Vernunft, Lenkung

“Gewissermaßen überbietet Taylor also methodisch den Postsäkularismus der modernen Gesellschaftstheorie, indem er die Idee der Vernunft selbst transzendental-hermeneutisch zu einem Erfahrungsexistenzial des Glaubens umwertet.” (Michael Kühnlein)

Vernunft ist nicht als Sache des Glaubens zu betrachten, sondern als ein dem Menschen Wesenhaftes seiner innersten Anlage oder Verfasstheit zur eigenen Entwicklung und Werdung. “Bei Platon ist die Vernunft (Logistikon)  der höchste, herrschende Teil der Seele, beheimatet im Kopf. Sie strebt nach Wissen, Weisheit und der Schau der Ideen. Ihre Aufgabe ist es, den mutartigen Teil (Wille) und das Begehren (Triebe) zu lenken, um innere Harmonie, Gerechtigkeit und ein tugendhaftes Leben zu ermöglichen.” (KI)
Glaube indes – wie von den traditionellen Religionen gefordert – engt den Geist (mind, spirit) ein, kaserniert die Vernunft, denn diese drängt ja aus ihrer Anlage in ein Wollen – und auch sie muß dabei entwickelt sein – und in summa drängt sie zielgerichtet zum Fortschritt im Erkennen, und hier stößt sie sich wie automatisch am als irrig erkannten Dogma; dieser Prozeß ist ein individueller, der aber kollektiv geschichtsmächtig werden kann. Wie zum Beispiel solcher Auflehnung sprach Parctelaine bereits für die Zeit des ‘ketzerischen’ Katharismus als einer Gegenbewegung zum “unsinnigen und unerträglichen Joch der Klerisei ”.
Indes ist jeder Fortschritt -nun lebensweltlich gemeint – ein ‘Nebenprodukt’ wachsender Erkenntnis zur Bestimmung, die eigentlich immer transzendierenden Charakter zu noussphärischer Umfassung meint. Die Verletzung oder Überbietung des Dogmas hingegen (hieran ist die Vernunft eben anteilig) meint die Möglichkeit zur Werdung überhaupt.
Vernunft ist das Prinzip der inneren Lenkung, das in mir wirkt und das mich bewegt, was von mir stammt und doch gleich einem ewigen Gesetz aus mir heraus drängt, das mir Gewissheit verschafft über meine Anlagen und Bestimmungen.
Die Welt indes ist nicht kontingent, sie ist, wie sie sich darstellt, weil sie sich uns (u.a.) derart vorstellt gemäß des Standes eben unserer Vernunft samt ihrer Lenkungsprozesse. Das heißt: Die Welt ist dort defizient wie desolat wie unsere Verstandesebene, die der Vernunft gerade dort Raum verbietet, wo Restriktion so offensichtlich unsere Möglichkeit beschneidet durch Abgabe an tradierte und dogmatisierte Widervernunft, die sich lebensweltlich in innerer und äußerer Willkür zeigt gegenüber jedem natürlichen Drang zu ihrer Überwindung. Diese Widernatürlichkeit setzt sich nur durch aufgrund erfolgreicher Repressionen gegen die geistige Natur des Menschen und gegen seine entsprechende Lebensmöglichkeit.
Indes wie die Vernunft sich geriert, geriert sich die Dynamik zum Telos (einer Hebung), die die Weltwahrnehmung und somit Welt selbst verändert. Die Durchsetzung der Vernunft – die Durchsetzung der Welt mit Vernunfthandlungen – bewirkt eine Veränderung und Behebung der Welt als obsoletes Bild verkehrter Affirmierungen. Welt aber, wie sie uns im Jetzt erscheint, ist gerade auch mitbestimmt von den Prägekräften und Motiven tradierter Religion, die uns zurückhalten von der Möglichkeit, Welt weiterzuentwickeln.