“Auch Nathan Söderblom, dessen Auffassung von Ursprung und Verlauf der Religionsgeschichte derjenigen Ottos verwandt ist, beruft sich ausdrücklich auf Schleiermacher, wo er schreibt, der Gottesgedanke ohne den Begriff des Heiligen sei keine Religion. Der psychologische Ursprung der Heiligkeitsvorstellungen scheine die ‘geistige Reaktion auf bestürzende, erstaunliche, neue und erschreckende Ereignisse’ gewesen zu sein. Heiligkeit werde in einem bedeutenden Strang der religionsgeschichtlichen Entwicklung ‘zur persönlichen Eigenschaft der Gottheit und des Menschen’ umgedeutet, und diese Entwicklung wiederum ‘durch eine unabhängige sittliche Verfeinerung begünstigt’. Trotz seiner Höherbewertung der Prophetenreligionen hielt Söderblom wie Otto daran fest, daß Gottesvorstellungen psychologisch nicht konstitutiv für die Konzeption des Heiligen seien.” (Magnus Schlette)
Sie sind es nicht, da die Heiligkeit schon vor den Göttern existierte. Die Heiligkeit als Gegebenes ist existent ohne die Beschreibung des Menschen. Die Beschreibung meint dann Übersetzung und zur Massentauglichkeit Symbolisierung, Institutionalisierung und so Entfernung. Das Unfaßliche aber ist nur wirksam im Vollzug und Erleben des Einzelnen, ohne Vermittlung. Vorstellungen über Götter können indes in konkretem Erleben gründen, fußen dabei auf Bildern etwa der zweiten Hypostase (der geistigen Vielheit) – wie im neuplatonischen Denken. Die Abstraktion zu einem höchsten Prinzip als theistische personale Gottheit hingegen ist die unvollständig gefaßte Vorstellung zum Sein in seinem einzigen Prinzip.
Volkmann-Schluck über den Neuplatonismus: “Der Geist darf nicht Eide aus sich heraussehen, sondern muß sich selbst in die Einheit hineinsehen, um das zu s e i n, was er sieht. Was dem Nicht-Geist da erscheint, das ist eben das ungegenständliche Nicht-sein alles gestaltgebundenen b e g e g n en d e n Seienden: das umwelthaft In-sich-selbst-sein selbst, in dessen Anwesenheit die Zweiheit getilgt ist. Das Sein zu diesem vollendeten Einen ist die vollendete Seinsganzheit der zu sich selbst gekommenen Seele, das vollkommene Sich-in-sich-hineingesehen-haben.”
Die Summe dieses Vorgangs beschreibt die Heiligkeit (als Feinstofflichkeit) – hiervon hängt Welt selbst ab und darüber hinaus Gottesvorstellungen von wesenhaften Entitäten innerhalb dieser. Der Gottesgedanke ohne das Heilige sei keine Religion. Das Heilige ohne Gottesgedanke aber umso mehr!