Ein Geben und Vermehren

Walter Russell: “Die alte Philosophie lehrte, Selbsterhaltung durch die Kraft des Stärkeren sei das erste Gesetz der Natur. Die neue Philosophie kehrt diese Schlußfolgerung um. Sie lehrt, daß Liebe manifestiert durch das Geben von allem Geschaffenen an das alles Geschaffene- die Grundlage der Schöpfung ist, und daß der Zweck aller schöpferischen Dinge die Selbsterhaltung für den Dienst an der Schöpfung ist. Das bedeutet, daß wir von uns selbst geben, um dem Ganzen zu dienen. Die ganze Natur gibt alles an ihren entgegengesetzten Pol, und der entgegengesetzte Pol gibt in gleicher Weise zurück. Der Mensch muß es genauso tun, und zwar so beständig, wie der Baum von seinen vielfältigen Früchten gibt und vom Himmel zurückerhält, um wiederum seine Früchte zu geben. Die Natur hortet nicht, wie der Mensch es tut – sie dehnt aus. Sie ist unbegrenzt in ihrer Ausdehnung. Je mehr sie sich ausdehnt, umso mehr wird ihr für neue Ausdehnung zurückgegeben. Der Mensch muß es genauso tun.
Wir erkennen nun, daß wirklich alle Dinge in der Natur untereinander verbunden sind und daß die gesamte Natur mit jeder Handlung der gesamten Natur dient. Der gesamte Naturprozess kann in der Idee vom ausgewogenen Dienst durch ausgewogenen gegenseitigen Austausch zusammengefaßt werden.

Für die Kunst:
Es geht auch hier um ein Ausdehnen, ein Dienen, ein Geben und Vermehren:
Kunst ist so Werk am Großen und sucht dabei nicht einfach (etwa ästhetische) Verstetigung, sondern gerade sucht sie den Zugang zum Ganzen durch ein Ungenanntes, Unsagbares, nicht aber im Psychischen und Physischen der Menschenwelt, sondern vielmehr im Momentum der Fremde – im figürlich-Unbekannten wie im unbenannten Gedanklichen – und neigt sich so zu der Art der Vielheit, die die Begrenzungen der Menschenwelt zu übersteigen gewillt ist. Dies durch Ingenium in Vollbringung der Nicht-Konvention und durch Vergessen. Vergessen meint hier ein In sich selber Hineinfinden bei Unterlassung von Konditionierung und Kausalität. Die Gabe für die Anderen besteht darin, hiervon zu enthüllen und zu zeugen zu deren eigenen Gebrauch. Geht der Künstler diesen Weg, kommt er in Fülle zum Resultat aus dem Geistigen, er hat ein ganzes unnennbares, unendliche Feld dorthin geöffnet und bewegt damit den Horizont der Profanität, der durch passive, adaptive und auf alle Hiesigkeit und Pragmatik fokussierte Seinsart definiert ist und öffnet diesen hin zum Geist(igen), zur Zukunft, zur Erkenntnis der höheren Welten, zum eigentlichen und einzigen Zweck und Ziel.