(Die Vernunft) “vermag im Umgang mit Menschen stets nur ‘halbe Wahrheiten’ ans Licht bringen. Es geht wohl nicht ohne sie, aber allein mit ihr geht es auch nicht (sola ratione numquam sola).
In den von der Moderne verdrängten ‘Weltanschauungen’ jene Anregungen zu suchen, die für die Entdeckung der ‘anderen’ Wahrheitshälfte hilfreich sein können, ist ein nahe liegender Vorschlag. Sollte man also zurückkehren zu den Beständen vormoderner Kulturen, in denen das vermutet wird, was in der neuzeitlichen Vernunft vermißt wid: eine Leben, Denken und Handeln in all seinen Dimensionen integrierende, ‘ganzheitliche’ Orientierung, in der die eigentliche Wahrheit über Mensch, Welt und Geschichte schon enthalten ist? Sollte man sich nicht abwenden von jenen Instanzen, die ein für Mensch und Natur ruinöses, zweckrationales und instrumentelles, auf ein Unterwerfen der Wirklichkeit abgerichtetes Herrschaftswissen verwalten? Ist es nicht an der Zeit, sich um ein Verständigungswissen zu bemühen, das den Menschen wieder zu einem Leben im Einklang mit der inneren und äußeren Natur befähigt? Bergen nicht Mythos und Religion jene Weisheiten, mit denen sich die Grundkonflikte und Reifungskrisen des modernen Menschen kreativ bewältigen lassen? Repräsentieren nicht sie jene kulturellen Bestände, die der Mensch nicht hinter sich lassen darf, wenn er vorankommen will? Sind-De-Säkularisierung und Re-Spiritualisierung von Kultur und Gesellschaft das Gebot der Stunde?” (Hans-Joachim Höhn)
Gerade diese (‘religiös’-)kulturellen Bestände hindern jedoch den Menschen im so gewünschten Vorankommen. Sie eben befeuern zudem unentwegt wesentliche, global agierende Grundkonflikte und zementieren durch ihre widervernünftigte, prinzipiell widerlegte Dogmatik gerade die Reifungskrise zu einem konstanten Normalzustand geistiger und moralischer Defizienz.
Re-Spiritualisierung indes hieße: Vor die Schaffung der religiösen Institutionen – vor die ‘Religion’ – zu gehen.
Und: Nimmt man ewige Wahrheiten an, so sind diese zwar (idealiter) in Offenbarungstexten ihrer Zeit gemäß verklausuliert und mythologisiert auffindbar; es ist aber Aufgabe aller Zeit, Sätze hierüber gerade gegenwarts- und zukunftsweisend auszuformulieren, sie vom historischen Colorit und historisierender Belanglosigkeit zu befreien. ‘Implikationen zur Ewigkeit’ meinen keine musealen Modi einer isolierten ‘theogonischen Phase’ der Weltgeschichte. Und wie etwa die Kathedrale einst Abbild des ihr zeitgenössisch – werkhaft wie symbolisch-charismatisch Möglichen zu übersinnlichen Bezügen darstellte, sollten auch gegenwärtig Manifestationen des Innern und Außen ‘erbaut’ und besprochen sein und so zur Kunde von Standes-und Grenzerfahrung sichtbar werden.
Daß dies ausbleibt zeigt im Heute die unbeachteten Verbindungslinien zum Noussphärischen, und es fehlt umso mehr ein Erleben, das gar gleichauf sein könnte mit den einstigen charismatischen Stiftungsmomenten religiöser Bezugs-Systeme. Diese aber sollen dabei gerade keinen Impetus zur Institutionenbildung mehr aufweisen, sondern es soll vielmehr um das private Extrakt dieses Momentums gehen, das überführt werden muß in das andauernde Dasein des Einzelnen in und zu seiner geistigen Herkunft, dann zum natürlichen Kollektiv, das beginnt, diesen (wachsenden) Stand zu repräsentieren.