Mitleiden

Walter Russell: “Frage: Aber erscheint es nicht als unmenschlich, angesichts des Leidens ohne Anteilnahme zu sein?
Antwort: Ganz im Gegenteil. Es ist gottgleich, jemanden von seiner Unwirklichkeit zu heilen, indem man ihm ein gottähnliches Gleichgewicht gibt. Indem wir Anteil nehmen, erkennen wir die Realität des Übels an. In dem Augenblick, in dem Sie das tun und die Realität eines Leidens anerkennen, können Sie dem Patienten nicht helfen.”

In diesem Kontext aber über Schopenhauer: “Schopenhauers Mitleidsethik sieht Mitleid (Mitempfinden) als einzige wahre Grundlage der Moral, die auf der Identifikation mit dem Leid anderer beruht und den Egoismus überwindet, im Gegensatz zu Kants Vernunftethik. Moralische Handlungen entspringen dem direkten Empfinden des Leids des Anderen als wäre es das eigene, wodurch dessen Wohl zum unmittelbaren Motiv wird, was auch Tiere einschließt, da sie leidensfähig sind. Das Kernprinzip lautet: „Verletze niemanden und hilf allen, so viel du kannst“. (KI)

“Im Willen weiß der Mensch sich mit jeder anderen Kreatur verbunden; er ist das einheitsstiftende Prin­zip der Welt. Die Willensmetaphysik erlaubt daher keine wesentliche Unter­scheidung zwischen Mensch und Tier. Die Welt des Bewusstseins und Erkennens ist aus Sicht der Wil­lensmetaphysik nicht das Primäre, sondern das Sekundäre und Abgeleitete.”
“Wenn ich das Wohl eines anderen unmittelbar will und bei seinem Wehe mitleide, als wäre es meines, setzt dies voraus, dass „ich auf irgendeine Weise mit ihm identificirt sei, d. h. das jener gänzliche Unter­schied zwischen mir und jedem andern (…) wenigstens in ei­nem gewissen Grade aufgehoben sei“ (Schopenhauer 1977, Bd. IV, 248). Warum im Mitleid das Wohl und Wehe des einen unmittelbar zum Motiv des anderen werden kann, ist für Schopenhauer das große Mysterium der Ethik.” (Netzwerk Ethik heute)

Bei Russell kommt es in dieser Frage meines Erachtens zur Vermischung zweier Ebenen. Denn in der Realität unserer Lebenswelt ist das Leiden absolut immanent und bedarf daher konkret der Zuwendung – zwar sollte sich alles einst lösen vom Weltsein selbst, jedoch erst nicht im Lebenspraktischen, vielmehr verlangt es hier nach unbedingter Tröstung und Hilfe. Das Leiden, so es uns aus dem Einzelnen anblickt, bindet uns dabei in unsere eigene Leidensart zurück, in ein nun selbst gefühltes Leid, das zutiefst nach Heilung drängt, weil es selbst dasjenige ist in der Zersplitterung, was nach Ganzheit und somit völliger Unversehrtheit strebt. Der Wille Schopenhauers meint indes den äußeren Ausdruck dieses Geistes, der sich zum Sein wendet und – als Weltseele – zur Gestalt, zur Kreatur wird. Dahinter also steht sein einziges und weltentferntes Prinzip, das noch vor aller Ausformung residiert. Mein eigenes Sein wird so in der Tiefe tatsächlich das Sein jedes Anderen, denn es ist nur ein Sein. Daher die Befähigung zur (Seelen-)Resonanz, und je näher ich der Ganzheit bin, desto stärker ist diese zu empfinden.
Die Welt in Gänze von ihrem Leid zu befreien – sie ‘von ihrer Unwirklichkeit zu heilen’ – spricht ‘eschatologisch’ von ihrer Überwindung als Welt als Trug – zum reinen Geistsein. Eine Welt ohne Leid hat dann ganz aufgehört, eine (Welt-) Verwirklichung zu sein. Dies aber impliziert einen globalen (mentalen) und geschichtlichen -man kann auch sagen: utopischen – Bewußtseinsprozeß. In seiner Erfüllung besteht nur die Identifikation mit dem Überweltlichen, in dem das Überweltliche zur täglichen Ansicht wird und alle kreatürliche Illusion in ihrer letztendlichen Nichtigkeit aufgehoben ist. Dieser endgeschichtliche Sprung kann also nicht das probate Mittel zur Kur des akut leidenden Einzelwesens in seiner schmerzensvollen weltlichen Gegenwart darstellen, so es uns konkret gegenübertritt. Leiden – und somit Welt – heben sich nicht auf, indem man ihnen ihr Sein abspricht, sondern indem man moralische Bedingungen und dem Endprinzip der Liebe verwandte Betätigungen schafft, die akut heilen und – hier stimme ich Russell zu – die darüber hinaus eine Perspektive auf (noch ferne) Verwirklichungen totaler Transzendenz andeuten.