Ausgang zur Bestimmung

“Die Relativierungsthese sieht …im Aufkommen fundamentalistischer Bewegungen in modernen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts eine Rückkehr der Religion, die auch bis auf weiteres nicht aufzuhalten sei. Die Rückbesinnung auf konstruierte Traditionen und ein vermeintlich goldenes Zeitalter der Religion im Gegensatz zur zeitgenössischen Apostasie sei weit davon entfernt, zur Moderne quer zu stehen, sondern stelle vielmehr eine Reaktion dar, die von modernen Bedingungen abhinge, sich auf diese beziehe und sich auch in ihren Deutungen aus ihr speise.” (Julien Winandy)

Dies hieße, Säkularisierung bringe den Fundamentalismus hervor, was nur insofern stimmt, als diese in Absetzung zum Religiösen selbige in ihrer Ernsthaftigkeit so definiert.
‘Die Rückkehr der Religion’ meint dabei, daß es der Moderne nicht gelang, den Religionsbegriff in die Moderne zu überführen, daß sie nicht ein -allgemein bildendes und bindendes – Telos formuliert, das modern und religiös zugleich ist. Vielmehr meint Säkularisierung Exklusion und Entbindung, ebenso wie Fundamentalismus, der seinerseits Gegenbewegung zur Säkularisierung meint; und diese Logik oder Dialektik läßt sich nur in vertikaler Weise verlassen: Beide sind Seiten eines einzigen zu überwindenden Sachverhaltes – nämlich der Abgabe und Verkennung der Identität des (Da-) Seins. Das Seins- Telos, das zum wahren Religiösen treibt, liegt außerhalb beider Beschreibungen: Es ist moderner und vor allem tiefer, als die Moderne selbst es vermag und zugleich von transzendenter Kraft und Beteiligung, die in ‘fundamentalistischer’ Religion gar nicht angesprochen wird.
Bei Platon heißt lernen erinnern. Die Moderne nun ermöglicht dies Lernen (zur Modernisierung) in nie gekannter Weise. Zugleich ist die restriktive Hinderung der Erkenntnisfähigkeit durch religiöse Dogmen zurückgewichen. Die Gegenwart zeichnet so die Möglichkeit, sich immer weiter voranzubringen, bis sie einmünden könnte in den Stand der Enträtselung unserer (transzendenten) Abkunft. Nur dies ist eigentlich religiös zu nennen: Der Ausgang zur Bestimmung, dies überhaupt unter Anerkennung einer Bestimmung (dabei auch empirisch, wissenschaftlich evident-werdend). Die Überwindung der Befangenheit innerhalb einer Dialektik aus anachronistischer Schriftreligion wie naivem Szientismus zu einem umfassenderen, wahrlich transzendierenden Gedanken der Daseinserhellung und Hebung ist erste Vorrausetzung zu dieser Findung.