Säkularisiert und enthusiasmiert

“Der enthusiasmierte Blick aufs Endliche werde dessen Teilhabe am Unendlichen gewahr. Die Selbstbildung des religiösen Menschen bestehe in der Kultivierung eines Lebensvollzugs, in dem er seine Begabungen in dem Bewußtsein ausbilden soll, dadurch an dem Facettenreichtum teilzuhaben, durch den sich das Unendliche dem Betrachter erschließt. Mit dieser Unendlichkeitskonzeption trägt Schleiermacher wesentlich bei zu der ‘ontologischen Differenzierung’ des Heiligen ‘in ein unerkennbares, nur in seinen Wirkungen erfahrbares Sein und den Wirkungen, durch die es sich phänomenal manifestiert’, die Ulrich Gaier als Teilaspekt des modernen Säkularisierungsprozesses bewertet hat. Säkularisierung heißt hier ‘Ablösung von Vorstellungskomplexen der überlieferten christlichen und auch altestamentarisch-jüdischen Kultur, die durch diese Verweltlichung eine Umdeutung erfahren.” (Magnus Schlette)

Mit anderen Worten ließe sich sagen: Eine Heiligung der Welt, eine Begegnung mit unendlichen Dingen – im ‘symbolistischen’ Sinne- bedarf der Initiative der Selbstexploration – nun ohne buchreligiöse Chiffren. Säkularisierung wird so zur Selbstermächtigung, aber eben genau über den Zugang zum Heiligen -Säkularisierung wird so Voraussetzung zur Sakralisierung, die in Unmittelbarkeit und Hiesigkeit ‘verborgen’ liegt. Die religionsspezifische Abscheidung des Heiligen zu Gott aber meint(e) auch immer eine Entheiligung der Welt.
Von einer Re-Sakralisierung indes ließe sich sprechen, weil die Welt einst durchweg magisch wahrgenommen wurde. Sie ist es heute selbstredend nicht minder- kein Fortschritt hindert dies. Eher ein falsch verstandener Fortschrittsglauben etwa im Jasper‘schen Sinne eines Aufklärichts kann Säkularisierung und Profanität zwanglos in Eines setzen. ” (Aufkläricht als übertriebenen Rationalismus, Verstandesglauben oder ein Vernünftlerisches. “Karl Jaspers unterschied scharf zwischen ‘wahrer’ Aufklärung und einem verflachten ‘Aufkläricht’. Während wahre Aufklärung Vernunft und Menschlichkeit verbindet, ist ‘Aufkläricht’ eine Überhöhung des bloßen Verstandes ohne ethische Tiefe.” (KI)

Heisenberg gibt als Physiker Einblick in eine durchaus sakrale Implikation tiefer Wissenschaft: “…die Frage, ob die kleinsten Einheiten gewöhnliche physikalische Objekte sind, ob sie in gleicher Weise existieren wie Steine oder Blumen. Hier hat die Entwicklung der Quantentheorie vor etwa 40 Jahren eine völlig veränderte Situation geschaffen. Die mathematisch formulierten Gesetze der Quantentheorie zeigen deutlich, daß unsere gewöhnlichen anschaulichen Begriffe nicht in unzweideutiger Weise für die kleinsten Teile gebraucht werden können. Alle die Wörter oder Begriffe, mit denen wir die gewöhnlichen physikalischen Objekte beschreiben, wie etwa Lage, Geschwindigkeit, Farbe, Größe usw., werden unbestimmt und problematisch, wenn wir versuchen, sie auf die kleinsten Teile anzuwenden.
… Wenn dieses so ist, gibt diese Antwort den Ansichten Demokrits oder Platos recht? Ich glaube, die moderne Physik hat an dieser Stelle definitiv für Plato entschieden. Denn die kleinsten Einheiten der Materie sind tatsächlich nicht physikalische Objekte im gewöhnlichen Sinn des Wortes; sie sind Formen, Strukturen oder – im Sinne Platos – Ideen, über die man unzweideutig nur in der Sprache der Mathematik sprechen kann.”

Die Welt und der Mensch darin ist konstituiert aus dem Pre-Materiellen, dem Nous – das Dasein ist magisch (paraphysisch, gestaltgebend, verbunden) , enthusiasmiert sich in individuellem substanziellem Sein ohne Gott und versetzt sich so in die Lage zu seinem tatsächlichen transzendenten Grund.