Wunsch und Handlung

Klesa -Leiden (durch Unwissenheit und dessen Auswirkungen). Es gibt fünf Arten von klesa: avidya (Unwissenheit), asmita (Egoismus), raga (Mögen), dvesa (Abneigung) und abhinivesa (Anhaften am weltlichen Leben).

“Die individuelle Seele ist in ihrer Essenz das ewige brahman. Aufgrund von avidya, Unwissenheit, ist sie sich ihrer eigenen Essenz nicht bewußt. Sie identifiziert sich mit dem physischen Körper und vergißt so ihre eigene göttliche Natur. Brahman, das Ewige, existiert schon vor der Erleuchtung im eigenen Selbst. Es leuchtet von Ewigkeit her in der Kammer des eigenen Herzens. Selbstverwirklichung, Erleuchtung, bedeutet nicht, daß man etwas Neues erlangt. Es bedeutet nur, daß man die eigene Natur erkennt, indem man die Schleier zerreißt, die Unwissenheit vernichtet und die drei Knoten (hrdaya-granthis) zerschneidet, nämlich avidya (Unwissenheit), kama (Wunsch) und karma (Handlung).”

Wunsch und Handlung aber sind auch Implikate von Intentionen durch Seelenresonanzen jener Stufe, der man sich im genannten Sinne nähert, zu der man zugehörig ist, die man anstrebt. Abneigung betrifft das Abgelegte, als hinderlich Erkannte, zu Überwindende. Kommt alles zum letzten Ende, zur letzten und höchsten Fusion, mögen solche Kategorisierungen als überkommene (dualistische) Festschreibungen gelten. Wir sind aber doch darauf abgestellt, wesenhaft strebhaft zu sein in die Tiefe (der Selbstverwirklichung) und zu ihren Qualitäten. Wunsch und Handlung betreffen so gerade den Weg zur Progression. Rechter Wunsch und rechte Handlung führen zur Befreiung, die Welt bietet dabei gerade die Richtschnur zu ‘progressiver Negation’ (nämlich der Dinge in ihrer anhaftenden Qualität).

Naturgemäß aber scheint der Seele ein Weg abgewandt vom Geistigen, hin zum Sinnlichen:
Volkmann-Schluck: “Das In-sich-selbst-Ruhen im Innesein der eigenen Gedanken ist überhaupt keine Möglichkeit der Seele als Seele, deren Denkintention bei ihrer zurückgewandten Hinblicknahme auf die Noemata nicht auf ein thematisches Erfassen des Noeton geht, vielmehr steht ihr ihr noetisches Sehen in dem Dienst des Erfassens der Sinnesgegenstände, so daß ein ständiges nach außen gewandtes Unverweilen die entscheidende Bestimmung für sie ausmacht.”

Aber die eigentliche Bestimmung wird erfahrbar, “Indem man sich selbst durch den Geist erkennt, indem man Geist wird; und vermöge des Geistes denkt man sich nicht mehr als Menschen, sondern ist gänzlich ein anderer geworden und hat sich in die Höhe entrückt, indem man nur den besseren teil der Seele, der auch allein sich zum denken beflügeln kann, hinaufzieht, damit jemand dort aufbewahre, was man sah.”
Dies gerade geschieht in der Welt durch Wunsch und Handlung – durch Scheidung und Verortung, also durch Bezugnahme, keineswegs durch ein völlig indifferentes Lassen.

Don Juan Matus bei Carlos Castaneda betont “…die Tatsache, daß wir leuchtende Wesen sind. Wir sind Wahrnehmung. Wir sind Bewußtsein. Wir sind keine Objekte, wir haben keine feste Konsistenz, wir sind grenzenlos. Die Welt der festen Objekte ist ein Mittel, unsere Wanderschaft auf Erden angenehm zu machen. Sie ist nur eine Beschreibung, geschaffen, um uns zu helfen. Wir – oder besser: unsere Vernunft – vergessen gern, daß die Beschreibung nur eine Beschreibung ist, und so schließen wir die Ganzheit unseres Selbst in einen Teufelskreis ein, dem wir, solange wir leben, kaum entrinnen können.”

“Die Welt, die wir wahrnehmen, ist jedoch eine Illusion. Sie ist entstanden durch eine Beschreibung, die man uns seit dem Augenblick unserer Geburt erzählt hat.”

Handeln wir in dieser Vergegenwärtigung entgegen dem Verstetigenden -und gegen die Objekthaftigkeit der Objekte -, ändern wir unsere Existenz zu höherem Seinsrang, zum Feinstofflichen, zu dem, was im tiefsten als Totalität überobjektiv in uns liegt.