“Durch die Nichtunterscheidung von vor-und überintentionalem Bewußtsein wird die Evolution des Bewußtseins – eine der großen Ideen des Deutschen Idealismus – bei Fichte zu einem zirkulären Prozeß. Das reine Ich, das bereits ein vollkommenes Sellbstbewußtsein hat, stellt sich am Beginn der Entfaltung des Bewußtseins als individuelles Subjekt einer gegenständlichen Realität gegenüber, gewinnt aber im Laufe der Evolution seines Bewußtseins nur die ursprüngliche Einsicht zurück, selbst die ganze Wirklichkeit zu sein. Warum sollte sich aber das reine Ich auf den Weg zu einer Selbsterkenntnis machen, die es schon hat? Warum sich auf das beschränkte intentionale Denken einlassen, wenn es ein absolutes Wissen hat? Bei einer genuien Evolution muss etwas Neues enstehen, das Ende muß vom Anfang verschieden sein .
Die Nichtunterscheidung von vor-und überintentionalem Bewußtsein ist auch ein Mangel eines großen Teils der indischen Philosophie. Auch dort steht man damit vor der Fage, warum ein Wesen, das auf der Höhe der Erkenntnis steht und sich als atman eins weiß mt der ganzen Wirklichkeit, der Illusion (maya) unterliegen soll, Subjekt in der empirischen Welt zu sein. Es gibt ja keine Illusion ohne Träger, ohne jemanden, der die Illusion hat. Nach der Lehre des Advaita gibt es aber Subjekte gar nicht wirklich, sie sind nicht Träger, sondern Inhalt der Illusion, gäbe es eine Illusion, so wäre sie also eine Illusion des Absoluten selbt.”(Franz von Kutschera)
“Illusion” aber ist nur in der Entfernung des Subjektes von aller Eigenheit!
Volkmann-Schluck über Plotins Philosophie: “Die Vielheit ist die Weise, wie das unterscheidende Denken das ursprünglich Eine und Ganze, das unteilbar Innerliche, begegnen läßt.”
“Die Vielheit stellt die Aufbauelemente einer einheitlichen Wesenheit dar, Teile eines vorgängig an ihm selbst Einigen und Ganzen.”
“Diese Einheit ist das Vermögen des ursprünglichen Zusammenseins dessen, was die denkende Analysis durch Aufhebung der Absonderung wieder zur Einheit zusammengehen läßt oder genauer: mit sich geeint sein läßt. “
“Das im höchsten Sinne Seiende kann nicht in der ehrwürdig erhabenen Ruhe wie ein Götterbild verharren. Es ist Leben, deshalb wohnt Seele in ihm:”
Freilich hat letztere Aussage offenbar rein thetischen Charakter. Allerdings kann eine genuine Evolution nicht so gemeint sein, daß sie im Ganzen Neues entstehen läßt, vielmehr sprechen wir von einem Zyklus aus Emanation und Rückemanation. Neues entsteht nur im Subjekt aus der Position einer Disparatheit in Annäherung zum Endpunkt aller Erfahrung, der aber – weil aller Zeitlichkeit enthoben – zugleich Anfangspunkt ist. Daher auch meint Platons Lernen Erinnern: Aller Fortschritt mündet in der ersten Bestimmung und der höchsten zu entwickelnden Position, die eben auch ein Drängen und Leben, alle Bewegung und alle Potenz zur Entfernung von ihrem Ureigensten in sich tragen muß, und dies zuerst in zeitloser, ortloser und ewiger Art. Die Frage, warum diese Potenz nicht in sich bleibt, ohne sich von außen zu betrachten und zu beschreiben, ist damit noch nicht zu beantworten. Wohl aber läßt sich sagen, daß diese Frage aus dem disparaten Subjekt heraus formuliert wird. Und da dieses gar nicht wirklich ist, muß auch die Frage schwachen Inhaltes sein. Was wäre, wenn diese Frage sich gar nicht wirklich stellt?
Alle Welt oder die Illusion einer Welt ist nur rein im Subjekt, das sich aus der Eigentlichkeit der Sicht entfernt hat, und seine Perzeption bildet so illusionäre Objekte, eingeschlossen seiner Sinne. Daher aber muß die Intention für die illusionäre Anschauung auch in einer höheren, an der hiesigen Person in irgendeiner Art beteiligten apriorischen Disposition liegen. “Evolution” (des Bewußtseins) impliziert begrifflich schon eine Attributierung zeitlicher Wahrnehmung, diese aber ist das Auseinandersein der Einsheit. Daher meint Fortschritt (geschichtlich) Überwindung von Zeit und Raum aus der Raumzeitlichkeit heraus und einen Überschlag durch Durchdringung, Durchwirkung, hohe Seinswerdung und schließlich Überwindung aller emanierten Gehalte zu ihrem Beieinandersein. Der Mensch ist ein solcher Gehalt und muß seine Sinne überwinden, um wirklich zu sehen. Er darf keineswegs mehr die Ansicht oder Form “Mensch” perpetuieren, sondern muß alles beenden, was hiesiges Bildsein (=Welt) im Dasein hält. Evolution meint zuletzt solche Entbildlichung. Der Ursprung des Bildes aber liegt im sprachlich Dunkeln.