Unbedingtheit und Hier

Dorothee Sölle antizipiert den…naheliegenden Einwand, Gott unterschiedlos in die Immanenz zu überführen, und hält dementgegen ausdrücklich an der Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz fest. Allerdings räumt sie ein, daß diese Unterscheidung unter den Bedingungen der Moderne ‘nur noch in verwandelter Form aufbewahrt bleiben’ könne und fordert in einer an Luhmanns ‘Wiedereintritt’ erinnernden Figur, ‘den Ort des Unbedingten …als das Bedingte selbst’ zu denken. Der religiöse Glaube, daran hält Sölle fest, schließt eine ‘Transzendenzbereitschaft’ ein. Im Angesicht der säkularen Vernunft nimmt diese allerdings die Gestalt durchaus weltimmanent rekonstruierbarer Größen wie einer ‘Teilhabe am Gesamtzusammenhang’ an.
Dieser Aspekt von Söllens Glaubenskonzeption läßt sich bereits im pragmatischsten Entwurf John Deweys ausmachen, der Religion als einen ‘Sinn fürs Ganze’ begreift. Deweys Konzept ‘natürlicher Frömmigkeit’ bezeichnet das Gewahrsein des Individuums, daß es als Teil eines großen Ganzen agiert und daß es durch ein fortwährendes Geben und Aufnehmen von Einflüssen konstitutiv in seine natürliche und soziale Umwelt eingebunden ist. Seinen symbolischen Ausdruck findet ein solcher religiöser Glaube nicht in dogmengestützen Riten einer institutionell verfassten Religionsgemeinschaft, sondern im ‘Leben der Gemeinschaft’.” (Annette Pitschmann)

Das ganze, das gesamte weltliche Außen tritt mir indes sinngemäß entgegen als Stand meines Bewußtseins. Ich bin dabei nicht allein geworfen, sondern auch natura naturans aus dem Einen. Dies heißt, in meiner Entwicklung geschieht auch Entwicklung des Alles, und das Ziel ist die Aufhebung seiner (zuletzt imaginären) Trennungen. Das ‘Leben’ der Gemeinschaft meint eigentlich eine Intention zum Rückgang auf das Eigene zum Einen in einer rudimentären Form, nämlich in der sozialen Begegnung eindeutig differenzierter Entitäten; zur Einung aber ruft das einzig Eine in mir hindurch durch die Vielheit der weltbezogenen Manifestation – die Vielheit der Welt soll aufgelöst sein durch Handlung und Schau in dieser ‘Durchsicht’. Dies indes ist keine Frage eines Glaubens, sondern von Haltung und Tat. Immanenz und Transzendenz fallen dabei in eins, weil im Hiersein somit zugleich Überwindung des Hier impliziert ist.
Der ‘Sinn fürs Ganze’ läßt sich so nicht etwa in der Gemeinde oder der religiösen Zusammenkunft realisieren, sondern in der eigenen Gewahrwerdung des einzigen Ens, das durch und in allem wirksam ist. Dies ist dann nicht christlich zu nennen, sondern pantheistisch, panentheistisch, panpsychisch, monistisch… Ich bin und ich werde, und dort, wo alles in einem ist, ist keinerlei Vermittlung, kein Subjekt, kein Objekt, kein Gott noch Götter, sondern nur das einzige Eine, das zu sich kommt aus der Vielheit in die Einsheit. So stellt sich der ‘Ort des Unbedingten’ nicht ‘als das Bedingte selbst’ dar, sondern besser gesagt ist das Bedingte nur die Verstellung der absolut immanenten Unbedingtheit.