ausnahmegestalten, dem Propheten und dem Philosophen zugänglich ist. Mit Bezug auf die Politik stehen Philosophie und Offenbarungsreligion allerdings in einem unaufhebbaren Widerstreit, da sie die Frage nach der richtigen Lebensführung – durch die strikte Ausrichtung am offenbarten Gesetz und durch die Einsicht in die Natur des Guten – unterschiedlich beantworten.
Die säkulare Moderne entledigt sich der Religion und der Philosophie sowie ihres Widerstreits, indem sie jeden Transzendenzbezug in politischen Fragen ablehnt. An dessen Stelle treten der szientistische Rationalismus der politischen Wissenschaft und die egalitäre Moral der Aufklärung. Diese negieren oder verdrängen zugleich den eigentlichen Grund der Politik, der ein anthropologischer ist und aus der ‘Gefährlichkeit und Gefährdetheit’ bzw. der moralischen Bosheit des Menschen resultiert. In dieser liegt nämlich die ‘Herrschaftsbedürftigkeit’ des Menschen begründet, die nicht bloß nach der Unterscheidung zwischen Freund und Feind verlangt, sondern nach der Rückbindung der Politik an ein autoritatives Wissen um die richtige Lebensführung. Nicht der Wille und die Entscheidung, sondern allein ein ‘integres Wissen’, das sich ‘nicht aus der konkreten politischen Existenz heraus’, aus der Situation des Zeitalters, sondern nur vermittelst des Rückgangs auf den Ursprung, auf die ‘unversehrte nicht korrupte Natur’ ausbildet, kann die Grundlage für eine legitime Politik liefern.” (Francesca Raimondi)
Wegen der Veranlagung im Menschen: Der Rekurs wird ersatzreligiös aufgeladen, verbindet sich zudem mit immanenzbezogenen Aspirationen nach Weltumspannung als Hervorbringung althergebrachter religiöser Systeme in ihrem Absolutheitsanspruch. Welches System hier weltlich-politisch am wirksamsten (am dominantesten und restriktivsten) aufzutreten vermag, gewinnt weltpolitischen gewünschten Einfluß über die Welt also selbst und gar über den Geist, den er zu ihrem Belange aber degradiert. Da solche Religion aber irrig und wahrheitswidrig ist (in Betrachtung dieses Ziels und ihrer Inhalte, die weder verstandes- noch evidenzgemäß haltbar sind), verstellen sie den Rekurs auf die wahre Autorität des transzendenten Ens und seiner wesenhaft geistigen freien Bezüge zur Hiesigkeit, und somit verstellen sie ‘Weltentwicklung’. Säkularisierung im Sinne eines szientistischen (naiven) Realismus sowie theistische Schriftreligion stehen gleichsam als Hindernis im Weg echter Findung einer Verursachung und Verortung eben über ein in der Welt-Sein als transzendentes Sein. Nicht nur die religiösen Dogmen, sondern auch die Gegenbewegungen hierzu wirken in diesem Sinne negativ zu diesen Findungen, da sie beide Autorität bilden und in ihrer Dominanz den Blick verstellen und verbieten für einen dritten Weg, der von Identität spricht und daher schon immer aus sich selber weiß. Diese Verortung und Evidenz aus sich bedarf prinzipiell nicht der Wissenschaft, aber die Wissenschaft wird ob ihrer Unabdingbarkeit sie nachvollziehen (müssen), so wie die Philosophie sie geistig nachvollzieht über die Zeit. Freilich ist heute keine Autorität in Sicht, die die in endlosen Entitäten verschieden gestuften Bewußtseinsstände in diesem (zielhaften) Sinne ordnet und lenkt.
Volkmann-Schluck sagt über den Neuplatonismus: “Deshalb konstituiert der Nous eine sekundäre Stufe neben dem Guten, nicht im Sinne eines Unterschiedes zweier Seiender, sondern als zwei wesenhaft unterschiedene Seinsdimensionen, sofern der Nous den Unterschied vom Guten hat, d.i. nicht das unangewiesene Selbstsein des ‘Noeton selbst’ ist, vielmehr dieses begreifend sich selbst in Vieles auseinanderdenkt.”
Die Seele als diesseitsbezogene Veräußerung des Nous ist es also, die sich gar nicht anders als verhalten kann als zum Grund. Die weltliche Entäußerung (und so die Kreation von Welt) obliegt aber per se ihrer falschen Blickrichtung, und ihre richtigen Beweggründe stellen sich in der Welt also falsch zur Ansicht und sollen in ihrer Defizienz überwunden sein. Im Tiefen weiß sie hierum und kann sich daher selber Autorität werden.