Pfeil des Upanishad

Mundaka-Upanishad: “Nachdem du den Bogen der Upanishaden aufgenommen hast, diese große Waffe, nachdem du darauf den Pfeil gelegt hast, der durch stetige Meditation geschärft wurde, und nachdem du den Bogen angespannt hast, mit dem Geist auf brahman fixiert, schieß, o edler Jüngling, und triff jenes Ziel – das unsterbliche brahman.”
“Fixiere den Pfeil auf dem Bogen und spanne diesen – das heißt: Ziehe den Geist und die Sinne von ihren äußeren Objekten ab. Spanne ihn – das heißt: Konzentriere dich auf brahman. Triff das Ziel, das unsterbliche brahman – das heißt: Verschmelze mit brahman durch tiefe Meditation.”

Dies Bild ist nun auch übertragbar vom Individuum auf eine gesamte Sozietät.
Der Bogen ist hier ‘aufgenommen’ für eine Findung – in der dialektischen geschichtlichen Auseinandersetzung um und an dem Geist für eine Gruppe, die über ähnliche Herkunft, Erfahrung, Perspektive, Möglichkeit und Willen zur geistigen Bestimmung verfügen kann. In diesem Sinne läßt sich im Zuge solcher Disposition auch eine Begrifflichkeit wie ‘Heimat’ einführen, als “ermunternde Ursache für jegliche schöpferische Symbol-Findung, für ehrfurchtsvolle Wertschätzung der Symbol-Kraft” (Siegried Lehmann).
Nietzsche etwa bemüht das Bild vom “prächtig gespannten Bogen” vor dem Hintergrund einer abendländischen inneren Auseinandersetzung um den rechten Weg und Glauben, zuletzt um die Abwehr und Überwindung des alles dominierenden christlichen Theismus.
De facto – nun für den Idealismus redend – füllt der Theismus die menschliche Bestimmung nicht aus, denn er behandelt den Geist wie ein außerhalb stehendes Ens, wie ein Eigenes und selbstredend Besseres, zu dem der Mensch aus seiner Niedrigkeit aufzuschauen hat.
Nun stelle man sich die zur kollektiven Bestimmung (somit zum Geist) evolvierende Sozietät vor, wie sie mit einem ‘upanishadischen’ Pfeil verfahre, wie unbezwingbar sie sei in einer Bewegung, in ihrer Kraft eben von ihrer Disposition aus zu ihren fernen und zugleich intrinsischen Zielen (nämlich der eigenen und später der Menschheits- Bestimmung).
Die zuletzt geistfeindliche säkulare und theistische Ausrichtung unserer Zeit aber ist kollektives Hindernis, so wie es die Undisziplin oder hemmende Stagnation des Einzelnen im Inneren für es selbst ist. Nur in der Überwindung kann der Geist aus seinem (persönlichen und historischen) Prokrustesbett erstehen, gar in besonderer Erwartung, in erhöhten Spannungszustand versetzt, in ursächlichste Kraft und Bewegung geraten.
Anders als bei Nietzsche ist aber im Upanishad das Ziel nicht im Vagen oder Hypothetischen, daher ist es exakt anvisiert, die Spannkraft ist nicht in der Auseinandersetzung erzeugt, eher in der Scheidung und somit der Konzentrierung um das eine Unveränderliche, das Urprinzip eigenen Seins und Geistes ist und so Quell unendlicher Bestimmtheit.