“Dort, wo die traditionellen Religiositätsverluste am höchsten sind, leiden die alternativen Religionsformen unter demselben Problem. Ferner können sich die außerkirchlichen Religionen auch zahlenmäßig nicht an den traditionellen messen: Numerisch ist der Zuwachs dieser Bewegungen so gering, daß sie den rasanten Abstieg traditioneller Religion auch nicht annähernd wettmachen können.”
(Julien Winandy)
Dies verwundert zunächst gar nicht, schließlich sind die Bekenntnisse außerkirchlicher Art in aller Regel selbst gewählt, während die Zugehörigkeit zu den traditionellen Religionen ungefragt, also bekenntnislos erfolgt (das Bekenntnis bleibt zumeist auch später aus), somit quasi eine automatische, eine Zwangsmitgliedschaft darstellt.
Am selbstgewählten Bekenntnis also kann sich eigentlich erst abbilden, wie groß der Zuspruch zur ernstgemeinten Religiosität tatsächlich ist.
Dieses Ernstnehmen religiöser Bezüge indes tritt im Einzelnen aus sich heraus nur selten sichtbar hervor, da der Mensch im Gros ganz welt-und lebensbezogen in multiplen Verstellungen zu seiner echten Bestimmung ‘angelegt’ wird. Gerade auch die großen Religionen erwirkten in einer nun gegen sie gerichteten Dialektik in jener Hinsicht Volten und Abkehrungen der Vielen, denn sie haben die Menge durch widervernünftige Repression gegen sich aufgebracht, ihre lebenspraktischen wie geistigen Bemühungen erdrückt wie verteufelt – und nun verteufelt man sie, die dies taten. Die folgenden säkularen Ideologiesysteme (des 20.Jahrhunderts) indes fallen auf den von tradierter Religion bereiteten Boden massentauglicher chiliastischer Erwartung und Konditionierung und kommen daher zu einem verwandten irrationalen Überschlag. Die (post?)säkulare Welt der Gegenwart indes profanisiert den Menschen zum Subjekt, das sich in horizontaler Unorientiertheit, in endloser Kompensation, Zerstreuung und Zeitvertreib als singuläres oder individuiertes Subjekt versteht, sich jedoch als Objekt geriert, das in Wahrheit von einem Wirrwarr von Interessenlagen (zumeist anderer) hin-und hergeworfen wird.
‘Religiosität’ im Herkömmlichen, wie hier verstanden, war und ist in Wahrheit ein Hinderungsgrund zum geistigen Fortkommen und geistigen Finden, das besagt, daß wir Teilhaber sind am unilateralen Prinzip des Absoluten – dies gemäß dem apokryphen Diktum Jesu “Es ist ein Licht in jedem Lichtmenschen” – und daß nur in der naturhaft aufgewachsenen Art geistiger Individuen eine (dann kollektive) Möglichkeit zu wirklicher, so verstandener Religiosität besteht.