“Löwith knüpft an die an die zuerst von Hermann Cohen formulierte These an, erst die jüdische nachexilische Geschichtsprophetie habe den Sinn für die Zukunft entdeckt und damit den Horizont der Zukunftsoffenheit wie der Zielorientierung in das abendländische Denken eingespeist, das gegenüber dem an zyklischen Zeitstrukturen des Kosmos orientierten griechisch-heidnischen Denken ein echtes Novum bedeute. Einen Fortschrittsgedanken habe es nur (!) durch den jüdisch-christlichen Futurismus geben können, so sehr die Moderne der Geschichtsphilosophie und vor allem einer positivistischen Wissenschaft eine antichristliche Tendenz hervorkehre.” (Jörg Dierken)
Es gibt keinen solchen Futurismus. Die Zukunft ist für die theistischen Erlösungsreligionen determiniert in einem einzigen Endzustand, daher besteht kein Bedarf an einem geschichtlichen Dazwischen, einer Zeitlinie, einem Weg. Im Dazwischen findet Geschichte und Fortschritt nicht statt, denn es geht im Messianismus nicht um ein Voranschreiten, sondern allein um Erwartung.
Dies meint die Heilsbegehr im theistischen Sinne, sie ist prinzipiell passiver, abwartender Art und spricht eben nicht von Fortschritt – nicht geschichtlich, nicht kollektiv, nicht einmal individuell-, sondern nur von einer totalen Erfüllung als Erlösung aus einem völlig anderen Außen eben auch von der Zeitlichkeit. Zwischen Endzustand und Gegenwart indes klafft ein schwarzes Loch, ein unauffüllbarer Abgrund prinzipiell zweckentleerten, unabgeholten Daseins, dessen eigentlicher Sinn Abwarten und Bereitschaft meint. Das Diktum von der Bewährung indes erscheint vage wie umstritten, bleibt zuletzt reiner Glaubenssatz. Wir kennen den Ausspruch des Neuen Testamentes, das Königreich sei nah. Dies sagt, man solle die innere Bereitschaft haben zum ‘Abschied’ aus dem weltlichen Zusammenhang, einem erlösungswürdigen Zustand der nicht überwindbaren Defizienz, denn in diesem ist prinzipiell nichts zu bestellen. Das Fatale (oder Fatalistische): Hier ist kein eigenes Wachstum indiziert, sondern die Affirmation eigener Machtlosigkeit und Abhängigkeit – der Mensch selbst kann schließlich rein gar nichts erwirken.
Zwar hat die hierdurch gezogene ontische Trennlinie des Theismus von Sakralem und Profanen die Welt zum Objekt der Erforschbarkeit erklärt, aber auch diese bleibt zuletzt ohne eigentliches Telos, denn die Ergebnisse oder Errungenschaften bleiben Indikatoren rein pragmatischer, zuletzt kontingenter Gegenwartsgestaltung – und –verwaltung.
Und zum Begriff des Fortschritts die Eingangsthese korrigierend Wikipedia: “Die Fortschrittsidee im heutigen Sinn entstand als eine der entscheidenden Leitkategorien der Moderne erst während der Hochrenaissance.”
Und über Ursprünge des Fortschrittsgedankens in der Antike: “Der Fortschrittsgedanke in der griechischen Philosophie ist kein einheitliches, lineares Konzept, wie wir es heute verstehen, sondern entwickelte sich in einem Spannungsfeld zwischen der Vorstellung von zyklischen Zeitläufen, dem Mythos eines goldenen Zeitalters und ersten rationalen Erklärungen menschlicher Kulturentwicklung. Während viele Denker den Lauf der Geschichte als Kreislauf von Entstehen und Vergehen sahen, gab es dennoch Ansätze, die eine Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen durch Techne (Technik/Handwerk) und Nomos (Gesetz/Ordnung) betonten. ” (KI)