Ort der Fülle

“Darüber hinaus kann man aus Taylors Hinweisen auf die modale Ähnlichkeit unserer Erfahrungsbedingungen von Vernunft und Glauben auch eine wichtige Kritik an den methodisch-formellen Voraussetzungen der materialistischen Religionsanalytik extrapolieren: Denn vom Standpunkt der hermeneutischen Dekonstruktion aus gesehen sind die gegen Religion mannigfach erhobenen Projektions-, Entfremdungs-, Infantilitäts- und Ideologievorwürfe selbst nur motiviert durch einen in ihren Artikulationen irreduzibel vorgelagerten und nie zur Gänze eingeholten Glaubensanspruch, der wahlweise durch den Glauben an den Menschen (Feuerbach), durch den Glauben an die proletarische Weltrevolution (Marx), durch den Glauben an die Intellektualisierbarkeit von Kultur (Freud) oder durch den unbeirrbaren Glauben an das nachmetaphysische Denken (Habermas) zum Ausdruck gebracht wird.”

“Wir haben nämlich eine Welt verlassen, in der außer Frage stand, daß der Ort der Fülle außerhalb oder ‘jenseits’ des menschlichen Lebens liegt, und ein konfliktreiches Zeitalter betreten, in dem dieser Deutung von anderen Deutungen widersprochen wird, die diesen Ort (in jeweils einer von vielen grundverschiedenen Formen) ‘ins Innere’ des menschlichen Lebens verlagern.”
(Michael Kühnlein)

Das Innere des Menschen jedoch bildet die nächste Verbindung zum Transzendenten, hieraus auch erwächst sein Antrieb, zuletzt zu seiner immanent-transzendenten Bestimmung zu gelangen. Dies bleibt im Säkularen unausgesprochen und unbewußt, aber jenes innere Drängen ist immer vorhanden und bedingt so Erwartungen, die dem nichtsäkularen Bereich entlehnt scheinen, indem sie ihm ganz verwandt von Verbesserung, ja Heilung und Erlösung handeln. Die Problematik der bekannten säkularen Systeme besteht dabei gerade in ihrer zeitlichen Anmaßung zur Einlösung einer nun ganz immanenzbetonten Utopie, die – wie vorher bei den Kirchen – zur umspannenden Erzählung und Kontrolle des Kollektivs übergeht und ‘Ur-Erzählung’ zur Glaubenssache manifestiert und degradiert, da hier ein Beschluß zur Unhintergehbarkeit von (willkürlichen, menschlichen) Setzungen gefaßt ist – dabei nicht von den Vielen, sondern vielmehr von den Wenigen, die von solcher künstlichen Legitimation optimal profitieren können.

“Die erwähnten großen Revolutionen -vor allem die Französische, die Amerikanische und die Russische – konnten vereinfacht gesagt, vor allem innerhalb der großen monotheistischen (in diesen Fällen namentlich der christlichen) Achsenkulturen stattfinden, in denen ein starkes Potential innerweltlicher Transformation vor dem Hintergrund außerweltlicher Ideale gegeben war.” (Julien Winandy über S.N. Eisenstadt )

“Der Ort der Fülle” indes soll besser im Menschen selbst verortet sein, insofern er diese Fülle aus einem ‘Jenseits’ in das ‘Diesseits’ zieht, bis beides zusammengesehen wird zur Einzigkeit einer totalen Gegenwärtigkeit. Dies erscheint utopisch, was aber lediglich Aussagen trifft über den unreifen Bewußtseinsstand aktueller kollektiver, globaler Verfasstheiten.