“Die große Umwälzung, die das Ende der Metaphysik einläutet, setzt nun Habermas zufolge bei Hegel ein, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es waren ‘historische, von außen auf die Metaphsik zukommende, letztlich gesellschaftlich bedingte Entwicklungen, die diese Denkform problematisiert haben. Hierin besteht also eine Entsprechung von gesellschaftlicher und und ideengeschichtlicher Dimension des Säkularisierungsvorganges. Zu diesen Entwicklungen gehört eine zunehmende Arbeitsteilung der Vernunft, die den von Weber konstatierten Prozeß der Ausdifferenzierung der Wertsphären, die Trennung von Wissenschaft, Recht und Moral von der Religion reflektiert. Der Aufschwung der erfahrungswissenschaftlichen Methode der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert und die wachsende Bedeutung der formalen Methode in der Moral-und Rechtstheorie im 18. Jahrhundert erschüttern das Erkenntnisprivileg der Philosophie. Ein neuer Typ funktionaler Verfahrensrationalität tritt an die Stelle substantieller Vernunftideen. Die historischen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts bringen schließlich die Zeitlichkeit und Endlichkeit sowie die Kulturabhängigkeit menschlichen Erkennens zu Bewußtsein. Eine komplexer und unübersichtlicher werdende Welt läßt das menschliche Leben in stärkerem Maß als etwas Endliches und Kontingentes erscheinen. Die wachsende Entdeckung der Endlichkeit und Kontingenz menschlicher Erkenntnis führt letztlich zu einer Situierung der Vernunft in Leib und Geschichte.” (Thomas M. Schmidt)
Der Begriff “Metaphysik” geht auf Aristoteles zurück (“ta meta ta physika”, das, was nach der Naturlehre kommt).
Was aber steht hinter der Natur? Die eigentliche oder höhere Ordnung (eben der Natur), und so die Maßgabe tatsächlicher Vernunftorientierung. Metaphysik bezeichnet dann in Abgrenzung zum Religiösen einen rationalisierenden Umgang mit Bereichen des bisher Ungewußten und Unangeeigneten. Insofern widerspricht nichts der Rede von der Diversifikation und Rationalisierung solcher metaphysischen Proklamation und Grundannahme. Der Aufbruch der Moderne in die Rationalität ist ein nötiger Schritt – bewußt oder nicht – zur fortwährenden Transzendierung hiesiger Bestimmungen, die bisher immer nur teilhaft ansichtig sind und daher der Welterklärung nicht genügen. Die ganze Welt aber ist die hohe Welt. Der Ausspruch indes von der wachsenden Entdeckung der Endlichkeit und Kontingenz menschlicher Erkenntnis übernimmt gerade eine religiöse Ansicht, die diese Fähigkeit zur Erkenntnis dem Menschen abspricht und diese Haltung außergeschichtlich manifestiert. Auch so funktioniert Säkularisierung: Die Ohnmachtserfahrung der Offenbarungsreligion wird rational affirmiert und alltagweltlich überführt in ein Dasein ohne (individuelle) spirituelle Teilhabe, ohne Geistigkeit, ohne Zweckrichtung irgendeiner Erkenntnis. Die Ohnmacht besteht hierbei gerade in der Unerreichbarkeit des Transzendenten. Alles wird einst in aller Ferne geschehen, in einem (Gnaden-) Akt des handelnden Gott-Ens. Die einzige Brücke, die so dorthin noch führt, mag ethisches Handeln sein. Dessen Resultat oder Verdienst bleibt in seiner Auswirkung zum eigenen Heil aber im Vagen, bleibt reine Glaubenssache. Durchwirkung des Hiesigen zum Ganzen ist nicht intendiert, ja steht unter ‘göttlichem’ Verdikt.