“Der Gegenstand dieser Ehrfurcht sowie alles, worin er sich manifestierte, werde als Macht vorgestellt ‘demanding of him the fruits of Awe, namely respect, veneration, propitiation, service’. Diese Macht bezeichnet Robert Ranulph Maretts unter Rückgriff auf einen melanesischen Ausdruck als ‘Mana‘. Dabei handele es sich um eine konstitutionstheoretische, keine normative Kategorie, die… auf Erfahrungen referiere, die grundlegender seien als die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Mächten und ihrer Ausdeutung als Geister oder Götter zwischen Magie und Religion.
Marett hat die Religionsentwicklung als symbolische, institutionelle und praktische Ausdifferenzierung von Vorstellungen dieser übernatürlichen Macht aufgefasst, als ein Verhältnis primordialer religiöser Erfahrungen und ihrer Artikulation, das von präanimistischen Ausdrucksgestalten bis hin zu den Geistvorstellungen des philosophischen Idealismus reiche. Seine Theorie ist in der Religionsforschung Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts von William James über Max Weber und Emile Durkheim bis Rudolf Otto, Nathan Söderblom und Gerardus van der Leeuw breit rezipiert worden. Sie alle stellen das Erlebnis einer transsubjektiven Macht ins Zentrum der Religion, unterscheiden sich aber durch die theoretische Einbettung dieser gemeinsamen Grundvoraussetzung.” (Magnus Schlette)
Jene ‘transsubjektive Macht’, jene urreligiöse Erfahrung ist präanimistisch, ist schamanisch (dies sind freilich bildevozierende Begriffe, die ihrerseits eine Zeitlichkeit oder Zeitenzugehörigkeit assoziieren lassen), und diese Macht ist als urreligiöse Empirie konstitutiv für alle Religions-Systeme im Sinne dogmatisierter Weltanschauungssysteme, die folgten. Alle diese Systeme führen dabei auf ihre eigene Art fort von einer ihnen selbst inneliegenden Eigentlichkeit. Hingegen der Platonismus und so der Idealismus rekurrieren enger – nun als Philosophien – auf dieses Wissen des Eigentlichen, das zu fernen Zeiten Erfahrungsweisen – wenn auch der Wenigen – beschrieb. Sie versuchen im Prinzip, das einst lange Bekannte – dann nur Geahnte – in einer umgekehrten Deduktion – einer Induktion vom Einzelnen zum Allgemeinen als logisch plausibel darzulegen – sie theoretisieren somit das schlechthin Erfahrene und bleiben so im Kern gewissermaßen urreligiös, und bis zu Hegel vermag jener fern nachklingende Eindruck einer solchen Ur-Empirie die philosophische Form religiös zu grundieren oder zu ‘unterminieren’ und ihren Impetus an tiefer Ahnung oder Gewissheit auszurichten. Ist aber der urreligiöse Nukleus ein wahrer, ist entsprechend auch diese Ahnung von (letzter) Evidenz.
Die eigentliche Erfahrung aber – die so ewig widerhallt durch alle Zeiten und Kulturen – beruht vordringlich auf dem Entheogen oder der (meditativen) Introspektive, also einer innerlich erreichten Seinswirkung, die das Außen – als Welt – deklassiert zu einer Seinsart zweiter Ordnung. Daher sollen später hierauf bauende idealistische Konzepte mehr sein als deskriptive und deduktive Philosophien, sie müssen sich vielmehr in der Wahrnehmung ihrer Verursachung selbst auf diese Verursachung zurückführen (können) – logisch/ rationalisierend, aber eben auch lebensphilosophisch und teleologisch. Und so: Die ganze ‘Religionsentwicklung’ muß zurückgedacht und eingerollt werden zu einer Ursprünglichkeit, die sich von allen verstellenden Dogmen der bekannten Systeme befreit. Das Ende der Religion führt zu ihrem Anfang und das meint transzendierendes, transzendentes Sein, meint Rückkehr. (Dies auch der letzte Zweck aller Philosophie!)