“An dieser Stelle schlägt die moralische Objektivität des Gebotenen in die Subjektivität eines Bedürfnisses der Vernunft um: Die Vernunft bedarf der Annahme, daß das Gebotene wirklich werden kann. Das Bedürfnis ergibt sich aus der conditio humana, daß wir Menschen endliche moralische Vernunftwesen sind. Könnten wir nicht annehmen, daß es möglich ist, das höchste Gut zu verwirklichen, wären wir nach Kant einer destruktiven moralischen Verzweiflung ausgeliefert. Der Glaube an die Möglichkeit der Wirklichkeit des höchsten Guts impliziert für Kant wiederum den Glauben an einen moralischen Welturheber und die Unsterblichkeit der Seele, die beide Bedingungen der Möglichkeit der Verwirklichung des höchsten Guts sind. Es ist wichtig festzuhalten, daß für Kant Gott nicht an der Stelle in der praktischen Vernunft wichtig wird, wo gefragt wird: ‘Warum soll ich so-und-so handeln?’ Hier wäre ja die Antwort: ‘Weil Gott es so-und-so gebietet.’ Vielmehr antwortet Kants philosophische Theologie aus praktischer Vernunft auf die Frage: ‘Warum überhaupt moralisch sein?’ Kant zufolge können wir auch ohne Gott und nur auf der Grundlage unserer praktischen Vernunft zu gerechtfertigten moralischen Überzeugungen gelangen. Die Frage nach dem Sinn davon, sich als moralisches Vernunftwesen zu verstehen und sein Leben danach auszurichten, ist mit der rationalen Rechtfertigung der moralischen Überzeugungen aber noch nicht beantwortet.”
Was ergibt sich daraus für den Glaubensbegriff? Glaube als Habitus, nicht als Actus ist die moralische Denkungsart der Vernunft im Fürwahrhalten desjenigen, was für das theoretische Erkenntnis unzugänglich ist. (…) Der Glaube (schlechthin so genannt) ist ein Vertrauen zu der Erreichung einer Absicht, deren Beförderung Pflicht, die Möglichkeit der Ausführung derselben aber für uns nicht einzusehen ist.’ ” (Sebastian Maly)
Dies muß vom Einen her gedacht werden: Der Glaube an die Möglichkeit der Wirklichkeit eines höchsten Gutes ist nicht bloß als Folge einer Annahme zu betrachten, sondern als Implikation einer innersten Wirklichkeit, die gewahr wird. Das Eine sieht sich in der Brechung und zuletzt durch die Brechung zu sich selbst zurück. Je höher das Bewußtsein hierfür, desto mehr kommt es in der Brechung zur Deckung mit sich selber, mit seiner Ursprünglichkeit. Angelegt aber ist dies Prinzip – und sei es noch so rudimentär – in allen Entitäten, die folgerichtig über entsprechenden Seelenanteil verfügen.
Dies Gerichtetsein ist eigentliche Vernunft und meint Sein, Art und Haltung zu Welt und Selbst. Der unbewußte Ausdruck hierfür spiegelt sich lebensweltlich in Manifestation und Erhalt der Art, im geistig Fortgeschrittenen indes im Wunsch nach geistiger Konsolidierung, Entwicklung und Überwindung. Beides dient einer Perpetuierung, die erst Evolution – also Fortschritt (=Rückemanation) erwirklicht.
Die Wirklichwerdung des Gebotenen ist daher Vernunft-Habitus des Einzelnen zur (einzigen) Bestimmung.