Immanentisierungen

“Die radikale Gestalt einer…Versperrung des Transzendenzbezuges in der Politik ist für Eric Voegelin die Moderne. Kennzeichen der Moderne ist es gerade, den Ort der Transzendenz durch bestimmte innerweltliche politische Instanzen zu besetzen. Der Eintritt in die Moderne bedeutet nicht den Wegfall religiöser Bindungen, sondern eine Veränderung der Besetzung des religiösen Glaubens. Dieser wird zunächst mit Hobbes auf die Idee einer absoluten und ursprünglichen Macht gelenkt, um dann die Gestalt der modernen Ideologien anzunehmen. Diese bezeichnet Voegelin daher auch als ‘politische Religionen’ und schreibt ihnen eine gnostische Anlage zu: Ideologien immanentisieren die Heilserwartung zum Versprechen eines kommenden menschlichen Zeitalters. Die Konsequenzen einer solchen Verschiebung sind politisch verheerend; das kommende Heil wird zu einem ‘Realissimum’, zu dessen Erlangung die Menschen ‘in das unpersönliche Nichts ihrer Instrumentalität’ degradiert werden können, so wie es in den totalitären Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts der Fall gewesen ist.” (Francesca Raimondi)

Das Problem ist ja nicht die Immanentisierung – nebenbei: auch die Religionen, obwohl das Heil außerweltlich verortend, waren hierzu gerade innerweltlich wirksam, und dies durchaus mit negativsten Implikationen. Die Schwierigkeit nun der Immanentisierung liegt in der Übernahme des Bild vom Eschaton aus der Religion in die Welt als ein disruptiver vehementer Akt, der nur als plötzliche, also anti-evolutionäre Ermöglichung und Vollendung zum Heil vorgestellt wird.
Anders etwa der Platonismus, der in seiner Ansicht der Eins-und Heilwerdung gar keinen Zeitfaktor kennt und nicht geschichtlich denkt – obwohl sich Geschichte gerade somit selber er-denkt, indem sie ‘individualistisch’ evolutionär durch die Werdung im Einzelnen wirkmächtig wird, was jedoch im idealistischen Bild nicht von hohem Belang ist, denn Zeit und Raum (Raumzeit = Welt) meinen Abschattung des Eigentlichen, wenn nicht Illusion. Es ist nur das eine Ens, das aus der Vielheit zurück zu sich kommt – die Welt (die Raum-Zeit) aber dabei abstreift.
Die Verheerung durch die Immanentisierung liegt nun gerade in der Unvorbereitetheit des Menschen bei gleichzeitiger Erzwingung des selbstformulierten und verkürzenden Heilsbegehrs. Daher auch sind die Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts nicht gnostisch oder zumindest nur rudimentär gnostisch zu nennen, sie sind eben außerhalb der Möglichkeit zunehmender Erkenntnis wegen der gefertigten – und irrigen- Zielvorgabe und ihrer zwanghaften Erwirkung.
Gnosis hingegen meint einen universal-evolutionären Prozeß zur Seins- und Sinnbestimmung, meint eine sukzessive Enträtselung des Seinszweckes durch Erhellung aller Bedingungen und Bezüge, dies zwangsläufig zur Überwindung der Welt (als eben irrige Hervorbringung eines irrigen Schöpfer-Ens). Immanenz der Transzendenz heißt so Entkleidung des einzigen Seins seiner (Welt-)Zusätze, die verstellend wirken. Die Immanenz der Transzendenz, die hier von Voegelin angesprochen ist, redet indes von Immanenz als jenseitiger Täuschung, von der man meint, ihr in der Profanität erst zu einem wahren Angesicht verhelfen zu können.