Subjektiv/objektiv idealistisch

Klaus J. Schmidt: “Zwei wichtige Fundamente der Hegelschen Logik bilden Kant und Platon. Auf Kant zurückgehend argumentiert Hegel: Die Aneignung eines Gegenstandes im Erkennen durch das Selbstbewußtsein kann nicht ohne ‘Veränderung’ des Objekts vollzogen werden. Diese ‘Verwandlung’ aber will Hegel platonisch gedeutet wissen, denn er lehnt eine Veränderung des Gegenstandes ‘an seiner Wesentlichkeit’ ab, vielmehr wird das Objekt im idealistischen Erkennen aus seiner sinnlichen Einzelheit, aus seiner zufälligen Erscheinung in seine Wesentlichkeit, in seinen Begriff, in die Allgemeinheit transformiert, indem das Objekt in seine logischen Bestimmungen übersetzt wird. Doch Hegels Logik gestattet nicht nur eine Vereinigung von Kant und Platon, sondern auch eine Vereinigung von Konstruktivismus und Platonismus.
Vittorio Hösle gelingt der Nachweis der Kompatibilität von Konstruktivismus und Platonismus auf der Basis von Nicolaus Cusanus. Der Mathematiker konstruiert, indem er ‘Strukturen, die er in sich findet’, entfaltet. Nach Cusanus aber sind diese Strukturen vom Absoluten ‘geschaffen’. Der Forscher produziert somit das vom Absoluten geschaffene. Eine ähnliche Position vertritt in der Moderne der Mathematiker Ernst-Eduard Kummer. Kummer bewertet Mathematik nicht nur als Menschenwerk, ‘sondern ebenso als Gottes Schöpfung’, die ‘uns objektiv entgegentritt wie die äußere Natur’.

Zuletzt handelt alles von der Rückkehr des Einen zu sich selbst.
Somit wird hier ein Widerspruch konstruiert, der so nicht existiert: Vergegenwärtigen wir uns die Bedeutung der Logoi im Neuplatonismus: Volkmann-Schluck: “Was die Natur zu einer solchen macht, das sind die Logoi, die Gestaltungsformen der schaffenden Seele, welche die Naturgestalten in das Dasein treibt und als deren individuierte Eide die Natur ist.”
Die schaffende Seele steht im Verhältnis zum Selbstbewußtsein als ihr Lenker in eigener höherer Identität. Im hinduistischen Samkhya etwa ist die absolute Seele (kevala), die an sich – und transzendent – ist, von der empirischen, zur Materie und zum Individuum in Beziehung stehenden Seele (jiva) zu unterscheiden (nach R. Garbe). Insofern erschafft das Selbst die Objekte anhand seiner eigenen transzendentalen Intentionen, indes dem Samkhya nach in Individuen wegen ‘der Verschiedenheit des Werkes’, d.h. der den einzelnen Seelen eigenen moralischen Bestimmtheit. Die höchste moralische Bestimmung repräsentiert die Einsheit, das Eine. Nun nenne man dies Resultat der Instanz – die eigene Veräußerung und die Veräußerung in die Objekt-Welt – objektiv idealistisch oder subjektiv idealistisch: Die Intention ist zuletzt im umfangenden Apriorischen, das sich dann erst diversifiziert. Die Objektwerdung ist somit Sache des Subjektes- nämlich des hohen Subjektes, das aber eben ontisch – auf tiefster Ebene – dem Prinzip der Ego-Seele gleich ist. Die tiefste Ebene ist immer wieder Subjekt in seinem umschließenden Alles-Sein! Die ‘Wesentlichkeit’ als Urform, als Archetypus ist in ihrer Unveränderbarkeit ein Seiendes außerhalb der erlangten transzendenten Erfassung. Ihre Verwirklichung im hiesigen Objekt indes ist zuletzt die Leistung der bewußten gedanklichen Prozesse des Ego – jiva. Das Ingenium der Feinstofflichkeit und hohen Intention ist dann im Objekt ganz übersetzt in die Formsprache der Hiesigkeit und offenbart so nicht mehr ohne weiteres seine ferne Herkunft – die zugleich innerste Herkunft ist.