Walter Russell: “Die Zivilisation basiert auf fünf wesentlichen Elementen: Kunst, Religion, Staatswesen, Wissenschaft und Unternehmertum. Von diesen fünf ist nur die Kunst von Dauer, weil ihre Ausdrucksformen in Skulpturen, Architektur, Musik, Malerei und Literatur, ganz abgesehen von Tanz und Drama, auf den ausgewogenen Rhythmen der Natur basieren… Abgesehen von ihren Kunstformen vergehen ganze Zivilisationen und geraten in Vergessenheit. Kunst, das wichtigste und am meisten vernachlässigte Element, ist heute der einzige Maßstab der Weltkultur, denn in ihr allein liegt Gleichgewicht. ‘Alles andere vergeht, die Kunst allein bleibt.’ In dem Maße, wie Regierung, Unternehmenskultur, Religion und Wissenschaft Gleichgewicht finden, werden auch sie zu Maßstäben der Weltkultur werden. Unausgewogene und häßliche Kunst wird nicht überdauern. Sie ist selbstzerstörerisch.
Die Religionen der Welt sind gefährlich unausgewogen, weil die vielen Gründer ihrer zahlreichen Ausprägungen, Glaubensüberzeugungen, Doktrinen und Rituale auf der Suche nach dem All-Einen so viele unmögliche Götter erdacht haben, daß die menschliche Vernunft seit langem dagegen rebelliert. Die neue Hoffnung der Religion liegt in einem besseren Verständnis der Natur, welches die wissenschaftliche Forschung in zunehmenden Maße ermöglicht. Nur ein solches Verstehen wird die vielen Religionen vereinen, und die nun getrennten, konkurrierenden religiösen Gruppen werden ihre vielen abgrenzenden Mauern niederreißen und in einem größeren Verständnis der Natur Gottes ihre grundsätzliche Einheit entdecken.”
Während Kunst und Wissenschaft auf Verbindliches, Verbindendes, allen Lesbares verweisen, nutzt die Religion diese ihr eigentlich ebenso ursächliche Referenz zur Schaffung einer exkludierenden Proklamation und somit auch einer entsprechenden Zugehörigkeit oder Sozietät, denn die Sozietät bildet und richtet sich gerade nach einer Meta-Proklamation, einem Charisma, das ganz zu Beginn einer jeden menschlichen Organisation konstitutiv wirksam ist. So aber betreibt sie die Negation der ‘großen Zusammenhänge’. Die Exklusion – als ‘totale Mitgliedschaft’ (Sloterdijk) beruht dabei nicht etwa auf rechtfertigendem Grund und erkenntnisorientierter Exponiertheit, sondern sie fußt zuletzt auf Verblendungszusammenhängen und vielmehr unlauterer Absetzung. Sie verweist nicht (mehr) auf das Bestehende, das für alle gilt – dieses hat sie vielmehr verloren, sondern ist mit äußerer, spezifischer Erzählung befaßt, die keine – im Sinne des Wortes religiöse – Verbindung mehr zur Eigentlichkeit und der Allgemeinheit aufweist, viel eher aber einer weltlichen und hemmenden (Macht-)Pragmatik dienen kann. Ihr Symbol ist zum Gegenstand des negativen Kultus geworden, ihre (hypothetische) Grundintention ist gehindert, und so hindert sie den gemeinsamen Narrativ vom Fortschritt im Bewußtsein der Erfüllung des (Menschheits-) Telos zum höchsten Dasein. Während Russell einen prinzipiellen Weltethos aus den gegebenen Religionen heraus zu formulieren gewillt scheint, behaupte ich, die Auslassung der hinderlichen Spezifikation der Religionen würde (besser: werde) diese zugleich nachhaltig aufheben.