Kongruenz mit dem eigenen Vermögen

“Vom Deutschen Idealismus ist nur die Geistesgeschichte geblieben, nicht der absolute Idealismus. Der ist an der Diskrepanz von Anspruch und Leistung gescheitert. Für Fichte war Philosophie ‘Wissenschaft der WIssenschaften’, und das nicht etwa im Sinn moderner Wissenschaftstheorie, sondern einer apriorischen Begründung der fundamentalen Theorien sämtlicher Einzelwissenschaften. Hegel sah sie als ein allumfassendes, wiederum a priori begründetes, wissenschaftliches System, sodaß sie, wie er sagte, nunmehr ‘den Namen der Liebe zum Wissen ablegen kann und zum wirklichen Wissen wird’ – eine Aussage, mt der er sich von der großen Tradition europäischer Philosophie verabschiedet, deren Erbe das sokratische Bewußtsein des Nichtwissens war, die selbstkritische Haltung. Für Friedrich Schelling endlich war Philosophie schlicht ‘Wissenschaft vom Absoluten’. Es konnte nicht lange verborgen bleiben, daß der Idealismus diese übersteigerten Ansprüche nicht einzulösen vermochte.” (Franz von Kutschera)

Für Fichte begründet sich Erkenntnis in der Totalität eigener, intrinsischer Potenz:

“Mit Ehrfurcht erfüllt mich die erhabene Bestimmung meines Verstandes. Er ist nicht mehr jener spielende und leere Bildner von Nichts und zu Nichts. Er ist mir zu einem großen Zweck verliehen. Seine Bildung für diesen Zweck ist mir anvertraut; sie steht in meiner Hand und wird von meiner Hand gefordert werden.”

“Zurückziehung des Gemüts auf das Eine, welches der natürlichen Ansicht nimmer kommt sondern mit Anstrengung hervorgebracht werden muß, als Sammlung des Gemüts, und Einkehr desselben in sich selber: und als Ernst …”

“Dieser tiefsinnende Ernst, diese strenge Sammlung des Gemüts, und Einkehr zu sich selber, ist die einzige Bedingung, unter welcher das selige Leben an uns kommen kann; unter dieser Bedingung kommt es aber auch gewiß und unfehlbar an uns.”

Es wäre wohl nicht Aufgabe des Idealismus, diesen Anspruch zur absoluten Wissenschaft adhoc einzulösen. Es ist nach meinem Dafürhalten eher der Anspruch, einen Anspruch an Welterklärung zu stellen, der aufgrund der Höhe seiner Warte zuletzt rationaler Duchdringung unabdingbar standhalten müßte. Die Einlassungen Fichtes sind apodiktischer Natur, sie proklamieren, aus innerster Überzeugung und Inspiration und Einsicht zu schöpfen, daher können sie eben ein Privileg zu formulieren wagen, das antritt, Nichtwissen und Zweifel endlich aufzuheben als einer Schwäche aus einer geistigen Disparatheit, die nun dem Subjekt des Erkennens in Kongruenz mit dem eigenen Vermögen nicht mehr zukommt. Schon bei Plato finden wird diesen Anspruch – eigentlich schon ab Parmenides‘ Proömium, denn hier ist es mit Philosophie zu tun, die kündet, dann erst rationalisieren will- als stünde sie auf einer unhintergehbaren Apriorie und Empirie, die weit mehr wert scheint als aller Diskurs, der in und aus dem Horizont der Hiesigkeit (Er-) Klärung und Evidenz zu schöpfen sucht. Freilich muß diese Erfahrung – der man ja ohne weiteres quasimythische Qualität unterstellen kann – zugleich die völlige empirische Unbestimmbarkeit des Glaubens verlassen, um einst ihr Versprechen des Evident-Seins einlösen zu können. Dies wäre eine übergeordnete Definition von Philosophie: Das als Realste und Wahrste Erkannte diskursiv zur Objektivierbarkeit nachzuzeichnen, nur diesmal beginnend vom Kleinsten und Profansten dann zum Urquell der Erkenntnis, der transzendenten Empirie, die schon lange als totale Erklärung getätigt war. Volkmann Schluck über den Neuplatonismus: “Die Einheit ist das Vermögen des ursprünglichen Zusammenseins dessen, was die denkende Analysis durch Aufhebung der Absonderung wieder zur Einheit zusammengehen läßt oder genauer: mit sich geeint sein läßt.