“Max Weber verbindet in seinem Charisma-Konzept die Reflexion auf die Bedeutung des Heiligen für das Gelingen individueller Lebensführung mit der Rolle, die es in Prozessen der Vergesellschaftung spielt. Webers terminologische Bestimmung des Charismabegriffs stützt sich auf Rudolph Sohms Studien zu den geschichtlichen Grundlagen des Kirchenrechts und Robert Ranulph Maretts Präanimismus. ‘Charisma’ wird Weber zufolge Menschen zugeschrieben, wenn sie über Eigenschaften und Fähigkeiten verfügen, die in außeralltäglicher Weise erlebt werden, mittels ‘Erweckung’ oder ‘Einfühlung’ eine bestimmte Wirkung auf Dritte ausüben und auf die Begnadung oder Erfüllung durch eine höhere Macht zurückgeführt werden. Einerseits stellt Weber den Charismabegriff in den Zusammenhang einer machttheoretischen Begründung sozialer Kooperation und Ordnung, versteht ihn nämlich als eine bestimmte Form von Gewalt, die es einem Akteur ermöglicht sich im Kampf durchzusetzen und Macht auszuüben. Die Legitimität von Herrschaft trage charismatische Züge dann, wenn sie ‘auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen’ beruht. Freilich erhalte der Charismatiker seine Herrschaft nur durch ‘Bewährung seiner Kräfte im Leben’. Und dazu wird nun andererseits erfordert, daß er an seine Gnadengabe selbst glaubt. Dieser Glaube gründet laut Weber im subjektiven Erleben der Begnadung durch eine transzendente Macht.”
“Allerdings konzediert Weber abseits seiner herrschaftssoziologischen Rekonstruktion der Entwicklung des Charismas dessen Überleben im Privaten. So ist wohl Webers Wort zu verstehen, ‘daß heute nur innerhalb der kleinsten Gemeinschaftskreise, von Mensch zu Mensch, im pianissimo, jenes etwas pulsiert, das dem entspricht, was früher als prophetisches Pneuma in stürmischem Feuer durch die großen Gemeinden ging und sie zusammenschweißte.” (Magnus Schlette)
‘Pianissimo’ der Bezug zur eigentlichen Hinwendung im ontologischen Sinne, da sich der Zugang zum Heiligen nur im Selbst, im kontemplierenden Individuum vollziehen kann. Finden sich die Menschen durch jeweilige Hebung in entsprechenden Kollektiven wieder, hebt sich die Welt, das Sein als solches und überführt sich so zum Noussphärischen. Dieser Vorgang ist dabei nicht an Welt und Weltlichkeit gebunden, sondern überspannt Seinsstufen und Biographien. Selbstredend ist er nicht gebunden an theistische Vorstellungen, und schon gar nicht an Glauben – sondern vielmehr an Tat und Sein.
Volkmann-Schluck über den Neuplatonismus: “Erst im Geist wird der Bezirk erreicht, von dem aus das schlechthin ungegenständliche Sein des Einen zugänglich wird. Sein Innewerden zwingt zum Rückzug des Denkens aus der Vielheit seines Gedachten in eine neue Einheitsdimension von seinsspezifischer Andersheit.”
Wie könnte dieser selbstreflexive Impuls ‘laut’ sein? Wenn zwar höchstens in der Kunde seines Erkannten, dann doch in einer Beschränkung der Wirkung seiner Lautheit durch die Delegation eben in jeden Einzelnen, wiederum zur Einkehr.
Oder: Säkularisierung bietet die Möglichkeit zur Mystik für alle und Bescheidung auf die kleine, private, aber nun wahre Transzendenz, die so aus allen Privaträumen ein Werden Aller werden läßt und so erst Entität wird im Außensinne, nicht zur Personifikation, sondern zu eigentlichem Verfaßtsein dieses Außen als seine Steigerung.