Religion und Prägung

“Weiter wird bestätigt, daß der Grad an Religiösität bei den jüngeren Menschen dann am höchsten ist, wenn sie selber in einem religiösen, monokonfessionellen Haushalt erzogen wurden. Auch das spricht gegen das ökonomische Marktmodell: Nicht die Konfrontation mit einem religiösen Pluralismus scheint die eigene Religiösität vital zu erhalten, sondern die feste Verwurzelung in einer Tradition, die einem vom Elternhaus mitgegeben wurde.” (Julien Winandy)

Auf solche Form und Definition von Religiosität weiß Schopenhauer die passende Antwort:
“Obschon dem Intellekt die Form reinen Erkennens angeboren ist, ist es doch nicht der Stoff oder die Materie desselben: dies aber war es, was die Lehre von den angeborenen Ideen, die Cartesius und Leibniz behaupteten und Locke bestritt, eigentlich besagte. Er ist also in Hinsicht auf diese doch eine tabula rasa, ein Blatt weißen Papiers: auf dieses gedenkt die Natur erstlich Bilder zu zeichnen, dann Begriffe zu schreiben, und diese mit immer schärfern und stärkern Umrissen: sie sollen der Leitstern seines Handelns sein.
Nun aber kommt man (unredlicher und schändlicher Weise) im 6ten Jahre des Kindes, und zeichnet mit dicken unauslöschlichen Zügen die Begriffe der positiven Religion auf jene tabula rasa und verdirbt der Natur für immer ihr schönes weißes Blatt: man richtet den jungen Intellekt ab, gegen seine Natur und Organisation, den monströsen Begriff einer individuellen und persönlichen Weltursache zu denken, ferner absoluten Weltanfang u.dgl. m. Dadurch verbaut man auf immer den freien Horizont seines Geistes, versperrt die ihm gegebene Aussicht in die Unendlichkeit der Wesenwelt, verdeckt das Feld der freien Forschung, und verkrüppelt seine Natur, damit sie zur Assimilation des Falschen tauglich werde.